Gesundheit : Die Heinrich-Böll-Stiftung lud zur Debatte uber die Rolle der Universitäten in der Wissensgesellschaft

Tom Heithoff

Das Wissen explodiert - und damit auch die Zahl der Debatten, in denen über das explodierende Wissen diskutiert wird. Schon hat sich ein neuer Begriff etabliert: Die "Wissensgesellschaft" ist momentan in aller Munde. Wie die Wissensgesellschaft eigentlich aussieht und welchen Einfluss sie auf die Universitäten hat, wurde bei der ersten Berliner Hochschuldebatte der Heinrich-Böll-Stiftung gefragt.

Michael Daxner, Professor für Soziologie und jüdische Studien an der Universität Oldenburg und bildungspolitischer Ideengeber, stellte dar, was zum Szenario künftiger Hochschulen in der Wissensgesellschaft gehören wird. "Das Studium wird im Zentrum aller Aktivitäten stehen". Es werde einen "lebenslangen Zugang zu Studium und Weiterbildung" geben, schließlich werde Wissen in Zukunft "eine wichtigere Rolle als Produktionsfaktor" spielen und "als Ware und Dienstleistung die Tätigkeiten, Qualifikationen und Berufe verändern".

Daneben würden die Hochschulen über ihre "Wissens-Macht" auch zu wichtigen Vermittlern zwischen Experten und Laien und leisteten damit einen "kulturellen Beitrag zur Demokratisierung von Wissen". Die neuen Medien böten hier die Chance, "unzensiert und direkt Adressaten zu erreichen, die bislang von der Mitgestaltung der Wissensgesellschaft ausgeschlossen sind".

Für die Studierenden ergeben sich, so Daxner, ganz neue Wissensgebiete. Sie müssen den Umgang mit schnell veraltetem Wissen lernen und sich auch auf die Besonderheiten der Medien einstellen. "Ein neuer Codex im Umgang mit Wissen wird geschrieben". In der amerikanischen Eliteuniversität Stanford beispielsweise werde nun auch die e-mail-Prüfung zulassen. Da der Prüfer natürlich nicht wissen kann, ob der Prüfling selbst an der Maschine sitzt, werde hier "ein ungeheurer Ehrlichkeitscode" vorausgesetzt.

Die Universitäten werden eine ganz andere Kultur des Studierens entwickeln. Die Wissensvermittlung vom Lehrenden zum Studenten wird nicht ihre Bedeutung verlieren, aber wahrscheinlich mehr der Interpretation und Übersetzung des Stoffes dienen, den die Medien vermitteln. Soweit Daxner. Zugleich werde sich aber auch der "Rollentausch" durchsetzen: Dozenten lernen von Studenten. Auch das gehöre mit zum Prinzip des "lebenslangen Lernens". Schöne neue Welt oder Horrorszenario? "Weder noch und von allem etwas", sagt Daxner. Entscheidend seien die Fragen: "Was müssen wir wissen, was können wir wissen, was brauchen wir nicht zu wissen, und wie entscheiden wir diese Fragen?" Man darf Daxner aber wohl doch eine freudige Erwartung unterstellen, denn er sieht sehr glücklich aus, wenn er auf diese Weise träumt.

Nach der einstündigen Lektion über optimistische Zukunftsbetrachtung gab die moderierende Tagesspiegel-Redakteurin Dorothee Nolte einem Skeptiker das Wort. Der FU-Philosoph Holm Tetens hält den Begriff der Wissensgesellschaft für "Etikettenschwindel"; Wissen und Wissenschaft seien nämlich immer schon wichtige Faktoren für Industriegesellschaften gewesen. Nein, der Begriff verstelle den Blick auf das Eigentliche. Die Unis haben nicht auf eine Wissensgesellschaft zu reagieren, sie haben Wissen und Bildung zu verteidigen in einer Gesellschaft, die alle gesellschaftlichen Bereiche nach den Möglichkeiten der datenverarbeitenden Technologien umzumodeln versucht und dabei drauf und dran ist, wirkliches Wissen und wirkliche Bildung zu gefährden.

Wir haben es nach Tetens mit einer "Wissensillusion des Computerzeitalters" zu tun. Daten selber seien kein Wissen, "höchstens potenzielles Wissen". Wir drohen in der Datenflut unterzugehen, denn "die Fähigkeit, aus Daten Wissen werden zu lassen, ist begrenzt". Die rasante Entwicklung der neuen Medien erzeugt die "zum Teil gefährliche Illusion, der mühsame Weg von den Daten zu wirklichem Wissen ließe sich mit Hilfe der Technologie wesentlich verkürzen".

Alle 15 Jahre verdoppelt sich die Zahl der Forscher weltweit. Heute werden pro Arbeitstag 20 000 wissenschaftliche Texte veröffentlicht, 1950 waren es 2000. "Der Wissenschaft wächst das Wissen über den Kopf", rief Tetens aus. Darum müsse Wissen begrenzt werden. Niemand könne mehr einen Gesamtüberblick erlangen, dafür werde "Wissen zum Wissen und Wissen über Wissen" wichtiger. Eine der größten Herausforderungen, vor denen Universitäten wie Schulen stehen, sei es, aus der Datenflut und Informationsschwemme Wissen und Bildung entstehen zu lassen und zu bewahren.Die Debatten der Heinrich Böll Stiftung werden bis zum Frühjahr 2000 fortgesetzt. Ziel ist es, ein Forum zu etablieren, das alle hochschulpolitisch Beteiligten zu einem kontinuierlichen Dialog finden lässt. Forschung, Lehre und Studium sollen zu einer öffentlichen Angelegenheit gemacht werden. Die nächste Hochschuldebatte wird sich am 6. Dezember mit der Frage beschäftigen: Wozu braucht Berlin drei Universitäten?

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