Gesundheit : Die Geburt des Buchstabenkekses

Pisa im Mittelalter: Eine Nürnberger Ausstellung zur ersten deutschen Bildungsreform

Thomas Senne

Zwei von Gloriolen umstrahlte Knaben lernen das Alphabet, deuten auf eine kleine Schreibtafel. Dieses Randmotiv aus einer um 1480 entstandenen Darstellung der heiligen Familie ist im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg Ausgangspunkt für eine spannende pädagogische Spurensuche.

Vor gut 500 Jahren, zwischen 1480 und 1530, am Übergang vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit, verlangten Humanisten und Reformatoren eine grundlegende Erneuerung des bestehenden Erziehungssystems. Angesichts veränderter sozialer Standards und fragwürdig gewordener kultureller Wertmaßstäbe kamen die Bildungseinrichtungen auf den Prüfstand. Dabei wurde auch das herrschende Bildungsprivileg des Klerus hinterfragt. Breitere Bevölkerungsschichten als bisher sollten an der Ausbildung teilhaben, wurde gefordert – es war das erste deutsche „Pisa“.

Die wichtigste Rolle bei der Vermittlung bürgerlicher Kardinaltugenden wie Fleiß und Gehorsam spielte das Familienoberhaupt. Der Herrschaft des Fürsten im Großen entsprach im Privaten der Vater, der seinen Sprösslingen in den eigenen vier Wänden staatliche Grundsätze nahe zu bringen hatte. Auf diesen pädagogischen Grundlagen sollte die Schule aufbauen und den Unterricht über die Prinzipien christlicher Lebensführung quasi auf höherer Ebene fortsetzen. „Wo die eldern recht frum sein, unnd yhre kind nicht nach fleischlicher weysz lieb habenn“, schreibt Martin Luther 1520 in seinem Sermon „von den guten Werken“, „da wirt dem kind, on unterlasz, sein eygen will geprochen und musz thun, lassen, leyden, das sein natur gar gerne anders thet.“

Neben den traditionellen Kloster- und Domschulen, die mehr für angehende Kleriker ausgelegt waren und sich vornehmlich mit der Antike und kirchlich-theologischen Fragen beschäftigten, gab es Lateinschulen, die auf ein Universitätsstudium vorbereiteten.

Um 1500 etablieren sich neue Schreib- und Rechenmeisterschulen. Sie sind mehr praxisorientiert als die bestehenden Einrichtungen und lehren Geografie, Mathematik, Lesen und Rechtschreibung.

Anschaulich dokumentieren alte Unterrichtsbücher die einstige Bedeutung von Lehrmitteln. Die erste deutsche Fibel, „Die rechte weis aufs kurtzist lesen zu lernen“ von Valentin Ickelsamer, ist dafür ein Beispiel, aber auch das 1489 erschienene Werk „Behende und hübsche Rechnung auf alle Kaufmannschaft“ von Johannes Widmann. Diese Publikation zählt zu den ersten gedruckten Rechenbüchern in deutscher Sprache und kam wesentlich früher auf den Markt als das Standardwerk des Rechenmeisters Adam Ries. Dessen „Rechnung auff der Linien und Federn“war allerdings – vor allem in der verbesserten Neuauflage von 1536 – wesentlich präziser formuliert und praxisnäher als die Traktate seiner Vorgänger.

Um die Bildungsreform bemühten sich auch Humanisten wie Erasmus von Rotterdam. In seiner Schrift „De civitate morum puerilium“ von 1530 plädiert er für pädagogische Neuerungen und für eine zivilisatorische Beherrschung von Trieben und Affekten. In seinem Buch „Notwendigkeit einer frühzeitigen wissenschaftlichen Unterweisung der Knaben“ (1529) gibt er Schülern aber auch Tipps für den sozialen Aufstieg: „Sind die Vermögensverhältnisse mehr bescheidener Art, so bedarf man umso eher der Unterstützung durch Bildung und Wissenschaft, um sich aus dem Staube erheben zu können.“

Melanchthon oder Zwingli bekämpften als Reformatoren die Herrschaft der Rute in den Klassenzimmern und propagierten stattdessen den spielerischen Wettkampf und den Einsatz von Bildern als Lernhilfen. Das Lernen des ABC sollte mit Buchstaben aus Teig gefördert werden: der Verzehr von pädagogischem Backwerk als Belohnung für gute schulische Leistungen. Dem Milchbrei für Schüler als pädagogischem Mittel widmete der Humanist Johannes Murmellius eine 1513 in Köln erschienene Abhandlung unter dem Titel „Pappa puerorum“.

Dass Schüler allerdings schon damals nicht nur Unschuldslämmer waren, diesen Schluss lässt eine Holzschnittillustration von 1532 für einen Petrarca-Text zu. Auf diesem Blatt nämlich wird ein Lehrer von seinen Schülern mit Schreibfutteralen und Alphabettafeln ganz fürchterlich verprügelt. Szenen, die heute allenfalls in Albträumen leidgeprüfter Pädagogen vorkommen dürften.

Die Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg ist noch bis zum 5. März 2006 zu sehen. Informationen im Internet unter: www.gnm.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben