Gesundheit : Die Hochzeit des Palolo-Wurms

Vor Samoa taucht jeden Herbst ein seltsames Meereswesen auf – Köstlichkeit und Naturspektakel

Monika Rössiger

Savai’i, Samoa, drei Uhr nachts. Aus den Pfahlhütten am Strand dringen gedämpfte Weckrufe und das Rascheln der Bastmatten nach draußen. Eine ungewöhnliche Zeit, um aufzustehen. Aber heute ist jeder, der laufen kann, auf den Beinen. Familienweise machen sich die Einwohner von Manese und den benachbarten Dörfern auf den Weg zu einer Lagune. Dort soll aller Voraussicht nach die ozeanische Bescherung mit „Palolo“, dem samoanischen Kaviar, stattfinden. Ein Naturspektakel der besonderen Art, das sich kaum jemand entgehen lässt.

Palolo ist ein etwa 60 Zentimeter langer mariner Ringelwurm, verwandt mit unserem Regenwurm, der sich das ganze Jahr über im Korallenriff versteckt hält. Nur im Oktober oder November, wenn auf der Südhalbkugel der Frühling beginnt, steigt er nachts an die Meeresoberfläche, um sich fortzupflanzen. Das Ereignis dauert nur zwei bis drei Stunden und lässt sich nie ganz genau vorherbestimmen. Auf Samoa wird es gefeiert, wie bei uns Weihnachten: Mit Festschmaus im Kreis der Familie.

Mehrere 100 Inselbewohner strömen zusammen, wie Gespenster huschen sie durch die Schwärze der Nacht. In ihrer Verschlafenheit wechseln sie kaum ein Wort miteinander, pilgern in stummer Prozession zur Lagune und dort geradewegs ins Meer – vollständig bekleidet und bis zur Brust im Wasser versinkend. Die schwungvolle Dünung macht es ihnen schon im Stehen schwer, mit Kescher und Korb in den Händen, die Balance zu halten. Noch schwieriger ist es, rund 500 Meter gegen die Wellen bis zur Riffkante vorzugehen, wo die Würmer zuerst auftauchen. Schwankend bahnen sich die Gourmets ihren Weg.

Unter funkelndem Sternenhimmel und im Lichtkegel der Taschenlampen wimmelt es von spaghettidünnen, grün schillernden und braunen Leibern. Grün sind die Weibchen, braun die Männchen. Mit korkenzieherartigen Bewegungen zappeln sie im Wasser und kitzeln an den Beinen. Die Lagune hat sich in eine Glasnudel-Suppe verwandelt.

Mit ihren Keschern können die Samoaner aus dem Vollen schöpfen. Und kaum einer widersteht der Versuchung, vom „Kaviar der Meere“ zu naschen, ihn gleich roh zu verzehren. Sie schmecken wie Fischeier – und zappeln zum Glück nicht im Mund herum, weil sie bei der ersten Berührung platzen. Die restlichen Würmer werden entweder in Butter gebraten und auf Toast serviert oder im Bananenblatt gebacken.

Westliche Forscher fasziniert das Palolo-Phänomen seit langem. Der erste Bericht eines Europäers über den samoanischen Palolo stammt von einem britischen Missionar. Er schickte 1847 eine Ladung grüner Würmer nach London und schrieb:

„Die Eingeborenen lieben sie außerordentlich, berechnen ihr Erscheinen mit großer Exaktheit und erwarten sie voller Interesse. Die Würmer werden in kleinen, schön geflochtenen Körben gefangen, am Strand in Blätter eingepackt und gebacken. Große Mengen werden unzubereitet gegessen… Der Wunsch, den Palolo zu essen, ist in allen Bevölkerungskreisen so groß, dass, sowie die Wurmfischer an Land gekommen sind, Boten in alle Richtungen mit großen Mengen auch zu den Inselregionen geschickt werden, wo es die Würmer nicht gibt."

Der Südseewurm, der auch noch auf Fidschi vorkommt, vereint in geradezu idealtypischer Weise drei biologische Rhythmen: den Tages-, den Monats- und den Jahresrhythmus. Palolo zeigt sich nur einmal im Jahr, während einer bestimmten Mondphase, zu einer bestimmten Nachtzeit. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entdeckte man, dass das schlagartige Schwärmen der Myriaden von Würmern wohl nicht direkt vom Mond ausgelöst wird, sondern vom Gezeitenrhythmus, der wiederum von Mond und Sonne gesteuert ist. Das perfekte Timing sichert Fortpflanzung und Überleben einer Art, die Menschen und Fischen gleichermaßen als Nahrung dient. Noch bizarrer ist, dass gar nicht der ganze Palolo aus dem Riff aufsteigt, sondern nur sein mit Eiern oder Spermien gefüllter Hinterleib. Kopf und Vorderteil bleiben im Riff und bilden mit der Zeit ein neues Hinterende.

Über das Schwärmen des Südseewurms vor Samoa existieren Aufzeichnungen, die bis in das Jahr 1843 zurückreichen. Aus diesen Daten leitete der Hamburger Hydrologe Hubert Caspers 1961 die empirischen „Palolo-Regeln“ ab, nach denen sich das Auftreten des Wurms mit einiger Wahrscheinlichkeit vorhersagen lässt. Allein die erste von sechs Regeln vermittelt bereits die Kompliziertheit des Ereignisses:

„Das Schwärmen tritt nicht vor dem 8. Oktober auf. Fällt das dritte Mondviertel auf den 7. Oktober oder früher, so schwärmt der Palolo erst beim nächst folgenden dritten Viertel, also am 6. November oder in den Tagen davor.“

Mit dem „dritten Mondviertel“ ist die Zeit rund sieben Tage nach Vollmond gemeint. Diese Phase verschiebt sich im Kalender jedes Jahr um zehn bis elf Tage nach vorn, bis sie wieder an das Monatsende zurückspringt. Das liegt am Zeitunterschied zwischen Mondlauf und Sonnenkalender. Beispielsweise war das letzte Mondviertel 1893 am 31. Oktober, im folgenden Jahr am 21. Oktober, 1895 am 11. Oktober und 1896 am 29. Oktober. Auf diese Tage oder kurz davor fiel auch das jeweilige Palolo-Schwärmen.

Außer dem Jahres- Monats- und Tagesrhythmus unterliegt das Palolo-Schwärmen noch dem „Metonischen Zyklus“: Alle 19 Jahre wiederholt sich die Konstellation von Sonne, Mond und Erde bei gleichem Kalenderdatum. Und der Palolo schwärmt am gleichen Tag wie vor 19 Jahren. Wann und wo die Würmer erscheinen werden und ob überhaupt, gehört zum Wissensschatz der „Matai“, der Häuptlinge auf Samoa. Um das Auftauchen des Palolo vorherzusagen, beobachten sie den Mond, die Pflanzen und die Gezeiten. Sobald der Mosooi-Baum seine gelben, süß-duftenden Blüten öffnet, ist die Nacht der Nächte nicht mehr weit.

Gegen sechs Uhr dämmert der Morgen heran, der Himmel färbt sich rosa-violett. Die Palolo-Sammler gehen an Land, weil die Würmer bei Tageslicht verschwinden: „schmelzen“, wie die Einheimischen es nennen. Nachdem in der Nacht Millionen von Palolos aufgestiegen sind, lösen sie sich innerhalb von drei Stunden ins Nichts auf.

0 Kommentare

Neuester Kommentar