Gesundheit : Die Gerichtsmedizin erstellt denkwürdige Untersuchungen

Adelheid Müller-Lissner

Aus der Medizin weiß man, dass es biologische Prozesse gibt, die mit den Rhythmen des Mondes zumindest in Beziehung stehen. So finden Geburten, aber auch Gewaltdelikte und Vergiftungsunfälle statistisch gesehen häufiger kurz nach Vollmond statt, während die meisten Frauen ihre Menstruation um die Phase des Neumonds herum haben. Auch bei der Wahl des Zeitpunkts für die Volltrunkenheit scheint der Mensch vom Mond nicht vollkommen abgekoppelt zu sein: Unmittelbar vor Neumond oder Vollmond wurden jedenfalls auffallend häufig hohe Blutalkoholkonzentrationen gemessen.

"Exzessives Alkoholtrinken kann durch den Mondrhythmus phasenhaft mitbestimmt werden." So lautet das Ergebnis einer Untersuchung über "Alkoholkonsum und mondperiodischen Einfluss", die am Institut für gerichtliche Medizin der Universität Tübingen angestellt wurde. Dafür wurden 16 495 von der Polizei veranlasste Blutproben wegen fraglichen Alkoholmissbrauchs im Verlauf von fünfzig Mondmonaten genauer unter die Lupe genommen.

Die Abhängigkeit des Trinkverhaltens vom Mondrhythmus ist nur eines von zahlreichen Themen, die in einer von dem Rechtsmediziner Markus Rothschild von der Freien Universität Berlin herausgegebenen Festschrift mit dem Titel "Das neue Jahrtausend. Herausforderungen an die Rechtsmedizin" (Verlag Schmidt-Römhild) angesprochen werden. Der Band ist zum 60. Geburtstag von Volkmar Schneider, dem Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Freien Universität und des Landesinstituts für Gerichtliche und Soziale Medizin, erschienen. Er zeigt, wie vielfältig das Fach ist.

Im Teilgebiet Forensische Anthropologie etwa widmet man sich der Identifizierung und Altersschätzung von Toten. Im Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin und dem Institut für Rechtsmedizin der Berliner Humboldt-Universität hat man sich vor kurzem mit Knochenfunden beschäftigt, die bei den Bauarbeiten auf dem Gelände rund um den Lehrter Stadtbahnhof gemacht wurden. Hier hatten 1945 äußerst verlustreiche Kämpfe stattgefunden. Doch der größte Knochenfund der Berliner Gerichtsmedizin, der 1997 in diesem Bauabschnitt geborgen wurde - er umfasste die Knochen von 400 bis 500 Personen -, stammte aus einer früheren Zeit.

Die Gebeine lagen unter dem 1882 erbauten Glaspalast des "Universum Landesausstellungsparks". Auffallend war außerdem, dass die dort gefundenen Zähne keine Plomben hatten. Anhand der Kleidung konnte man den Fund schließlich genauer bestimmen: Die Uniformknöpfe aus Kupfer bewiesen, dass es sich um französische Soldaten aus dem 13. Linien-Infanterieregiment zur Zeit der Befreiungskriege 1813 handelte, die ihre letzte Ruhestätte in einem Begräbnisplatz unter der heutigen Großbaustelle gefunden hatten - wohl Verstorbene aus Berliner Lazaretten.

Aber die Rechtsmediziner müssen sich bisweilen auch mit der Schätzung des Alters Lebender beschäftigen. In den allermeisten Fällen geht es dabei um die Feststellung der Strafmündigkeit bei Beschuldigten, die sich nicht ausweisen können. Seit 1996 ist im Institut der Charité ein sprunghafter Anstieg der Gutachtenzahlen zu verzeichnen. Ein typischer "Fall" ist der jugendliche Straftäter, der behauptet, noch nicht 14 Jahre alt und damit noch voll strafunmündig zu sein. Die Röntgenuntersuchung der Hand gibt am sichersten Auskunft darüber, ob das Wachstum bereits abgeschlossen ist, doch die Methode darf nur auf richterliche Anordnung angewandt werden.

Nicht zuletzt die Untersuchung von Unfall- oder Verbrechensopfern gehört zum Alltag der Gerichtsmediziner. Mit der Gefährlichkeit von Schleudern beschäftigten sich Markus Rothschild und seine Kollegen: Als das "vermutlich bekannteste Beispiel für eine tödliche Wirkung von Schleudern" nennen die Autoren das Zusammentreffen zwischen David und Goliath. Heute werden frei verkäufliche Modelle, wie die Rechtsmediziner betonen, bei gewalttätigen Demonstrationen eingesetzt.

Die Ärzte testeten drei Schleudern, die ihnen vom Institut für Polizeitechnische Untersuchungen des Landeskriminalamt Berlin zur Verfügung gestellt wurden. Zur Geschwindigkeitsmessung der Geschosse verwendeten sie ein Lichtschrankenmessgerät, als Geschosse dienten ganz realitätsnah Schraubenmuttern aus Stahl und verschieden schwere Kugeln. Grundsätzlich konnten sie dabei zeigen, dass Schleudern immer dann gefährliche Waffen darstellen, wenn kantige Gegenstände mit ihnen verschossen werden. Ernsthafte Verletzungen können die Folge sein.

Mit Hinweisen zum Verhalten von Drogenkonsumenten geben Rechtsmediziner immer wieder nicht nur den Ermittlungsbehörden, sondern vor allem ihren ärztlichen Kollegen wichtige Hilfestellungen. Im Sammelband veranschaulichen das Mitarbeiter des Instituts in Halle durch ihren Beitrag zur Wahl der Einstichstellen. Atypische Orte wie die Leistenbeuge, der Fußknöchel oder sogar die Peniswurzel werden nicht nur von langjährigen Abhängigen gewählt, deren Armvenen schon stark in Mitleidenschaft gezogen sind, sondern auch von sozial unauffällig lebenden "Einsteigern", die den intravenösen Missbrauch von Drogen verstecken wollen.

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