Gesundheit : Die Hände zum Himmel (Glosse)

Martin Gehlen

Nun ist es kirchenamtlich. "Gott ist ein Kölner", trompetete Joachim Meisner, Erzbischof der rheinischen Domstadt, dieser Tage in sein narrengefülltes Kirchenschiff. Überraschtes Nicken, brausender Applaus, dann zog Eminenz in seinem purpurnen Alltagskostüm schunkelnd und schwatzend inmitten der Jecken von dannen. Kaum der Rede Wert, solche regionalen metaphysischen Einsichten - wäre ihr Urheber nicht ein altgedienter Berliner. Denn seine Ex-Schäfchen jenseits der Elbe halten zum ersten Nachumzugskarneval tapfer Distanz. Ganz offiziell. Um den Reichstag hat Bundestagspräsident Wolfgang Thierse eine närrische Bannmeile gelegt. Schunkeln im Hohen Haus ist verboten und in eine Plattenbaukantine am Spreeufer verbannt. So offenbart sich Thierse, obwohl ostdeutscher Katholik, doch ganz als protestantischer Preuße. Denen waren die Karnevalisten schon seit Luthers Zeiten ein Dorn im Auge. Heidnisches Treiben, gottlose Lebenslust, Kneifen vor dem strebsamen Tagewerk - nichts für konstruktive Gemüter einer Stadt, die im Umkreis von zweihundert Kilometern nur von Sand umgeben ist. Schunkeln - für den Bundestagspräsidenten ist das mehr als exotisches Brauchtum einiger Hunderttausend Flussbewohner. Schunkeln - das ist für ihn die Invasion rheinischen Aberglaubens in die christlich leider nicht mehr sattelfeste Hauptstadt. Die Rheinstädter kratzt das wenig. Wenn sich heute am Rosenmontag die närrischen Lindwürmer wieder durch ihre Gassen schlängeln, singen sie zur Musik der Kolibris: "Die Hände zum Himmel. Kommt lasst uns fröhlich sein." Gott ist eben doch ein Kölner.

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