Gesundheit : "Die Hochschulen müssen das Vergessen lernen"

Uwe Schlicht

Der Wissenschaftsrat arbeitet jetzt an inhaltlichen Vorgaben für eine große Studienreform. Das gab gestern der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Professor Winfried Schulze, auf einer Pressekonferenz in Berlin bekannt. Nur dann könne die inhaltliche Studienreform im Zeichen von Bachelor und Master gelingen, wenn die Studiengänge auch wirklich neu konzipiert werden. "Die neuen Abschlüsse dürfen nicht aus alten Abschlüssen zusammengeschustert werden." Diese Warnung richtete sich offensichtlich gegen die bisher verbreitete Absicht, bis zum Vordiplom oder der Magisterzwischenprüfung alles so zu belassen wie es ist, und danach nur noch zwei Semester bis zum Bachelorabschluss draufzusetzen.

Auch eine Einteilung des Studiums in Module reiche nicht aus, und die Einführung von Kreditpunkten sei nur ein Teil der Reform. Die Hochschulen müssten vielmehr endlich das bewusste Vergessen üben - mit anderen Worten den Verzicht auf überholtes und angehäuftes Wissen bewältigen. Bisher sei es Tradition, die ungeheure Vermehrung des Wissens einfach durch Akkumulierung zu bewältigen. So werde immer mehr Wissen in die Studiengänge gepackt oder in die Lehrbücher gestopft. Dieses Verfahren sei nicht mehr zu handhaben. Die Welt habe sich inzwischen so radikal geändert und werde sich auch in Zukunft mit großer Geschwindigkeit verändern, dass die Hochschulen auf diesen Wandel endlich angemessen reagieren müssten. Der neue Maßstab für die große Studienreform müsse sein, dass sich die Fachhochschulen und Universitäten genau überlegen müssten, was in einem Zeitraum von sechs Semestern für den Bachelor-Abschluss und von 10 Semestern für die Kombination von Bachelor und Master von einem Studenten realistisch gelernt werden könne.

Deutlich warnte der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Winfried Schulze, einzelne Hochschulrepräsentanten als auch die Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Fakultätentage davor, im Zusammenhang mit der großen Studienreform weiter vor einer Kannibalisierung der Diplomstudiengänge oder von einer Bachelorlüge zu sprechen. Für die künftige Neuordnung des Studiums könne es auch nicht entscheidend sein, an einzelnen Universitäten einen Bestand von 50 000 Studenten halten zu müssen. "Dies ist ein Denken in den Maßstäben der Tonnenideologie". Es gehe darum, die Studenten möglichst gut für die Anforderungen der Arbeitswelt zu qualifizieren. Ein Studium für heute 30 bis 40 Prozent eines Jahrgangs müsse anders angelegt sein als für nur fünf Prozent.

Winfried Schulze sprach die Hoffnung aus, dass nach Umsetzung der großen Studienreform auch die Politiker davon zu überzeugen seien, künftig den Hochschulen wieder mehr Geld zukommen zu lassen. Das derzeitige Defizit bezifferte Winfried Schulze auf jährlich acht bis neun Milliarden Mark - es entsteht durch eine schlechtere Betreuung der Studenten im Vergleich zu anderen führenden Ländern, aus der mangelden Geräteausstatung und der unzureichenden baulichen Erneuerung der Hochschulen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben