Gesundheit : Die Hasenjäger

Der Fuchs, heißt es, ist schuld daran, dass der Hase auf der Roten Liste steht. Stimmt das? Eine Ostergeschichte

Roland Knauer

Dem anschleichenden Fuchs muss das Verhalten des Feldhasen geradezu arrogant vorkommen: Statt den Anweisungen der Zoologie-Lehrbücher zu folgen und hakenschlagend davon zu sprinten, richtet sich Meister Lampe hoch auf und fixiert den durchs Feld pirschenden roten Räuber. Seine Pose macht dem Fuchs unmissverständlich klar: „Ja, ich habe dich gesehen. Aber Angst habe ich keine, denn ich bin schneller als du.“ Das rostrote Raubtier versteht die Botschaft offenbar – und schnürt in die andere Richtung davon. Allenfalls in zehn Prozent aller Fälle ergreift der Mümmelmann das sprichwörtliche Hasenpanier, zeigt eine Studie auf englischen Feldern. In den restlichen 90 Prozent dagegen trollt sich der Fuchs unverrichteter Dinge und stellt statt dessen Mäusen nach.

Trägt der rote Räuber also gar keine Schuld daran, dass die Mümmelmänner seit einigen Jahren als „gefährdet“ auf der Roten Liste zu finden sind und die Kinder um ihre Ostereier bangen, weil Hasen auf deutschen Fluren so viel seltener geworden sind? Wissenschaftler stehen vor einem großen, ungeklärten Rätsel.

Und so macht sich seit einiger Zeit eine Schar von Hasenexperten auf die Suche nach Antworten. Ulrich Voigt etwa vom Institut für Wildtierforschung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover versucht, dem Verhalten der Osterhasen im Landkreis Peine in der Nähe von Braunschweig auf die Spur zu kommen. So mancher abendliche Spaziergänger mag sich bereits über diesen Spinner gewundert haben, der noch in der Dämmerung mit einer schweren Kamera bewaffnet über die Felder stolpert.

Im hellen Tageslicht aber hätte der Biologe mit seiner Kamera keine Chance, denn die zeichnet nicht etwa sichtbare Bilder auf sondern Wärmestrahlen. Je wärmer ein Objekt ist, umso heller leuchtet es auf dem schwarz-grau-weißen Bild auf. Tagsüber würde daher jeder von der Sonne aufgeheizte Maulwurfshügel vom grauen Bild eines Hasen ablenken. Sobald nachts aber die Felder abkühlen, entdeckt Ulrich Voigt mit seiner Wärmebildkamera einen Hasen auch dann noch, wenn er 400 Meter entfernt über die Schollen hoppelt.

Ausgewachsene Hasen aber interessieren den Forscher gar nicht so sehr, er hat es auf die Junghasen abgesehen. Denn die alten Hasen sind recht gesund, stellen jedes Jahr zwischen Februar und August ihre Fruchtbarkeit in Form von Junghasen unter Beweis und fallen höchstens ab und zu einem Auto zum Opfer, haben frühere Studien gezeigt.

Da bleiben eigentlich nur noch Probleme beim Nachwuchs, die den Feldhasen Lepus europaeus auf der Roten Liste halten können. Rafft irgendein Faktor viele Junghasen dahin, könnten die Alten rammeln so viel sie wollen, die Mümmelmänner kämen trotzdem nicht aus dem roten Bereich des Artenschutzes heraus.

Eines ist klar: Die Häsin hütet sich, den Fuchs zu ihren Jungen zu führen. Deshalb säugt sie den Nachwuchs ganze zwei Minuten in der Abenddämmerung mit einer Art hochkonzentrierter Kondensmilch, die alles Lebenswichtige enthält. Den Rest des Tages und der Nacht sind die Häschen allein. Da sie keinerlei Körpergeruch haben, kann der Fuchs sie kaum finden, solange sie sich in eine Kuhle kauern.

Was sonst könnte die Junghasen erwischen? Krankheiten vielleicht? Die Tierärzte Kai Frölich und Stephanie Speck vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin gehen der Vermutung nach, sind nun dabei, Junghasen einem Gesundheits-Check zu unterziehen. IZW-Forscher Christian Voigt hat dazu eine Methode entwickelt, mit der man Häschen und anderen Tieren Blutproben deutlich schonender entnehmen kann als mit einer von vielen Patienten gefürchteten Kanüle: Der Forscher überlässt die Blutprobe einfach einer Blutwanze der Art Dipetalogaster maximus. Christian Voigt züchtet diese Raubwanzen im IZW und schickt sie anschließend mit den Hasenfängern aufs Feld. Erste Ergebnisse erwarten die Forscher in einigen Wochen.

Hasenforscher Ulrich Voigt indes untersucht, wo die Häschen sich normalerweise aufhalten, um so Risikofaktoren für den Osterhasen-Nachwuchs herauszufinden: Allenfalls sechzig Meter sind die Junghasen von einer Grenzlinie in Form eines Feldweges, einer Baum- oder Gebüschreihe entfernt.

Mitten in den großen Feldern dagegen hat Ulrich Voigt noch kein einziges Junghäschen gefunden. Den Grund für diese Verteilung kennt der Wissenschaftler noch nicht. „Vielleicht findet die Mutter in der monotonen Agrarlandschaft unserer Zeit so ihren Nachwuchs leichter wieder“, spekuliert der Forscher.

Und noch etwas anderes fällt auf. Im Untersuchungsgebiet wimmelt es nur so von Hasen, im Herbst zählt Ulrich Voigt auf 100 Hektar bis zu achtzig Mümmelmänner. Nur wenige Kilometer weiter dagegen liegt die Hasendichte nicht einmal bei zehn Prozent dieses Wertes.

Einen einzigen Unterschied zwischen beiden Gebieten hat Ulrich Voigt bisher gefunden: Auf dreißig Prozent der Fläche im Hasenparadies werden Zuckerrüben angebaut, im hasenarmen Nachbargebiet liegt der Anteil der Rübenfelder dagegen nur bei zehn Prozent. Wenn im Herbst das abgeerntete Zuckerrübenfeld gepflügt wird, könnten die groben Ackerschollen dem Hasen Deckung geben.

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