Gesundheit : Die falschen Klone des Herrn H.

Jetzt ist es amtlich: Der Koreaner Hwang hat seine bahnbrechenden Stammzellstudien komplett gefälscht

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Es liegt in der Natur eines Klons, dass er kein Original ist. Sondern nur die genetische Kopie eines bereits existierenden Lebewesens. Aber die Klone des koreanischen Tierarztes Hwang Woo-suk haben sich gleichsam als Fälschung einer Fälschung entpuppt. Wie eine Kommission der National-Universität in Seoul am Dienstag abschließend mitteilte, hat Hwang es anders als behauptet niemals geschafft, menschliche embryonale Stammzellen zu klonen oder gar für Patienten maßgeschneiderte Stammzellen zu züchten. Nur der Klonhund „Snuppy“ ist echt, stellte die Kommission fest.

Damit ist amtlich, dass die Ergebnisse der zwei bahnbrechenden Stammzell-Studien von Hwang und seinen Helfershelfern manipuliert wurden. Im Februar 2004 hatte Hwang erstmals weltweites Aufsehen erregt, als er in der Zeitschrift „Science“ behauptete, aus der entkernten Eizelle einer Frau sowie dem Zellkern eines ihrer Körperzellen einen menschlichen Embryo geklont und aus diesem Stammzellen gewonnen zu haben.

Mit solchen geklonten Stammzellen, so die Hoffnung viele Mediziner, könnten sich eines Tages Krankheiten wie Diabetes oder Parkinson besser studieren oder sogar behandeln lassen. Einen menschlichen Embryo zu klonen und dann aus ihm eine überlebensfähige Zucht von Stammzellen aufzubauen, war vorher noch niemandem gelungen.

Aber Hwang hatte die Welt betrogen. Die angeblich geklonten Stammzellen sind vermutlich das Ergebnis einer „Jungfernzeugung“ (Parthenogenese). Die Eizelle hatte sich von sich aus geteilt. Allerdings sind solche menschlichen „Embryonen“ nicht lebensfähig.

Noch größeren Wirbel rief im Juni 2005 Hwangs zweite in „Science“ veröffentlichte Studie hervor. Darin behauptete er, mit Hilfe von nur wenigen Eizellen embryonale Stammzellen von elf Patienten geklont zu haben. Damit war die Idee von der Stammzelltherapie in greifbare Nähe gerückt. Hwang hatte die Forscherkonkurrenz deklassiert und schien in einer anderen Liga zu spielen.

Alles falsch, stellt sich nun heraus. Die Stammzellen der elf Patienten rühren von zwei Stammzell-Linien her. Und diese wurden nicht geklont, sondern entstammen befruchteten Eizellen. Das ist die gängige Methode, mit der heute embryonale Stammzellen hergestellt werden. Hwang hat nie für Patienten maßgeschneiderte Stammzellen produziert.

Lediglich der erste geklonte Hund, über den Hwang im August 2005 im Fachblatt „Nature“ berichtete, erwies sich als echt. Die Kommission betont, dass Hwangs Team die „Quetschtechnik“ beim Klonen von Tieren erfolgreich angewandt habe. Der Kern der Eizelle wird dabei nicht mit einer Spritze aus der Zelle entfernt, sondern durch eine winzige Öffnung in der Zellmembran herausgedrückt.

Hwang hat diese Methode nicht erfunden, sie aber offenbar nicht völlig erfolglos auch an menschlichen Eizellen angewendet. Denn die Kommission berichtet, dass sein Team „im Besitz der Technik war“, um frühe menschliche Embryonen (Blastozysten, „Keimblasen“) klonen zu können. Auch wenn die von Hwang tatsächlich erzeugten Klone „in schlechtem Zustand“ waren. Einige koreanische Wissenschaftler plädieren dafür, Hwangs durchaus vorhandene Expertise beim Klonen für künftige Forschungsarbeiten zu nutzen.

Hwang ließ sich als nimmermüder Wohltäter der Menschheit feiern. Viele Frauen spendeten Eizellen für seine Arbeit, er setzte aber auch Mitarbeiterinnen unter Druck, um an Eizellen zu gelangen. Von November 2002 bis November 2005 spendeten 129 Frauen insgesamt 2061 Eizellen an den Klonforscher. Die koreanische Regierung unterstützte ihren Superstar seit 1998 mit 34,6 Millionen Euro. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft. Hwang, der einstige Nationalheld, und neun seiner Mitarbeiter dürfen Südkorea nicht verlassen.

Nach dem Platzen der Hwangschen Klonblase heißt es für die Stammzellforscher, wieder fast von vorn anzufangen. Weltweit arbeiten mehrere Gruppen am Klonen menschlicher Embryonen für medizinische Zwecke, darunter auch Ian Wilmut, Schöpfer des Klonschafs „Dolly“. Viele Wissenschaftler, die sich schon von Hwang aus dem Rennen geworfen glaubten, sind wieder im Spiel.

„Ich muss zugeben, dass ich mich entschlossen hatte, an der Stanford-Universität nicht mit voller Kraft in diesem Bereich zu forschen“, sagt Irving Weissman, einer der führenden Stammzellforsher. „Denn es schien mir fast unethisch, mit menschlichen Eizellen zu arbeiten, wo Hwang doch diesen Prozess so effizient gemacht hatte.“

In Deutschland sind sowohl das Klonen als auch das Herstellen menschlicher embryonaler Stammzellen verboten. Die Wissenschaftler sind gezwungen, auf andere Gebiete auszuweichen oder mit importierten, durch Tierzellen verunreinigten Stammzell-Linien zu arbeiten. „Wir haben nicht auf diese Studien aus Südkorea gebaut“, sagt Jürgen Hescheler von der Kölner Universität, der mit Herzmuskelzellen arbeitet. Aber deutsche Wissenschaftler befürchten einen Imageschaden. Gab es doch immer wieder zaghafte Ansätze, das strenge Stammzellgesetz zu liberalisieren.

Hwangs schneller Ruhm wäre ohne einflussreiche Zeitschriften wie „Science“ nicht möglich gewesen. Sie wurden zu seinen Herolden. Aber die Redaktion von „Science“ wies Kritik am flüchtigen Begutachten von Hwangs Studie mit dem Argument zurück, dass das Gutachtersystem („peer-review“) nicht darauf ausgelegt sei, gefälschte Daten zu erkennen. „,Science’ hätte sorgfältiger sein müssen“, kritisiert dagegen Benjamin Lewin, ehemaliger Chefredakteur des als besonders gründlich eingeschätzten Fachblattes „Cell“. Es hätte niemals dazu kommen dürfen, dass eine Studie veröffentlicht wird, in der mehrere identische Fotos enthalten sind.

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