Gesundheit : Die Generation Praktikum wehrt sich

Ohne Aussicht auf feste Jobs: Jetzt wollen auch deutsche Studenten demonstrieren

Fabian Reinbold

Was in Frankreich Hunderttausende Studenten und Schüler auf die Straße treibt, schien die jungen Deutschen bisher kalt zu lassen. Das soll sich am Sonnabend ändern: Dann wollen junge Gewerkschafter und Studentenvertreter bundesweit demonstrieren und auf die Situation von Praktikanten aufmerksam machen. Deutschen Hochschulabgängern gehe es beim Berufseinstieg kaum anders als den Absolventen im Nachbarland, kritisiert die Jugendorganisation des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Tatsächlich macht in Deutschland seit Monaten das Schlagwort der „Generation Praktikum“ die Runde. Ihr gehören gut ausgebildete Hochschulabsolventen an, die keine Festanstellung finden und sich stattdessen von einem Praktikum zum nächsten hangeln. Sie erledigen anspruchsvolle Aufgaben – und erhalten nur einen geringen oder gar keinen Lohn. Nach drei bis sechs Monaten müssten sie sich nach einer neuen Stelle umsehen, kritisieren Organisationen wie Fairwork, die Hochschulabsolventen vertritt.

Auch Fairwork trommelt für den ersten „Europäischen Praktikantentag“ am Sonnabend. Die Absolventenvertreter werfen Unternehmen vor, immer mehr Vollzeitarbeitsplätze in schlecht oder gar nicht entlohnte Praktikantenstellen umzuwandeln. Absolventen würden mit der Aussicht auf eine Übernahme geködert, nach Ablauf des Praktikums jedoch wieder entlassen – nachdem sie oft noch ihre Praktikantennachfolger einarbeiten mussten.

Wie viele Absolventen dieses Problem tatsächlich betrifft, ist allerdings unklar. Nun hat die Freie Universität Berlin erste Ergebnisse einer Absolventenbefragung ihres Jahrgangs 2000 herausgegeben. Ein Viertel der 800 Befragten hatte nach dem Hochschulabschluss noch ein Praktikum absolviert; die knappe Hälfte davon ohne Bezahlung. Am höchsten sind die Zahlen in den Sozialwissenschaften sowie in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Dort hat ein Drittel der Absolventen nach dem Abschluss als Praktikant gearbeitet. Repräsentative Studien, die Hochschulabgänger in ganz Deutschland abdecken, gibt es noch nicht. Das Hochschul-Informations-System (His) will Anfang 2007 eine Befragung von 10 000 Absolventen vorlegen. Bereits jetzt kritisiert His-Forscher Karl-Heinz Minks, dass immer mehr Absolventen Praktika absolvierten. Minks fordert, dass Praktika allein ins Studium gehören – und nicht in die Zeit nach dem Abschluss.

„Wir müssen aber auch allgemein über prekäre Berufseinstiege reden“, sagt Minks. Immer mehr Absolventen bekämen für anspruchsvolle Jobs nur kurzfristige, schlecht bezahlte Honorarverträge. Minks spricht von einem „Billiglohnsektor für Hochschulabsolventen“. Als Historiker der Humboldt-Universität im letzten Sommer Absolventen der Jahre 2000 bis 2003 befragten, kam heraus, dass mehr als 70 Prozent unter 1250 Euro netto verdienen. Besonders die Frauen verdienten schlecht: Keine kam über 1750 Euro.

Laut Dieter Grühn, der die Absolventenbefragung an der FU durchgeführt hat, ist der Berufseinstieg vieler Hochschulabgänger gekennzeichnet von „Unsicherheit, Befristung und schlechter Bezahlung“. Manche Abgänger hätten in fünf Jahren 20 bis 30 Jobs gehabt. „Man muss sich die Lebensläufe der Mediziner anschauen“, sagt er. „Die hätte vor zehn Jahren niemand für möglich gehalten.“ An der Charité bekommen manche junge Ärzte nur noch Ein-Monats-Verträge, beklagt die Ärzteinitiative Charité.

Vor diesem Hintergrund bekommt ein Passus im Koalitionsvertrag neue Brisanz. Er sieht vor, die Probezeit von sechs Monate auf zwei Jahre heraufzusetzen. Die Regelung soll für jede neue Stelle gelten, unabhängig vom Alter des Arbeitnehmers. Jederzeit kann eine kurzfristige Kündigung erfolgen. In der SPD wird dieser Passus jetzt kritisiert. „Darüber werden wir noch einmal nachdenken müssen“, sagt Ulla Burchardt, die Vorsitzende des Bildungssausschusses im Bundestag. Sie glaubt nicht, dass die Unternehmen so mehr Arbeitsplätze schaffen. Die Union und Arbeitgeberverbände machten aber bereits Druck in der Sache.

Für Dieter Grühn würde ein abgebauter Kündigungsschutz die Realität für Hochschulabgänger gar nicht mehr verschlimmern. „Insgesamt wird es für immer mehr Absolventen zu einer Kette von kurzfristigen, unsicheren Beschäftigungen kommen.“ Dennoch würden Arbeitnehmer mit abgeschlossenem Studium nach wie sehr viel seltener arbeitslos. Vor zwei Jahrzehnten hieß es, nach drei Jahren sei der Berufseinstieg von Hochschulabsolventen abgeschlossen, sagt Grühn. Heute müsse man wohl sagen, die unsichere Phase könne ein ganzes Leben dauern. „Das heißt nicht, dass die jungen Leute nun alle Verlierer sind. Sie müssen sich aber an die neue Situation gewöhnen.“

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