Gesundheit : Die Freiheit der anderen

Wie erfolgreich kann Demokratieexport sein – nach 1945 und heute, fragte eine internationale Konferenz in Potsdam

Caroline Fetscher

Vor 60 Jahren, vom 17. Juli bis zum 2. August 1945, berieten in Potsdam die „Großen Drei“ über das Los der Besiegten. Churchill, Truman und Stalin gaben einander zum legendären Foto vor dem Schloss Cecilienhof überkreuz die Hände und strahlten in die Kamera. Von nun an würde Deutschland, jedenfalls Westdeutschland, wie später auch Japan, unter der Ägide der Alliierten Demokratie lernen. Hauptautor des Entwurfs für Deutschland waren die USA.

Major General Robert Alexis McClure, bis 1945 zuständig für die psychologische Kriegsführung und nach Kriegsende Schlüsselfigur bei der Entnazifizierung der Deutschen, notiert im Juli 1946: „Wir haben jetzt die Kontrolle über 37 Zeitungen, 6 Radiosender, 314 Theater, 642 Kinos, 101Magazine, 237 Verlage, 7384 Buchhandlungen und Druckereien und wir machen etwa 15 Meinungsumfragen im Monat. Außerdem publizieren wir selbst eine Zeitung mit der Auflage von anderthalb Millionen, unterhalten die Agentur Associated Press of Germany und haben 20 Leihbüchereien eröffnet. Die Aufgabe ist gigantisch.“

Genau 60 Jahre nach „Potsdam“ versammelte das dortige Einstein-Forum ein Dutzend Wissenschaftler und Schriftsteller aus Amerika, England, Polen, dem Irak und Deutschland zur Bestandsaufnahme des „Potsdamer Paradigmas“. Es ging um die aktuelle Frage nach den „Pfaden zur Demokratie im 21. Jahrhundert“. Angesichts der Dilemmata nach dem Regimewechsel im Irak sind sie auf den weltpolitischen Karten nur schwer auszumachen.

War das unmittelbar nach 1945 einfacher? Kaum, folgt man Heinrich August Winkler, Historiker an der Humboldt-Universität zu Berlin. Für die Demokratisierung der Deutschen seien ihr Schatz an politischen Erfahrungen aus der Zeit der Weimarer Republik und das Ende der Klasse der Ostelbischen Junker entscheidender gewesen als die Reeducation-Programme. Aus Bonn, sagte Winkler, sei kein Weimar geworden, „da Bonn die Chance hatte, von Weimar zu lernen“. Ohne diese Lehren wäre das Unterfangen der Alliierten fruchtlos geblieben. Winklers Worte waren ohne Zweifel Wasser auf die Mühlen derer, die den Versuch der USA verurteilen, Demokratie in den Mittleren Osten zu importieren. Wo es nicht zumindest ein Weimar gab, da werde aus dem Kokon eines gewaltsam beseitigten Regimes nicht von allein der Schmetterling der Freiheit schlüpfen.

Der Wandel Japans nach 1945 legt allerdings nahe, dass der Demokratieexport der USA im Ursprung erfolgreicher war, als ihren Kritikern heute recht sein kann. Wie es die Amerikaner schafften, Japan zu demokratisieren, ein Land dessen rigide Traditionen keine Spur von Demokratie kannten, erklärte Ian Buruma. Zum Idealismus der Linken und Liberalen gehörte damals die Überzeugung: Alle Menschen der Welt können Demokraten werden. Es waren damals die Rechten, die vor beharrlichen Traditionen warnten, und auf Unterschiede in Mentalität und Kultur verwiesen, womit sie bei konservativen Japanern Beifall fanden.

Erfolg in Japan und auch in Europa hatten dann aber die Liberalen, etwa der Harvarder Soziologe Talcott Parsons, der gegen Morgenthaus Pläne gewann, wie Uta Gerhardt (Universität Heidelberg), die exzellenteste Kennerin des Sujets, in ihrer eben erschienenen Studie „Soziologie der Stunde Null“ nachweist. Mit den Anhängern Parsons’ rollte das Riesenprojekt der Demokratisierung an. Zu seinen Kernpunkten zählten die Rechte der Frauen. Unter General McArthurs Regentschaft in Tokio entstand etwa der erste Spielfilm, der den Kuss eines Liebespaares zeigte. Ganz Japan sprach damals monatelang von dieser kleinen Kulturrevolution.

Heute, 60 Jahre nach Potsdam hat sich, die Argumentation von Rechten und Linken fast vollständig umgekehrt. Jetzt vertraue eine ultrakonservative US-Administration auf die globale Verbreitung von Demokratie, sagt Buruma, während eine kulturkonservative Linke erklärt, man dürfe anderen Freiheit nicht aufzwingen. Die arabische Welt sei ihren Traditionen zu sehr verhaftet.

Die Demokratisierung der DDR in den Jahren vor 1989 dagegen kam von innen. Ihr wurde ausgerechnet die einpferchende Mauer zum Menetekel, sagte Konrad Jarausch, Historiker an der North Carolina University Chapel Hill und in Potsdam. Die Mauer warf das Land so sehr auf sich zurück, dass es sich, Ironie der Geschichte, in einen Dampfkochtopf basisdemokratischen Bürgersinns verwandelte. Zur historischen Umwälzung gehörte allerdings auch Gorbatschows Wille, auf Gewalt zu verzichten und den Vasallenstaat loszulassen. Wirkt Demokratie nicht doch ansteckend? Die Kaskade friedlicher Regimewechsel der jüngsten Vergangenheit stimmt den polnischen Publizisten Konstanty Gebert optimistisch. Vielleicht habe die US-Mission doch etwas für sich und trage mehr Demokratie in den arabischen Raum.

Das kritische Potsdamer Publikum intervenierte, es kam der Einwand vom „Öl“. Ian Buruma hielt dagegen: Amerikanischer Idealismus der Befreiung könne sich ohne Weiteres mit pragmatischen Profitstreben verbinden. Unterstützt wurde er nur von Hans Magnus Enzensberger, der einwarf, Europa habe Amerikas Eigenart bis heute nicht begriffen. Gleichwohl kam Enzensberger, der seine Begeisterung für den Sturz des Diktators Saddam Hussein 2003 offen kundtat, zu der Diagnose: „Die Sieger waren ihrem Sieg nicht gewachsen.“ In einer kurzen Ansprache vor der altenglischen Fassade von Schloss Cecilienhof ließ der Essayist offen, wie er es retrospektiv mit seiner Position von damals hält.

Einen Pfad zwischen allen Pfaden zur Demokratie suchte Michael Walzer, Princeton- Theoretiker der „gerechten Kriege“. Für den Irak wäre es besser gewesen, den unterschwelligen Krieg-Nicht-Krieg weiterzuführen – besser jedenfalls als die direkte Intervention. Überhaupt könne es im Fall von Diktaturen angemessener und klüger sein, auf ihre allmähliche Aufweichung von innen zu setzen, etwa durch Dissidenten und Menschenrechtler. Dass solche Bürger im Irak Saddams oder in Nordkorea keine drei Tage am Leben bleiben, klammerte Walzer aus.

Hussain Al Mozany, irakischer Schriftsteller im deutschen Exil, zeichnete eine Skizze des kolonialen und postkolonialen Iraks als ein Dauerdebakel vertaner Chancen im Meer diverser Strömungen. Demokratische Ansätze seien stets im Keim erstickt worden. Zu viele Akteure, fürchtet Al Mozany, haben derzeit ein Interesse daran, das Land zu destabilisieren. Syrien und der Ölrivale Saudi-Arabien entsendeten Tausende Gewaltbereiter. Al Mozanys Irak ist ein Land, „das vor lauter Identitätsfülle, vor sprachlicher und ethnischer Vielfalt strotzt“. Gleichzeitig sei es aber ein Schauplatz blutiger ethnischer und nationalistischer Auseinandersetzungen geblieben. Der geistigen Elite des Westens wirft Al Mozany vor, es im Fall der arabischen Welt bei Gesten zu belassen: „Europas Intellektuelle beweisen keine Solidarität mit den demokratischen Dissidenten in der arabischen Welt!“

Lektüre zum Thema: Uta Gerhardt: „Soziologie der Stunde Null. Zur Gesellschaftskonzeption des amerikanischen Besatzungsregimes“, Suhrkamp, Frankfurt am Main, Juli 2005, 455 Seiten, 16 Euro.

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