Gesundheit : „Die Gesellschaft – ein Anhängsel des Marktes“

Was an die Krise erinnert, wird verdrängt: Oskar Negt erklärt die schwierige Lage der deutschen Soziologie

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Vor 40 Jahren erlebte die Soziologie einen sagenhaften Aufstieg, wurde quasi Leitwissenschaft. Heute gehört sie zu den ersten Opfern der Sparwelle an den Hochschulen: In Bonn, Kiel, Hannover und Berlin werden massiv Stellen gestrichen und teilweise sogar Magisterstudiengänge abgeschafft. Warum?

Weil die Gesellschaft in einer Krise steckt, die verdrängt wird. Eigentlich sind die Soziologen nicht KrisenOpfer, sondern Opfer der kollektiven Verdrängung dieser Krise. Im Grunde müssten gerade heute die Orientierungs- und Deutungswissenschaften, wie eben die Soziologie, gefördert werden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Begünstigt werden Technik und Naturwissenschaften. Sie sollen den Standort Deutschland retten, bieten aber keine Alternativen zur heutigen Form des Kapitalismus. Und genau die fehlen uns.

Man schafft die Soziologie ab, um nicht an die strukturellen Krisen der Gesellschaft erinnert zu werden?

Ja. Sofern an den Hochschulen noch so etwas wie ein kritischer Geist vorhanden sein sollte, will man sich nicht die Nörgler und die Kritiker in die Vorzimmer holen. Man will jene, die einem sagen: Wenn du das willst, dann musst du das machen.

Gute Zeiten für Unternehmensberater und Marktforscher.

Die nehmen den Verantwortlichen die Verantwortung ab. Sie sind Rationalisierungs-Meister, die den Abbau lebendiger Arbeit schein-wissenschaftlich mit betriebswirtschaftlichen Gesetzen und dem Globalisierungszwang legitimieren. Damit beschleunigen sie die Spirale, in der die Gesellschaft immer stärker zum Anhängsel des Marktes wird und autonome Politik verschwindet. Gesellschaftskritik jedenfalls ist bei den Etablierten aller Bereiche geächtet – übrigens auch bei denen, die öffentliche Forschungsmittel verwalten.

Auch bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft?

Für 90 Prozent aller Drittmittel bestehen offenbar klare Vorgaben, wissenschaftliche Untersuchungen von der politischen Intervention zu trennen, obwohl Einsicht und Handeln bei den Soziologen zusammengehören. Entsprechend trostlos sehen denn auch die zahnlosen Forschungsanträge aus.

Aber gibt es sie denn überhaupt noch, die kritische Soziologie, die nach gesellschaftlichen Gegenmodellen sucht? Man hört so wenig von Ihren Kollegen.

Die Soziologen stecken zweifellos in einer selbst verschuldeten Unmündigkeit. Im letzten Jahrzehnt war nur noch die Frauen- und Geschlechterforschung kritisch. Sie ist aber auch besser akzeptiert, vielleicht weil sie ein gesellschaftliches Gerechtigkeitsgefühl weckt. Die Soziologie dagegen muss sich mit dem Vorurteil herumschlagen, sie sei parallel zur Sowjetunion zusammengebrochen.

„Verkaufen“ sich die Soziologen etwa nicht richtig?

Vielleicht. Doch die Medien sind ein hartes Pflaster, vor allem das Fernsehen. Da bekomme ich beispielsweise sechs Minuten Sendezeit, was schon als üppig gilt, um einen kritischen Gedanken rüberzubringen. Ein Kunststück! In diesem Zeitraffer steckt ein zerstörerisches Element, das Zusammenhänge zerschlägt. Tatsächlich legt sich dieses Medium als zweite Wirklichkeit über die eigentliche Realität.

Vielleicht ist die Soziologie auch schlicht zu satt geworden, ein selbst-referentielles System, wie Ralf Dahrendorf meint?

Auch das stimmt zum Teil, aber das gilt auch für andere Wissenschaften. In der Expansionszeit der 1970er-Jahre haben sich richtige wissenschaftliche Apparate gebildet und es sind halt auch Unqualifizierte in die Hochschulen berufen worden. Damals hatte ich Mühe, Assistenten zu finden. Und heute haben sie sich angepasst. Sie verraten damit den Geist einer soziologischen Tradition, die von Auguste Comte bis zu Max Weber führt, eine Tradition, in der Erkenntnis nicht um ihrer selbst willen geschieht. Natürlich mischen sich Wissenschaftler immer noch ein, etwa Jürgen Habermas …

In Hannover waren die Proteste gegen die drohende Schließung der Soziologie letztlich halbherzig.

Ich habe Gott und die Welt mobilisiert, um die in der Regierungserklärung der niedersächsischen CDU vorgesehene Streichung des soziologischen Instituts abzuwenden. 120 Wissenschaftler haben Briefe an den Ministerpräsidenten und den Wissenschaftsminister geschrieben; zusätzlich unterstützten uns 150 ausländische Wissenschaftler. Die Schließung konnte dadurch verhindert werden. Tja, und dann sagten die Mitarbeiter, wenn von 18 Stellen acht gestrichen werden, kann man damit leben. Aber auf Dauer kann man das nicht, und das geht in die Köpfe nicht rein. Da hat ein Prozess der Lähmung und Entmutigung eingesetzt.

Welche Fragen sollten die Soziologen denn anpacken?

Sie sollten den Blick wieder auf die Gesellschaft richten, auf die Macht- und Herrschafts-Verhältnisse, auf das Wechselspiel zwischen Individuum und Gesellschaft und die gesellschaftlichen Zwänge, die auf Gehirne und Seelen einwirken. Wenn diese Sicht verschwindet, hat die Soziologie ihren Forschungsgegenstand verloren.

Mehrere aktuelle Untersuchungen widmen sich heute der Frage, wie sich eine kollektive europäische Identität bildet.

Das ist d eine drängende Frage, wenn man bedenkt, dass verfeindete Staaten nun einen gemeinsamen Staatenbund gründen. Ähnlich vielversprechend ist das von der EU geförderte Projekt „Politische Bildung in Europa“, an dem Länder wie Lettland, Litauen, Dänemark oder Österreich teilnehmen. Da wird nicht epigonal über Adorno geschrieben, sondern mit seinen Begriffen gearbeitet.

Braucht die Soziologie Elite-Universitäten?

Oh nein! Bei diesem ganzen Elite-Quatsch geht es sowieso nur noch um Technik und Naturwissenschaften und dabei auch nur um spezifische Richtungen, wie die Lebenswissenschaften. Und wenn ich den Output der amerikanischen Elite-Unis ansehe, macht mich das nicht gerade zuversichtlich. 80 Prozent der Berater von George W. Bush kommen aus den sieben elitären amerikanischen „Ivy-Universities“, genauso wie jene US-Politiker und Berater, die damals Menschen in den Vietnam-Krieg trieben.

Hat sich Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn Rat bei Soziologen geholt?

Nicht dass ich wüsste, obwohl sie bei uns studiert hat. Das ist ja das Traurige. Da stellt sich wieder einmal die Frage, wie sich Charaktere mit dem Amt verändern.

Das Gespräch führte Ruth Kuntz-Brunner.

Demnächst erscheint von Oskar Negt im Steidl-Verlag eine Studie zur „Kritik der politischen Urteilskraft“ .

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