Gesundheit : „Die Gene geben nur den Rahmen vor“

NAME

Familie, Schule, Gesellschaft, Gewalt in den Medien – viele Faktoren werden beim Erfurter Amoklauf in Betracht gezogen. Welche Rolle spielt die Biologie, spielen unsere Anlagen bei solchen Gewaltausbrüchen?

Auch das Verhalten unterliegt einer gewissen genetischen Kontrolle. Denn viele Gene beeinflussen in irgendeiner Weise die Hirnfunktion. Aber unser Verhalten ist natürlich ein komplexes Merkmal, was auch durch vielfältige andere Faktoren geformt wird. Dazu gehören die Erziehung, die frühe Kindheit, die Umwelt. Man kann zu aggressivem Verhalten erziehen, wie wir es von den Hunden wissen.

Sie haben ja selbst vor neun Jahren in einer holländischen Familie, in der viel aggressives Verhalten vorkam, eine Auffälligkeit in einem bestimmten Gen gefunden. Damals ist Ihre Forschung an diesem „Aggressions-Gen“ auf viel Kritik gestoßen.

Bei den Betroffenen gab es eine Neigung zu überschießendem Verhalten und dazu, schnell frustriert zu sein. Daraus resultierte eine Gewalttätigkeit, die zum Teil gerichtsnotorisch war. Es handelte sich um 14 Männer aus einer einzigen Familie, und alle wussten, dass sie anders waren als die anderen. Diese Eigentümlichkeit, diese Normvariante, so würde ich es heute eher nennen – der Begriff „Aggressions-Gen“ stammt nicht von uns –, hat etwas mit einem bestimmten Enzymdefekt zu tun. Der Stoffwechsel eines Botenstoffs im Gehirn, des Serotonins, ist verändert. Inzwischen hat man noch einige weitere Gene gefunden, die aggressives Verhalten zur Folge haben können. Aber damals, als wir die Sache veröffentlichten, war das noch absolutes Neuland.

Deshalb die Kritik?

Man konnte sich einfach nicht vorstellen, dass einzelne Gene einen so durchschlagenden Effekt haben können. Vor allem in Deutschland wollte man aus ideologischen Gründen nicht wahrhaben, dass der Einfluss der Gene so weit reichen kann. Ich wurde beschuldigt, etwas zu erforschen, was man nicht erforschen dürfe, so dass Moral und Recht und was sonst nicht noch alles gesprengt würden. Aber natürlich ist es eine interessante Frage: Wie geht man mit einem Menschen um, der so eine Veranlagung hat? Was ist, wenn man straffällig wird?

Kann jemand, der genetisch belastet ist, sein Verhalten trotzdem im Griff haben? Oder andersherum: Kann jemand, der genetisch unauffällig ist, trotzdem aggressiv und gefährlich werden?

Selbstverständlich. Wir sind ja durch Gene nicht bestimmt. Sie geben zwar einen Rahmen vor, aber gerade Verhaltensmerkmale sind eben zum ganz großen Teil durch Erziehung und Umwelt moduliert. Deshalb habe ich stets dafür plädiert, diese genetischen Veranlagungen zu erforschen, um dann die betreffenden Menschen entsprechend zu erziehen. Ich bin sicher, dass man trainieren kann, mit einer solchen vererbten Disposition umzugehen.

Amokläufe werden praktisch nur von Männern verübt, auch bei anderen Gewalttaten überwiegt das männliche Geschlecht bei weitem. Welche Rolle spielt demnach das männliche Geschlechtshormon Testosteron?

Die Statistik spricht dafür, dass das männliche Geschlecht für bestimmte Verhaltensmerkmale prädisponiert. Ein Großteil davon ist sicher angeboren. Es gibt typisch männliches und weibliches Verhalten. Dass Testosteron dabei eine Rolle spielt, sieht man daran, was passiert, wenn das Hormon wegfällt, zum Beispiel nach Operationen. Entsprechend hat man vor 20 Jahren mal geglaubt, dass ein überzähliges männliches Geschlechtschromosom, das den Betreffenden besonders männlich machen soll, mit einer erhöhten Gewaltbereitschaft und Kriminalität einher ginge. Aber das ist wohl nicht der Fall. Diese Männer haben mehr Akne, sind größer und sehen robuster aus. Was sie aber eigentlich unterscheidet, ist ein im Durchschnitt eher niedrigerer Intelligenzquotient.

Noch immer führt die Frage, ob Anlage oder Umwelt den Menschen prägen, zu heftigen Kontroversen.

In der letzten Generation haben wir erlebt, wie das Pendel ganz von der einen Seite zur anderen Seite ausgeschlagen ist. In den 60er und den frühen 70er Jahren schwappte von Amerika zu uns die sozialistische Idee herüber, das alles in der Umwelt begründet sei, und wenn man Kinder früh trainiere, würden lauter Einsteins dabei herauskommen. Das ist dann im Zuge des Bewusstseins, dass Gene überall sind, in die andere Richtung umgeschlagen. Eine Zeit lang war die Öffentlichkeit der Ansicht, dass es für viele Anlagen eine einfache „genetische“ Erklärung geben müsse. Das war Anfang der 90er Jahre weit verbreitet – deshalb gab es dann plötzlich ein „Aggressions-Gen“.

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben