Gesundheit : Die FU spart und will ihre Dokumentationszentren schließen

Heiko Schwarzburger

Die Freie Universität muss sparen. Deshalb legte die Verwaltung unlängst ein Konzept zur Neuordnung der zahlreichen Fachbibliotheken auf den Tisch, mit dem über hundert Stellen eingespart und die Bestände konzentriert werden sollen. Auch die Dokumentationszentren des Fachbereichs Politische Wissenschaften sollten auf ihren Nutzen für Lehre und Forschung hin überprüft und dann abgespeckt in dieses Konzept integriert werden. Nun droht ihnen jedoch ohne jegliche Prüfung das Aus, denn der Akademische Senat der Universität verwies die Verantwortung an den zuständigen Fachbereich. Die Stellenpläne in der Publizistik und in den Politikwissenschaften stehen aber bereits seit Wochen fest, der Spielraum zur Übernahme der 22 Dokumentationsstellen ist faktisch null.

"Wir sind der einzige Fachbereich, der solche Dokumentationsstellen hat", erläutert ProfessorEberhard Sandschneider, frisch gebackener Direktor des Otto-Suhr-Instituts (OSI). "Der Nutzen spricht für sie, aber eine Lösung, wie wir sie halten können, ist nicht in Sicht." Bislang halfen die Mitarbeiter der Dokumentationszentren den Wissenschaftlern und Studenten der Politikwissenschaften, der Soziologie, der Philosophie und der Publizistik, wenn es um brandneue Veröffentlichungen aus Fachzeitschriften oder der Tagespresse ging. In diesen literaturintensiven Fächern ist es für den Einzelnen faktisch unmöglich, in der Flut der Publikationen die Übersicht zu behalten.

Die Informationszentren sind auch an sozialwissenschaftlichen Datenbanken für ganz Deutschland beteiligt. "Unser Pressearchiv verwaltet mehr als 2,5 Millionen Ausschnitte, die bis zum Jahr 1949 zurückgehen", erläutert Volker Hornung, Leiter der Dokumentationsabteilung am OSI. "Wir werten die Literatur aus, die in den normalen Katalogen der Büchereien nicht auftaucht. Der Trend geht dahin, aktuelle Forschungsergebnisse zuerst in Fachzeitschriften zu veröffentlichen, bevor irgendwann später ein Buch erscheint."

Am OSI nutzen mehr als 3000 Studenten und Wissenschaftler diesen Service, auch Dozenten anderer Fachbereiche lassen sich von Hornungs Mitarbeitern umfangreiche Literaturlisten erstellen. Ein Drittel der Nutzer sind Diplomanden, die hier den Grundstock für ihre Abschlussarbeit legen. "Wir beobachten rund 136 Zeitschriften, zahllose Forschungsberichte und die amtlichen Publikationen der Europäischen Union", berichtet Volker Hornung. "Gegen eine Schutzgebühr von zehn Mark erstellen wir auf Wunsch eine Liste mit den relevanten Literaturstellen." Dies half den Studenten, ihre Arbeiten innerhalb relativ kurzer Zeit abzuschließen.

Wer beispielsweise als Regionalwissenschaftler Informationen über "Kosovo" sucht, erhält auf diese Weise schnell ein Konvolut interessanter Artikel. "Diese Dienstleistung lässt sich auch nicht durch das Internet ersetzen", meint Hornung. "Was man dort findet, muss nicht unbedingt von wissenschaftlicher Qualität sein." Um den Studenten die Literaturrecherche zu erleichtern, gibt das Dokumentationszentrum des OSI eine CD heraus, die in den Bibliotheksverbund der FU eingespeist wird.

Auch Ulrich Neveling, Chef der Dokumentationsabteilung bei den Publizisten in Lankwitz, stellt eine CD zur Verfügung, auf der rund 120 000 Titel zum Thema Massenkommunikation abrufbar sind. "Wir geben drei Mal im Jahr eine Aktualisierung heraus, der Zuwachs beläuft sich auf 5000 Titel jährlich", erzählt er. Das Lankwitzer Informationszentrum hat sich auf Massenkommunikation und Publizistik spezilisiert. Die Literatur-Datenbank wird zusammen mit dem Dortmunder Institut für Zeitungsforschung betrieben und der Service ist auch überregional gefragt: 30 Prozent der Anfragen kommen von FU-Studenten, 13 Prozent von Nutzern aus anderen Hochschulen Berlins. Mehr als die Hälfte aller Rechercheaufträge werden für Wissenschaftler im übrigen Bundesgebiet ausgeführt, insgesamt rund 300 Aufträge im Jahr. Das Zentrum steuert auch rund ein Zehntel aller Einträge in der Datenbank Solis bei, mit der bundesweit zu den Sozialwissenschaften recherchiert werden kann.

Der für die Bibliotheken zuständige Vizepräsident Gerhard Braun sieht im zentralen Stellenpool der Universität keinen Spielraum für eine Lösung. "Wir brauchen rund 300 Stellen für die Bibliotheken", erläuterte er. "Bezahlen können wir nur 235. Das Problem betrifft aber nicht nur die Politikwissenschaften. Auch die Naturwissenschaftler bräuchten ein Informationszentrum beispielsweise für Patentrecherchen." Er hofft auf eine Lösung, die alle Berliner Hochschulen einbezieht. "Bisher sind die Kosten für eine Recherche beim Patentamt zu hoch und die Anmeldungsprozedur zu langwierig. Deshalb verzichten unsere Wissenschaftler lieber auf die Patente und die damit verbundenen Möglichkeiten zur Verwertung."

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