Gesundheit : „Die Folgen der Selektion sind katastrophal“

Mehr Gerechtigkeit: FU-Präsident Dieter Lenzen will die Hauptschule abschaffen

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Herr Lenzen, am Donnerstag werden die Ergebnisse der vertieften Auswertung der nationalen PisaStudie veröffentlicht. Schon die erste Pisa-Studie hat gezeigt, dass unser Schulwesen im OECD-Vergleich das sozial selektivste ist: Bei gleicher kognitiver Grundfähigkeit und Lesekompetenz haben Kinder aus der Oberschicht eine viermal höhere Chance, aufs Gymnasium zu wechseln als Kinder aus unteren Schichten. Haben Sie den Eindruck, dass Konsequenzen gezogen wurden?

Die Länder haben richtige Schritte eingeleitet, die aber noch nicht alle wirksam werden können. Im Übrigen: Zur Chance, aufs Gymnasium zu kommen, gehört neben der Qualifikation auch der Bildungshintergrund. Es gibt bei vielen Familien aus der bildungsfernen Schicht keine hinreichende Einsicht darin, dass es die Lebenschancen der Kinder verbessert, wenn sie aufs Gymnasium gehen.

Können nicht auch falsche Lehrerempfehlungen Schuld sein?

In der Tat gibt es Hinweise darauf, dass die Empfehlungen der Grundschule problematisch sein können. Denn über die Hälfte der Kinder, die trotz negativer Gutachten auf Wunsch der Eltern das Gymnasium besuchen, machen Abitur.

Wie kann man hier eingreifen?

Wir brauchen objektive Tests, so dass subjektive Urteile außen vor bleiben. Und wir müssen eine gute Elternarbeit einführen. Der Bildungsweg der Kinder muss mit den Eltern kontinuierlich besprochen werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Schule als Zwangsbehörde begriffen wird, in die man seine Kinder schicken muss. Die Schule muss als Einrichtung in gemeinsamer Verantwortung von Eltern und Lehrern gesehen werden.

In den neuen Ländern sind die relativen Chancen eines Gymnasialbesuchs deutlich weniger sozialschichtabhängig als in den alten Ländern, so das Ergebnis von Pisa 2000. Ist dies ein Erbe der DDR, das bald verloren gehen wird?

Diese Frage ist nicht zu beantworten. Dazu müsste man auf kontinuierliche Untersuchungen zurückgreifen, die in die DDR-Zeit zurückreichen. Solche gibt es aber nicht. So kann man nur spekulieren.

Entscheidend für die Entstehung von Bildungsungleichheiten sind die Gelenkstellen von Bildungskarrieren, darüber sind sich die Wissenschaftler einig. Ist es also besonders problematisch, die Kinder schon nach der vierten Klasse auf die Schultypen aufzuteilen?

Ich bin der Auffassung, dass man das zehnte Lebensjahr für diese Entscheidung beibehalten kann, wenn man mit dem Bildungsprozess früher beginnt. Wenn man damit schon bei Vierjährigen anfängt, bleiben immer noch sechs Jahre gemeinsamer Erziehung.

Sie haben sich in der Schulstandort-Kommission Brandenburg für die Abschaffung der Hauptschule engagiert. Muss jedes Bundesland diesen Schritt erwägen?

Ich gehe davon aus, dass es zu einem zweigliedrigen Schulsystem mittelfristig keine Alternative gibt. Selbst in Bayern, das eine leistungsstarke Hauptschule hat, zeigt Pisa die hohe Selektivität des Systems: Bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und gleicher Lesekompetenz liegen die Chancen eines Jugendlichen aus der bildungsnahen Schicht, ein Gymnasium zu besuchen, mehr als sechsmal so hoch wie für einen 15-Jährigen aus einer Arbeiterfamilie, hat Pisa 2000 ergeben.

In Bayern sieht man das als kein so großes Problem, da ja die Haupt- und Realschulen ein sehr gutes Leistungsniveau haben.

Es ist richtig, dass das Gesamtniveau hoch ist. Diese Situation ist aber trotzdem ein Problem, denn sie hat für Bayern katastrophale Folgen wegen der Unterversorgung mit höher qualifizierten Menschen. Bayern hat fast zehn Prozent weniger Abiturienten als die Bundesländer im Schnitt. Es ist also auf Dauerimporte angewiesen. Von der bayerischen Industrie ist das erkannt, wird aber erfolglos bekämpft. Angesichts der demografischen Entwicklung muss der Anteil an Hochschulzugangsberechtigten steigen.

Migranten schnitten bei der letzten Pisa-Studie deutlich schlechter ab als Kinder ohne Migrationshintergrund. Doch zwischen den Ländern gab es große Unterschiede. Die Migranten in Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen erzielten deutlich höhere Leistungswerte als etwa die in Schleswig-Holstein und Bremen. Wie ist das zu erklären?

Das entspricht dem insgesamt höheren Leistungsniveau in den Ländern, das auch auf die Migranten durchschlägt. Aber man muss auch das Bildungsklima berücksichtigen, das in großen Städten signifikant anders ist. In Baden-Württemberg und Bayern arbeiten viele Migranten in kleinen Unternehmen, die außerhalb von Großstädten angesiedelt sind. Im Norden dagegen ist die Industrie in Ballungsgebieten angesiedelt.

Das Gespräch führte Anja Kühne.

DIETER LENZEN (57) ist Präsident der Freien Universität. Der Erziehungswissenschaftler schlägt in seiner Studie „Bildung neu denken“ eine Umgestaltung des Bildungswesens vor.

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