Gesundheit : Die frohe Botschaft

Bas Kast / Hartmut Wewetzer

Es ist Mitternacht, Charlie fährt gerade von einer Party nach Hause, als es passiert. Ein Betrunkener rammt sein Auto frontal. Der Motor von Charlies Wagen bohrt sich durchs Armaturenbrett und durch seinen Körper. Kaum ein Knochen des amerikanischen Unternehmers, der ganz bleibt. Das Herz bleibt stehen, die Atmung fällt aus. In dieser Nacht am 1. Mai 1987 stirbt Charles Umphred.

Doch die Ärzte auf der Intensivstation holen den Mann ins Leben zurück. Charlie wird einer derjenigen, die vom Tod berichten können: "Direkt nach dem Aufprall, sah ich einen blendenden Lichtblitz. Ich stieg aus meinem Körper, hinauf in die Wolken. Ein rechteckiger Teil der Wolken öffnete sich wie eine Tür, und ich ging hindurch, ins Licht. Dort traf ich auf ein Grüppchen spiritueller Wesen, als würden sie auf mich warten. Ich fühlte mich insgesamt sehr wohl und spürte keine Angst ... "

Gibt es ein Leben im Jenseits? Gibt es eine Seele unabhängig von unserem Hirn? Ja, sagt eine neue Studie. Ein Team unter Leitung des Kardiologen Pim van Lommel vom Rijnstate Krankenhaus im niederländischen Arnheim untersuchte 344 Personen, die, wie Charlie, als klinisch tot galten, dann aber wieder ins Leben zurückkehrten. "Es gibt eine Seele jenseits des Körpers", sagte van Lommel dem Tagesspiegel.

"Sehr merkwürdig"

Stünde ein solches Fazit in einem x-beliebigen Esoterikheft, wäre das nichts Aufsehen erregendes. Aber van Lommels Studie erscheint in dem britischen Blatt "The Lancet" - einem der renommiertesten Medizinfachmagazine der Welt.

Die Untersuchung erscheint erst in der nächsten Woche - bislang ist sie noch nicht zu haben. Dennoch haben bereits verschiedene Zeitungen von der Studie erfahren. "Wir sind darüber schon etwas verärgert", heißt es von "The Lancet", "offenbar hat da jemand geplaudert."

Auch Herzspezialist van Lommel staunte am gestrigen Montag nicht schlecht, als er einen Blick auf die holländische Zeitung "De Telegraaf" warf. "Studie: Es gibt ein Leben nach dem Tod", hieß es dort auf der Titelseite.

Bei den Patienten in van Lommels Studie war es zum Atemausfall und Herzstillstand gekommen. Mehr als zehn Prozent berichteten später, während dieses klinischen Todes nicht nur Gefühle empfunden zu haben. Sie hatten auch Visionen und sich als "außerhalb" des Körpers wahrgenommen.

Was geschah während dieser Zeit mit dem Gehirn? An diesem Punkt wird es kritisch. Es ist das Hirn, das Gefühle und Visionen hervorbringt - wenn es zum Zeitpunkt der Erlebnisse tot war, dann muss es eine Seele unabhängig vom Hirn geben.

Van Lommel behauptet, das Hirn sei zum Zeitpunkt der Erlebnisse so gut wie tot gewesen. Aus Untersuchungen wisse man, dass "zehn Sekunden nach dem Herzstillstand und Atemausfall auch die Hirnaktivität wegfällt", sagt er. Gemessen wird diese Aktivität mit dem EEG (Elektroenzephalogramm). Eine EEG-Messung fand in van Lommels Studie allerdings gar nicht statt, wie er dem Tagesspiegel sagte.

Doch auch wenn der Arzt eine EEG-Messung vorgenommen hätte, würde sich gleich das nächste Problem ergeben: Wie kann man entscheiden, ob die Person die Todeserfahrung nicht bereits vor dem vermeintlichen Hirnausfall gemacht hat? Van Lommels Antwort: "Es gab Personen, die konnten sich detailgetreu an den Reanimationsvorgang erinnern." Hatten sie während der Wiederbelebung etwa die Augen geöffnet? "Aber nein", sagt der Kardiologe, "ihre Seele schwebte über ihrem Körper und beobachtete den Vorgang."

Für "sehr merkwürdig" hält der Bochumer Hirnforscher Onur Güntürkün das Ganze. "Ich kenne einen Muslim, der eine Nahtodeserfahrung gemacht hat, die genau so vor sich ging, wie im Koran beschrieben", sagt Güntürkün. "Offenbar griff er bei seinem Erlebnis auf Erfahrungen seines Hirns zurück."

"Wenn der Patient wieder aufwacht, ist das ja das beste Beispiel dafür, dass das Gehirn eben nicht endgültig tot war", sagt auch der Narkosearzt Christoph Stein vom Uniklinikum Benjamin Franklin. Beim Hirntod wird das Zentralnervensystem nämlich unwiderruflich geschädigt.

Während hektischer Wiederbelebungsversuche sei es gar nicht möglich, eine gründliche Hirntod-Untersuchung zu machen. "So etwas dauert Stunden bis Tage", sagt Stein. Und sogar wenn man mit einem EEG keine Aktivität mehr misst, heißt das nicht automatisch "Hirntod": "Natürlich ist die Erregung geringer, aber es können durchaus noch Zellen tief im Hirn aktiv sein und Erlebnisse hervorrufen", sagt Güntürkün.

Von den Toten zurück

Aus dem Totenreich zurückgekehrt ist auch Gerhard Roth. Der Bremer Hirnforscher hat am eigenen Leibe erlebt, worüber andere nur aus Büchern wissen. Er prallte mit seinem Auto gegen einen Zug und war eine halbe Stunde bewusstlos. "Ich habe mich nie so wohl gefühlt wie in dem Moment, als ich zerschmettert im Auto lag", erinnert er sich. "Ich hatte diesen Tunnelblick. Ich fühlte mich wie auf einer Brücke, schwerelos, als wenn ich keinen Körper mehr hätte."

Dennoch ist Roth davon überzeugt, dass sich diese traumartigen Phänomene streng naturwissenschaftlich erklären lassen. Den Blick durch den dunklen Tunnel ins Licht führt Roth auf Durchblutungsstörungen im Scheitel- und im Hinterhauptslappen des Gehirns zurück. Diese Regionen verknüpfen Sehen und Körperempfindungen.

Sauerstoffmangel könnte optische Sensationen genauso wie andere merkwürdige Wahrnehmungen und Erinnerungen in Todesnähe erklären - ein letztes Aufbäumen der Hirnzellen unter höchstem Stress. Die Euphorie ist vermutlich auf Endorphine zurückzuführen: körpereigene Opiate, die bei starken Schmerzen ausgeschüttet werden - vielleicht, um das Hirn gegen das Geschehen abzuschirmen und es so weit wie noch möglich handlungsfähig zu erhalten.

"Man könnte denken, dort drüben wartet etwas auf uns", sagt Roth. "Aber ich glaube nicht, dass das der Fall ist."

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