Gesundheit : Die Gesellschaft macht krank - Psychotherapie als Reparaturbetrieb

Rosemarie Stein

Eine Frau Mitte dreißig fühlt sich elend, hat ständig Schmerzen überall und nirgends, beobachtet ängstlich ihren Körper und läuft dauernd zu den Ärzten. Die finden nichts - nichts Organisches, nichts, was die Beschwerden erklären könnte. So schicken sie die Frau schließlich zu einem Psychotherapeuten. Der stellt fest, dass sie seelische Schwierigkeiten auf den Körper projiziert. "Somatisierungsstörung" heißt das diagnostische Etikett dafür, und das Leiden ist nicht geringer als bei organischer Ursache.

Der Therapeut schlägt der Patientin ein verhaltenstherapeutisches Verfahren vor: Übungen zum Ablenken der Aufmerksamkeit weg vom Schmerz. Davon hält sie nichts: Mit Ablenkung habe sie es selbst schon vergeblich versucht. Eher nebenbei erfährt der Therapeut, in welch prekärer Lage die Frau lebt. Drei kleine Kinder in viel zu enger Wohnung - und der Mann ist arbeitsloser Alkoholiker, was sie aus Scham lange verschwieg. Wenn die Kinder in der Schule oder im Kindergarten sind, geht sie putzen. Sie lebt immer in der Angst vor Krankheit und damit Verdienstausfall. Nur deshalb geht sie schon bei jedem Missbefinden zum Arzt, nicht wegen einer vom Therapeuten vermuteten "Persönlichkeitsstörung".

Ist ein Hausbesuch angebracht?

Diese Fallgeschichte erzählt er in einer Supervisionsgruppe für Psychotherapeuten. Deren Leiter fragt ihn, ob er nicht daran gedacht habe, die Frau zu besuchen, um sich ein Bild von ihren Lebensbedingungen zu machen. Darauf kommen aus der Therapeutengruppe drei irritierte Gegenfragen: "Wird ein Hausbesuch von der Krankenkasse bezahlt?" -"Ist denn das noch Psychotherapie?" - "Dringen wir damit nicht zu sehr in die Privatsphäre der Betroffenen ein?"

Die Bedenken kennzeichnen die Lage behandelnder Psychologen. Zwei Jahrzehnte haben sie auf das Psychotherapeuten-Gesetz gewartet, das zur Auslichtung des unnützen oder gar schädlichen Wildwuchses in der Psycho-Szene dringend nötig war. Erst seit Anfang 1999 haben sie es, und schon merken manche, wie es ihre Tätigkeit formiert und vielleicht deformiert bis zum "Reparaturbetrieb". Dieser Eindruck drängte sich dem Beobachter auf, als gleich zu Beginn des 13. Kongresses für Klinische Psychologie und Psychotherapie die Situation des Fachs sondiert und Bilanz gezogen wurde. Fast eine Woche lang bis zum 1. März tagt die "Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie" in der Freien Universität Berlin, erstmals zusammen mit der "Gesellschaft für Gemeindepsychologische Forschung und Praxis", was für eine neue Hinwendung zu psychosozialen Problemen spricht.

Die aufschlussreiche Fallgeschichte stammt aus einem der Schlüsselvorträge, den der Heidelberger Hochschulpsychologe Peter Fiedler hielt. Er übte harte Kritik an der eigenen Zunft: "Angesichts der Probleme, mit denen viele Patienten heute in die Behandlung kommen, gleicht die Psychotherapie einem alten Auto, das den nächsten TÜV nicht übersteht." Düster fiel das Panorama dieser Probleme aus. Sie hängen sehr oft mit den sozialen Umbrüchen zusammen, wie Fiedler ausführte: Radikale Veränderungen in der Arbeitswelt, hohe Arbeitslosigkeit, anonyme Wohnverhältnisse, die neuen Medien mit ihrer Informationsflut, räumliche und soziale Bindungen. Die Folgen sind Gesundheitsstörungen, Alkohol- und Drogenkonsum, Spielsucht, Kriminalität, Gewalt und gehässige Ablehnung Andersartiger wie Ausländer oder psychotisch Kranke.

An diese Stelle gehören kurze Einblendungen aus anderen Kongressreferaten: Die Auflösung der psychiatrischen Großkrankenhäuser mit ihrem alten, schlechten Verwahranstalt-Stil sei zwar - fast unbemerkt von der Öffentlichkeit - weit fortgeschritten, sagte Lothar R. Schmidt, Professor für Klinische Psychologie an der Universität Trier. Oft gebe es aber Rückschläge, weil die in die Freiheit Entlassenen draußen abgelehnt werden.

Eng verknüpft mit der Angst vor den "Verrückten" ist die Fremdenfeindlichkeit - in den neuen Bundesländern bekanntlich weit stärker verbreitet als in den alten. Erklärt sich die "flächendeckende rechtsradikale Jugendkultur" im Osten damit, dass trotz aller antifaschistischen Lippenbekenntnisse in der DDR eine Auseinandersetzung mit der Holocaust-Schuld noch weniger stattfand als in der Bundesrepublik? Diese Frage stellte sich nach dem Vortrag des Heidelberger Sozialpädagogen Michael Brumlik über die Massenvernichtungen und die daraus resultierende "traumatische Kultur". Psychische Traumata aber seien durch Hilflosigkeit, Verlassenheit, Abkapselung und Aggressivität gekennzeichnet.

Widerspiegelungen der Wirklichkeit

Vor diesem Hintergrund muss sich das herkömmliche "Setting" einer Psychotherapiesitzung als unzulänglich erweisen. Die meisten psychischen Probleme seien Widerspiegelungen des gesellschaftlichen Szenarios, sagte Peter Fiedler. Und dann attackierte er drei "heimliche Mythen" der Psychotherapie in den Köpfen der Therapeuten: 1. Den Glauben, der Patient brauche nur einen geschulten, geduldigen, einfühlsamen, neuen Sinn setzenden Zuhörer, dann werde er im Laufe der Behandlung ganz von selbst sein Leben neu regeln. 2. Die Überzeugung, Erfolge gebe es nur im sicher abgeschirmten Therapieraum, in dem der Psychotherapeut ungestört von äußeren Einflüssen seine Stunden absolviert - "mit dem Patienten allein und weit entfernt von der Wirklichkeit". 3. Schließlich den Mythos, dass die "therapeutische Beziehung" ein Allheilmittel sei. Mit guten Argumenten rief Fiedler dazu auf, die Isolation des Elfenbeinturms zu durchbrechen. Unter Psychotherapeuten gebe es viel Widerstand dagegen, außer dem Patienten selbst auch die hinter seinen seelischen Störungen stehenden Lebensumstände zu erkennen. Damit kehren die Verhaltenstherapeuten zu ihren 68er Anfängen zurück; nicht so weit, dass an Störungen nun wieder "nur die Gesellschaft schuld" wäre, aber weit genug, um die Umwelt der zu Behandelnden wahrzunehmen.

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