Gesundheit : Die Geschichte der Sinne: Gesause, Getöne, Geratter, Gestank

Dorothee Nolte

42 Jahre lang arbeitete der Mann in paradiesischer Ruhe. Dann kam die Dampfmaschine. "Man kann sich denken, wie dies einem alten Manne die Nerven erregt, wenn da auf einmal ein Gesause und Getöne ertönt", klagte ein Metallarbeiter Mitte des 19. Jahrhunderts, dessen Betrieb gerade mit den neuesten Walzen ausgerüstet worden war. "Ich schwitze den ganzen Tag, bekomme Angstgefühle. Ich weine öfters wie ein kleines Kind, kann die Nacht nicht mehr schlafen. Ich habe jetzt zur Nachtzeit ein Licht brennen, und dadurch tue ich meine Gefühle besser erhalten."

Es gibt nicht viele authentische Aussagen von Fabrikarbeitern des 19. Jahrhunderts darüber, wie sie den Wandel ihrer Arbeitswelt empfunden haben. Aber der lärmgeplagte Metallarbeiter stand mit seiner Klage nicht alleine. Industrialisierung und Verstädterung, die zwei großen Entwicklungen des Jahrhunderts, stellten neue Anforderungen an die Sinnesorgane aller Menschen: Die Ohren mussten den Lärm von Maschinen und Verkehrsmitteln ertragen, die Augen mussten Präzisionsarbeiten überwachen und, etwa von der Eisenbahn aus, schnell wechselnde Landschaften aufnehmen, die Nase wurde von Industrieabgasen und den Ausdünstungen eng aufeinander wohnender Menschen belästigt. So häuften sich die Klagen der Stadtbewohner über die Sinnesüberreizung, und die Ärzte diagnostizierten immer öfter Nervenleiden, die sie darauf zurückführten: "Die Neurasthenie wurde zur Modekrankheit des ausgehenden 19. Jahrhunderts", so Robert Jütte.

Jütte ist Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart und Autor zahlreicher Bücher zur Geschichte der Ärzteschaft, der Abtreibung, der Homöopathie und der Alternativen Medizin. Bei einem Vortrag im Einstein Forum zeichnete er ein ungewohntes Bild des 19. Jahrhunderts: Er betrachtete die Geschichte der Industrialisierung ausschließlich unter dem Aspekt, wie sie die Sinnesorgane und die Rede über die Sinne beeinflusst hat. Eine faszinierende Fragestellung, die Jütte in seinem jüngsten Buch "Geschichte der Sinne - von der Antike bis zum Cyberspace" auf zweieinhalb Jahrtausende ausgedehnt hat.

Im 19. Jahrhundert war der Eindruck verbreitet, dass die Überreizung der Sinne zu Abstumpfung bis hin zum Verlust der Wahrnehmungsfähigkeit führen könne. Schon 1867 stellte Karl Marx die These auf, dass die Maschinenarbeit "das vielseitige Spiel der Muskeln" unterdrücke und "das Nervensystem aufs äußerste" angreife. Und eine Berner Zeitschrift warnte 1899 vor den gesundheitsschädlichen Folgen des Großstadtlebens: "Tag und Nacht muss das gemarterte Hirn in Thätigkeit sein, Tag und Nacht mit überheizter Maschine unter höchstem Dampfdruck arbeiten."

Je nach Beruf waren unterschiedliche Sinnesorgane betroffen. Telefonistinnen klagten über Kopfschmerzen und Ohrensausen, Spinnerinnen saßen nun, statt an leise surrenden Spinnrädern, an laut ratternden Maschinen, bei Buchsetzern und Teppichwebern nahm die Kurzsichtigkeit dramatisch zu. Eine englische Studie von 1886 stellte fest, dass Kesselschmiede nach 17 Jahren Berufstätigkeit nur noch 9,5 Prozent ihrer Hörfähigkeit bewahrten. Besonders gegen die Lärmbelästigung regte sich jedoch auch Widerstand. Ab 1908 entstanden Anti-Lärm-Vereine, laut Jütte "die erste Bürgerbewegung". Und Ohropax kam auf den Markt, das der geräuschempfindliche Franz Kafka in seinen Briefen an Felice ausdrücklich lobte. Für den jüdischen Schriftsteller Marx Nordau (1849-1923) stand fest, dass die gesittete Menschheit von ihren neuen Empfindungen und Fortschritten überrumpelt worden sei. Jütte: "Die Sinne mussten sich erst noch an die neuen technischen Möglichkeiten sowie an die geänderten Lebens- und Arbeitsbedingungen gewöhnen."

Das ist heute, im Zeitalter von Computer, Neuen Medien, von blitzschnellen Schnitten in Film und Fernsehen, im Grunde nicht anders. Wie die Einflüsse auf die Sinnesorgane sich verändert haben, wie die Sinne im Laufe der Zeit überhaupt definiert und beschrieben worden sind, das zeichnet Jütte in seiner "Geschichte der Sinne" nach. Ein Buch, das wohltuend gut geschrieben ist und sich spannend liest. Und das, wie Jütte selbst in seiner Einleitung feststellt, voll im Trend liegt. Von einem "Schwinden der Sinne", einer "Ent-Sinnlichung", wie sie noch vor zehn Jahren von Kulturwissenschaftlern beklagt wurde, könne nämlich heute keine Rede mehr sein: Überall, ob in Museen, Ausstellungen, Wellness-Zentren, bei literarischen oder kulinarischen Ereignissen, würden die Sinne beschworen und gefeiert. Vom Naturmöbelprospekt, der das "Wohnen mit allen Sinnen" propagiert, über die Landesgartenschau, die als "Reich der Sinne" angepriesen wird, bis hin zu Saunas mit Lichtspielen und Wassersinfonien im Thermalbad - der Appell an die Sinnlichkeit funktioniert offenbar gerade in einer Zeit hervorragend, in der das Arbeitsleben sich vielfach auf den Blick in den Computer reduziert. "Angesichts eines so reichen und sinnfälligen Angebots an Vergnügungen und Freizeitgestaltungen muss ein Kulturhistoriker schon mit Blindheit geschlagen sein, um ein solches Thema, auf das er ständig mit der Nase gestoßen wird, nicht aufzugreifen", schreibt er.

Heute stehen wir vor einem weiteren "gewaltigen Anpassungsprozess für unsere Sinne", so Jütte. "Immer mehr Menschen leben in einer Computerwelt, die durch eine Entkörperlichung des Menschen gekennzeichnet ist und die ihnen zunehmend die Realität ersetzt." Im Cyberspace können in Zukunft möglicherweise sämtliche Sinneseindrücke technisch hervorgerufen werden. Und doch befürchtet Jütte nicht, dass die Grenzen zwischen Mensch und Computer irgendwann nicht mehr zu erkennen sein werden und wir uns in einer virtuellen Welt verlieren. "Auf die Trägheit des Körpers ist Verlass", so zitierte er Hans Magnus Enzensberger, "das Zahnweh ist nicht virtuell. Wer hungert, wird von Simulationen nicht satt. Der eigene Tod ist kein Medienereignis. Doch, doch, es gibt ein Leben diesseits der digitalen Welt: das einzige, das wir haben."

Trotz aller Klagen über Wahrnehmungsstörungen, Überreizung und Abstumpfung: Die Geschichte der Sinne sei keineswegs nur eine "Verlustgeschichte", betonte Jütte. Schließlich hat die Technisierung auch Methoden hervorgebracht, die die Wahrnehmung schärfen: Man denke nur an Hörgeräte oder an künstliche Nasen, die Giftstoffe feststellen können. Und im Computerzeitalter ist ein Sinn wieder neu gefragt - der Tastsinn. Ohne ihn lässt sich keine Maus bedienen.

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