Gesundheit : Die frühmittelalterliche Stadt Reric ist ausgegraben - jetzt beginnt die Forschung

Frauke Kaberka

Fast fünf Jahre lang dauerten die Ausgrabungen in der Wismarbucht. Dann war es sicher: das "Troja der Ostsee", die alte Handelsmetropole Reric war entdeckt. Ein Projekt des Landesamtes für Bodendenkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern und der Universität Kiel, das 1994 im Wasser gestartet wurde, findet nun am Schreibtisch und im Labor seine Fortsetzung. Grabungsleiter Hauke Jörns, ehemals Mitarbeiter des nordostdeutschen Landesamtes und heute der Kieler Hochschule, rechnet in drei bis vier Jahren mit Ergebnissen.

Dass man auf das "Troja der Ostsee" gestoßen war, sei ein Glücksfall gewesen, erzählt der Archäologe, der ständig mit etwa 25 ABM-Leuten und zehn Studenten im Wasser der Ostsee buddelte. Zuvor habe es keine Aufschlüsse über die tatsächliche Identität der Grabungsstelle gegeben.

Im sagenhaften Reric ging es bereits vor rund 1300 Jahren "multi-kulti" zu. Zwar lag die später zerstörte Stadt auf slawischem Siedlungsgebiet, doch lebten auf dem etwa 21 Hektar großen Areal auch Wikinger, Sachsen, Franken und etliche andere Stämme. Die Siedlung sei etwa im Jahre 720 von dem Slawenstamm der Obodriten gegründet worden, erklärt Jörns.

Das Reric der Geschichte hat mit der heutigen Stadt Rerik wenig gemein. Die Nazis fassten 1938 kurzerhand ein paar am Salzhaff gelegene Siedlungen unter diesem Namen zusammen. Diese Stadt befindet sich allerdings rund 20 Kilometer neben dem historischen Handelsplatz. Weshalb dieser später von Wikingern und Sachsen zu einem großen Teil dem Erdboden gleichgemacht wurde, hat vermutlich die gleiche Ursache wie alle Kriege: Streben nach Macht und Besitz. Das Ziel wurde offenbar erreicht, denn - so belegen die Ausgrabungen - der erhalten gebliebene Teil Rerics verlor seine überragende Stellung als Handelsmetropole. Konkurrenz wuchs im Schleswigschen.

Irgendwann, so erzählt Jörns, war Reric so unwichtig geworden, dass man später gar nicht mehr wusste, wo es einmal lag. Vermutungen, dass der historische Platz inzwischen unter der sich immer mehr ins Land gefressenen Ostsee begraben liege, hätten sich später bei den Ausgrabungen bestätigt. Ungefähr 300 Meter vom heutigen Ufer entfernt sei die Stadt entdeckt worden. Funde wie Bootsgräber der Wikinger, Urnen- und Gräberfelder sowie Zeugnisse der Handwerkerkunst, seien jetzt eine Herausforderung für die Wissenschaft, die das Puzzle zusammensetzen wolle.

Im Schloss Wiligrad Lübstorf, Sitz des mecklenburgisch-vorpommerschen Landesamtes, werden jetzt die Skelette aus dem Gräberfeld untersucht. Man wolle herausbekommen, welche Krankheiten die Menschen damals gehabt haben und was sie gegessen haben. In Schleswig würden gefundene Tierknochen untersucht, um herauszufinden, welche Arten damals gehalten worden seien. "Und an der Universität Kiel wird untersucht, wie viele und welche Pflanzen dort angebaut wurden." Dies lasse klare Schlüsse zu, was damals den Händlern, Handwerkern, dem friedlichen Volk und den streitbaren Bürgern aufgetischt wurde.

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