Gesundheit : Die Farben des Gehirns

Bas Kast

Kann ein farbenblinder Mensch je verstehen, was eine Farbe ist? Die Frage führt in das komplizierteste Problem der Hirnforschung, das "Leib-Seele-Problem":Wie kann aus Hirnzellen unsere Psyche entstehen?

Dazu ein Gedankenexperiment. Nehmen wir die fiktive Person Mary. Mary ist Neurobiologin und ihren Kollegen meilenweit voraus. Sie weiß - bis ins letzte Detail - alles über das menschliche Farbsehen. Sie weiß, welche Sinneszellen im Auge aktiviert werden, wenn man ein grünes oder rotes Pop-Art-Gemälde sieht. Sie weiß auch, wie diese Sinneszellen bestimmte Hirnzellen erregen, die dazu führen, dass wir rot sehen. Kurzum: Marys Wissen darüber, wie Farben im Kopf entstehen, ist perfekt.

Einen kleinen Haken gibt es: Mary hat - wie ein Farbenblinder - noch nie eine Farbe gesehen, eine rote Rose etwa. Sie lebt in einem Gefängnis, in dem es keine Farben gibt. Würde sie aufgrund ihrer allumfassenden Neurobiologie-Kenntnisse dennoch wissen, wie das ist, wie sich das "anfühlt", eine rote Rose zu sehen? Würde sie etwas Neues erfahren, wenn man sie aus ihrem Schwarz- Weiß-Gefängnis befreite und sie zum ersten Mal eine Farbe sähe? "Ganz offensichtlich wäre dies der Fall", schreibt der Magdeburger Philosoph Michael Pauen in "Gehirn & Geist", einem neuen Magazin für Hirnforschung und Psychologie aus dem Hause "Spektrum der Wissenschaft.

Was ist Bewusstsein? Haben wir einen freien Willen? Können Neurowissenschaftler unsere Seele entschlüsseln? Das sind die Fragen, mit denen sich das Blatt, das ab jetzt vier Mal im Jahr erscheinen soll, auseinandersetzen wird - zum Teil schreiben Journalisten die Beiträge, zum Teil die Hirnforscher selbst. Wenn es dabei gelänge, die Qualität immer so hoch zu halten, wie in diesem ersten Heft, dann wäre das eine echte Freude für alle, die sich für das Hirn und unsere Psyche interessieren.

Was folgt aus dem Gedankenexperiment mit Mary? "Dass uns neurobiologische Erkenntnisse keine umfassenden Rückschlüsse auf Bewusstseinsprozesse erlauben", schreibt Pauen.

Deutlich wird das auch anhand eines weiteren Gedankenexperiments des New Yorker Philosophen Thomas Nagel: Wie wäre es wohl, eine Fledermaus zu sein?

Gesetzt den Fall, wir hätten das Hirn der Fledermaus vollkommen enträtselt, jedes molekularbiologische Detail wäre geklärt - würden wir dann wissen, wie es sich "anfühlt", eine Fledermaus zu sein? Nagels Antwort: Nein. Hört oder sieht die Fledermaus Schallwellen? Wir wissen es nicht. Es könnte durchaus sein, dass das Hirn der Fledermaus die verschiedenen Schallwellen in verschiedene Farben umsetzt, und nicht etwa in Geräusche.

Die beiden theoretischen Überlegungen kommen zum gleichen Schluss: Wie viel neurobiologisches Wissen wir auch ansammeln - mit Hirnforschung allein ist unserem Geist offenbar nicht beizukommen.

Dennoch will Philosoph Pauen die Flinte nicht gleich ins Korn werfen: Die Wissenschaft, führt er aus, häuft nicht nur Fakten an. Der Prozess des Forschens "kann auch bewirken, dass sich unser Verständnis von einem bestimmten Sachverhalt grundsätzlich wandelt". Bislang wissen wir einfach noch nicht genau, wie wir über die Seele nachdenken müssen - was sich auch auf die Gedankenexperimente niederschlägt. Das Mehr an Wissen könnte dazu führen, dass sich unsere gesamte Denkweise ändert.

Die Seele, das Bewusstsein - es ist der Schwerpunkt dieser ersten Ausgabe von "Gehirn & Geist". Was viel theoretische Fracht mit sich bringt. Aber im Heft stehen auch kürzere Nachrichten aus der Welt der Neurowissenschaften. Es gibt Neues aus der Werbepsychologie, über rollende Roboter - und über die unterschiedliche Wahrnehmung von Mann und Frau. Beispiel: Frauen haben ein besseres Gespür dafür, wenn jemand nicht fühlt, was er sagt.

Untersuchen kann man das mit Hilfe von N400, der "Überraschungswelle". Bei dem Satz "Ich trank meinen Kaffee mit Milch und... Socken" etwa, ist das Wort "Socken" eine Überraschung fürs Hirn, die sich mit dem Elektroenzephalogramm (EEG) registrieren lässt: Etwa 400 Millisekunden nach dem Wort "Socken" misst das EEG ein negatives Potenzial, N400 genannt. Je größer die N400-Welle, um so größer die Überraschung. Hier zeigen sich noch keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Doch eine solche Welle der Überraschung kann man auch hervorrufen, wenn man Probanden den Satz "Gestern hatte er seine Abschlussprüfung" vorspricht, mal in fröhlichem, mal in traurigem Ton, und dann, gleich im Anschluss an den Satz, entweder das Wort "Niederlage" oder "Erfolg" zeigt. Nach dem traurigen Tonfall erwartet man das Wort "Niederlage", zum fröhlichen passt "Erfolg". Folgt auf der betrübten Sprechmelodie wider Erwarten das Wort Erfolg, schlägt das EEG Alarm - allerdings, im Standardversuch, nur bei Frauen! Bei Männern zeigt sich die N400-Welle erst, wenn man den zeitlichen Abstand zwischen dem gesprochenen Satz und dem Wort stark erhöht (von 200 auf 750 Millisekunden).

Frauen merken also deutlich schneller, ob Tonfall und Inhalt des Gesagten zueinander passen. Oft genug ist ja letztlich nicht ausschlaggebend, was, sondern wie etwas gesagt wird. Warum allerdings Frauen dafür ein besseres Hirn haben als Männer, bleibt auch den Experten ein Rätsel.

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