Gesundheit : Die Haut vergisst nichts

Im Sommer setzen sich viele Menschen freiwillig stundenlang der Sonne aus. Das hat Folgen. Experten sagen, dass die Zahl der Krebserkrankungen steigt. Es gibt aber auch neue Therapien

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Strandfotografien um 1900 sehen oft so aus, als würden die Menschen einen Ausflug in die Stadt machen. Die Frauen tragen Kleider, Hüte und Sonnenschirm. Bloß nicht zu viel Sonne an die Haut lassen! Vornehme Blässe galt als Privileg derjenigen, die nicht arbeiten mussten. „Das hat sich komplett geändert. Einen hohen sozialen Status verbinden wir heute mit gebräunter Haut“, sagt Claas Ulrich, Oberarzt am Hauttumor-Centrum der Charité. Denn wer sich bräunt, hat offensichtlich genug Geld, um gerade nicht arbeiten zu müssen. Diese Entwicklung hat ihren Preis. Und der heißt: Hautkrebs.

Allerdings tritt er nicht bei jedem in gleich schlimmer Form auf. Es gibt ihn in zwei Ausprägungen: Der meist gut behandelbare weiße und der aggressive schwarze Hautkrebs. Zur ersten Gruppe gehören Plattenephitelkarzinome (Spinaliome) und Basalzellkarzinome (Basaliome). Die zweite Gruppe sind die Melanome, und die sind richtig gefährlich. Sie wachsen schnell und können schon bei einem Millimeter Größe anfangen, Metastasen zu bilden. Sie befallen Lymphknoten, Lunge, Leber und andere Organe.

Häufiger, aber weniger dramatisch sind die Basaliome. Manche ähneln unscheinbaren Narben, andere haben einen perlschnurartigen Randwall, der sichtbar wird, wenn man die Haut spreizt. Sie können nach außen oder in die Tiefe wachsen. Sie finden sich häufig an Stellen im Gesicht, am Unterarm, auf dem Handrücken. „Glücklicherweise streuen Basalzellkarzinome nur in absoluten Ausnahmefällen“, sagt Ulrich. Trotzdem muss man sie behandeln: „Ein unbehandeltes Basaliom wächst unaufhaltsam und zerstörerisch wie ein Panzer ins Gewebe hinein“, sagt Ulrich.

Noch häufiger als Basalzellkarzinome finden sich beetartig auftretende, sich rau und sandpapierartig anfühlende aktinische Keratosen und die daraus entstehenden Plattenepithelkarzinome in den der Sonne ausgesetzten Hautarealen. Auch sie streuen wie die Basaliome nur selten in andere Organe. Fast 90 Prozent aller Plattenepithelkarzinome treten auf den „Sonnenterrassen“ wie Gesicht, Glatze, Geheimratsecken, Ohren, Unterarmen sowie Handrücken auf. Das zeigt die Rolle des Sonnenlichtes in der Entstehung dieser Hautkrebsform, woraus sich ein klares Sonnenschutz-Gebot gerade für solche Patienten ergibt, die bereits Hautkrebs hatten, betont Ulrich.

Die „Sonnenbadenden“ stellen das größte Problem von Hautkrebs-Präventionskampagnen dar. Sie sind vermutlich ein Hauptgrund für die rasante Zunahme der malignen Melanome in den letzten Jahrzehnten. Jeder Sonnenbrand steigert das Risiko, ein Melanom zu bekommen. Dabei entwickeln sich Melanome nicht nur aus vorbekannten Muttermalen, sondern können auch auf zuvor scheinbar unauffälliger Haut entstehen.

Wie häufig Basaliome und Plattenephitelkarzinome oder ihre Vorform, die Aktinische Keratose, wirklich sind, dass lässt sich laut Joachim Bertz, Epidemiologe am RobertKoch-Institut, aus den vorliegenden Daten bisher nicht sagen. „Definitiv wissen wir nur, dass bis zu 25 Prozent der Krebsneuerkrankungen Spinaliome sind. Aber sie verursachen weniger als ein Prozent der Krebs-Sterbefälle.“ Das Melanom dagegen mache nur rund drei Prozent aller Krebsneuerkrankungen aus, an ihm sterben aber viermal mehr Menschen als an allen anderen Hautkrebsformen zusammen.

Laut einer Studie, die 2011 im „British Journal of Dermatology“ erschienen ist, hat die Zahl der Melanomfälle in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Die Forscher haben alle Fälle in Dänemark zwischen 1978 und 2007 untersucht und herausgefunden, dass sich die Inzidenzrate, also die Zahl der Fälle pro 100 000 Einwohner, von 6,5 auf 14,4 mehr als verdoppelt hat. „Und Dänemark ist mit Deutschland vergleichbar“, meint Claas Ulrich. Hier beträgt die Zahl der jährlichen Melanom-Neuerkrankungen rund 16 000 – eine Zunahme von 300 Prozent bei Frauen und 400 Prozent bei Männern gegenüber den 80er Jahren, sagt Bertz.

Diese Zahlen sehen dramatisch aus, aber sie lassen sich teils leicht erklären. Es wird mehr nach Hautkrebs gesucht als früher und deshalb auch mehr gefunden. „Ja, die Aufmerksamkeit ist größer“, sagt Ulrich, „aber trotzdem steigen die Zahlen, und das nicht, weil wir Dermatologen uns das wünschen.“ Sondern weil die Menschen zu viel Zeit unzureichend geschützt in der prallen Sonne verbringen würden. Außerdem werden sie älter, die Sonnenzeit akkumuliert sich: „Die Haut merkt sich jede Stunde“, sagt Ulrich. Besonders gefährdet seien Kinder, helle Hauttypen, Organtransplantierte sowie Rheumakranke und Patienten, die Cortison nehmen. Sein Tipp: Vor allem in der Mittagszeit die Sonne meiden.

Melanome, Basaliome und Plattenephitelkarzinome entfernt man durch einen Skalpellschnitt, der sicherheitshalber auch Teile des umliegenden Gewebes umfasst. Bei früh festgestellten Basaliomen und aktinischen Keratosen gibt es jedoch neue Therapieverfahren, die auch ohne Narben eine komplette Abheilung dieser Tumoren ermöglichen. Wirkstoffe wie Diclofenac in Hyaluronsäure töten Hauttumorzellen schonend durch ein gezieltes biologisches Signal. Der Wirkstoff Imiquimod ruft eine Entzündungsreaktion gegen Tumorzellen hervor und bei der photodynamischen Therapie mit Methyl-Aminolevulinsäure wird das betroffene Areal mit Rotlicht bestrahlt.

Beim Melanom helfen nur Früherkennung und Skalpell. Aber auch hier versucht man, neben der Chemo- und Strahlentherapie neue Wege zu beschreiten, etwa mit einer Therapie aus B-Raf-Inhibitoren. „Die sind gerade in der Zulassung und geben Hoffnung, da sie die Lebenserwartung deutlich verlängern würden“, sagt Claas Ulrich. Die Medikamente sollen das Eiweiß B-Raf blockieren, das Tumorzellen wachsen lässt.

Coco Chanel hätte daran wohl noch nicht im Traum gedacht. Die Modeschöpferin soll schuld daran sein, dass sich heute alle in der Sonne braten lassen. 1923 ging sie nach einem Segeltörn in Cannes gut gebräunt von Bord – was sofort als neuer Trend interpretiert wurde. Wenn sie gewusst hätte, was sie damit auslöst.

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