Gesundheit : Die große Chance am Nachmittag

Von der „Rest-“ zur Vorzeigeschule: Wie eine bessere Lernkultur entstehen kann, wenn Lehrer und Schüler mehr Zeit zusammen verbringen

Anja Kühne

Als Bundeskanzler Schröder im Mai auf dem Hof der Voltaire-Schule stand, war das ein letzter Beweis: Die Schule hat es geschafft, sie zählt zu den Vorzeigeschulen im Land. Noch vor zehn Jahren hätte niemand im Traum daran gedacht, dass sich hier eines Tages Spitzenpolitiker fotografieren lassen und Bildungsexperten aus dem ganzen Land Rat suchen würden.

Denn noch vor zehn Jahren war dies „die Restschule Potsdams, in der das mieseste Chaos herrschte, das man sich denken kann“, wie die Schulleiterin Ortrud Meyhöfer erzählt. Nach der Wende waren in dem schmucklosen Flachbau mehrere Polytechnische Oberschulen aus DDR-Zeiten zu einer Gesamtschule zusammengeführt worden, die in der Stadt bald einen denkbar schlechten Ruf hatte. Nur 15 Anmeldungen kamen auf die 168 Plätze für Siebtklässler. Die Schule war ein sozialer Brennpunkt mit extrem schwierigen Schülern sowie Lehrern, die „wie gelähmt waren“, wie sich Otrud Meyhöfer erinnert, die damals die Leitung der Schule übernahm. Inzwischen bewerben sich doppelt so viele Siebtklässler, wie aufgenommen werden können – die Voltaire-Schule ist nicht wiederzuerkennen.

Eine neue Lernkultur

Wie war das möglich? Engagierte Lehrer, zufriedene Schüler, aktive Eltern – dafür gibt es viele Ursachen. Doch an der Voltaire-Schule gehen sie alle auf einen letzten Grund zurück: Die Voltaire-Schule ist eine Ganztagsschule. Die Schüler bleiben mindestens drei mal in der Woche bis in den Nachmittag. Und eben das eröffnet einer neuen Lernkultur eine echte Chance. Gerade Schüler aus bildungsfernen Schichten fühlen sich von den Lehrern nicht gut betreut, wie zuletzt die neue Untersuchung der OECD belegt. Auch sind deutsche Schüler im Unterricht überwiegend zur Passivität verurteilt. Es gibt zu wenig Zeit für Eigeninitiative, Kreativität. Die Ganztagsschule aber hat mehr Zeit – sofern sie sie zu nutzen versteht. Meyhöfer kritisiert die „Beschäftigungslümmelei“, die an manchen Ganztagsschulen herrsche: „Videogucken und Töpfern, das finde ich abschreckend.“ Die Ganztagsschule solle „Geist und Seele herausfordern“.

Wie das geht, zeigt das Nachmittagsprogramm der Voltaire-Schule. Die Schüler besuchen Projektkurse oder Arbeitsgemeinschaften. Im „Methodentraining“ lernen sie, Texte zu exzerpieren oder Referate zu halten. Zur Vertiefung in den Kernfächern gibt es den „Kompetenzunterricht“ und die Hausaufgabenbetreuung. Moritz und Alex aus der 7e, die das T-Shirt der Schule tragen, finden den langen Schultag gut: „Das fördert nicht nur die Leistung, sondern man kann auch nachweisen, dass man fleißig ist“, sagen sie.

Besonders im Projektunterricht werden die Schüler selbst aktiv. Oft verlassen sie das Gebäude zu Feldforschungen, etwa, um herauszufinden wie jugendfreundlich Potsdam ist. Andere Gruppen besuchen ein Theater und lesen Stücke, um schließlich eine eigene Vorführung mit selbst gemachten Bühnenbildern auf die Beine zu stellen – auch in englischer Sprache, denn die Vereinzelung der Schulfächer soll im (benoteten) Projektunterricht überwunden werden. In zahlreichen Arbeitsgemeinschaften von „Rechtsfragen für Jugendliche“ bis zum Schulfunk „Volt-on-air“ lernen die Schüler jenseits des üblichen Fachunterrichts. Die Ergebnisse führen sie anschließend den Mitschülern, Eltern oder gar anderen Potsdamern an einem Abend vor.

80 Prozent der Frauen wünschen sich inzwischen Ganztagsangebote. Doch ein Vorwurf lautet, die Eltern würden ihre Verantwortung damit an den Staat abgeben wollen. An der Voltaire-Schule ist das Gegenteil wahr: Die Nachmittagsaktionen haben bewirkt, dass sich inzwischen viele Eltern aktiv am Schulleben beteiligen. Ein Vater etwa, der für die türkische Botschaft arbeitet, hat selbst ein Projekt ins Leben gerufen. Dabei werden die Schüler die türkische Kultur jenseits von Döner-Buden kennen lernen – und die Lehrer einmal in der Woche Türkischunterricht bekommen.

Die Schüler mögen den Projektunterricht am Nachmittag: „Wenn man nicht alles vorgekaut bekommt, lernt man wesentlich schneller“, meint Corina Brucker, Schülerin in der Oberstufe. Sie ist froh, vom Gymnasium an die Voltaire-Schule gewechselt zu sein. „Natürlich sind die Projekte sehr stressig, weil der Lehrer sich nicht um alles kümmern kann. Aber dafür hängt sich die ganze Gruppe rein.“ Manchmal bis in die Nacht – „wenn der Hausmeister mitspielt“, wie Jan Hoffmann (3. Semester) erzählt. „Für die Projekte macht man freiwillig viel mehr als man eigentlich machen müsste.“

Corina Brucker und Jan Hoffmann haben das Fach „Medien und Kommunikation“ gewählt, das die Voltaire-Schule als erste in Deutschland erprobt hat. Ziel ist es, die Lerninhalte der einzelnen Fächer zu bündeln und die Schüler in die Lage zu versetzen, kritisch und selbstbestimmt mit den Medien umzugehen – von der Zeitung bis zum Video. Gerade ist eine Gruppe mit Kameras unterwegs, um eine eigene Soap nach Fernsehvorbild zu drehen. Das ist mehr als nur ein Spaß: Die Jugendlichen sollen theoretische Fragen im Auge behalten, etwa die Bedingungen für ihre Jugendkultur mit reflektieren. Eine andere Gruppe verfilmt ein Herbstgedicht. Die Ergebnisse fließen zurück in den Deutsch-, Kunst-, oder Politikunterricht.

Der Lehrer Dieter Urban, der sich für das Fach jahrelang engagiert hat, ist von der Wirkung des Projektunterrichts selbst überrascht: „Ich bin fasziniert davon, wie plötzlich völlig neue Schülerpersönlichkeiten entstanden sind. Solche, die einem selbstbewusst gegenüber treten, weil sie gelernt haben, sich selbstständig Wissen und soziale Kompetenz anzueignen.“

Umgekehrt können die Schüler ihre Lehrer im Ganztagsunterricht von einer anderen Seite kennen lernen. „Sie sprechen nicht so von oben herab zu uns wie auf meiner alten Schule“, sagt Jan Hoffmann. Am Nachmittag kann der Lehrer zu dem werden, was er in einer modernen Schule sein soll, zu einem Moderator, der den Schülern das Feld überlässt. „Man steigt dann aus der üblichen Lehrerrolle aus, kann sich den Schülern mehr zuwenden, so dass sie sich öffnen“, sagt Schulleiterin Meyhöfer. „Vieles, was mit unseren Schülern los ist, haben wir erst durch den Nachmittagsunterricht mitbekommen.“

Gemeinsam nach Rügen

Die Ganztagsschule mit ihren vielen Projekten hat manche Lehrer der Voltaire-Schule in die Flucht geschlagen. Sie war ihnen einfach zu anstrengend. Aber andere sind gekommen, die sie mitgestalten wollen. Dazu gibt die Schulleiterin viel Raum. Alle wichtigen Entscheidungen spricht sie sich mit ihrem „Schulleiterteam“ ab. Regelmäßig besuchen die vier „Jahrgangsstufenleiter“ den Unterricht ihrer Kollegen. „Es ist hier genauso schwierig wie an anderen Schulen zu erreichen, dass die Lehrer die Türen zu ihren Klassenzimmern öffnen“, sagt Meyhöfer, „aber wir sind in dem Prozess“. Im Sommer ist das gesamte Kollegium vier Tage früher aus den Ferien zurückgekommen und gemeinsam auf eigene Kosten zu einer Fortbildung auf Rügen gereist. Auch das war neu und gut für den Teamgeist.

Die Ganztagsschule ist kein Allheilmittel für alle Schwächen des Bildungswesens. Wie Schulleiterin Meyhöfer eingesteht, gibt es auch an der Voltaire-Schule Lehrer, die langweiligen Unterricht machen, zu volle Klassen und schwierige Schüler. Doch die Ganztagsschule birgt die Chance, Mängel des Vormittagsunterrichts am Nachmittag zu kompensieren. Die Voltaire-Schule hat diese Chance ergriffen.

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