Gesundheit : Die Humboldt-Universität sucht einen neuen Standort in Mitte

Anne Strodtmann

Das bisher genutzte Gebäude der Staatsbibliothek muss bis Ende 2004 geräumt seinAnne Strodtmann

Noch hat die Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität ein Domizil: Sie ist in einem Seitentrakt der Staatsbibliothek in Berlin Mitte untergebracht - mehr schlecht als recht. Das ohnehin nicht gerade üppige Platzangebot ist während der Restaurierung des gesamten Gebäudes der Staatsbibliothek (Stabi) noch geringer geworden. Der Lesesaal musste bereits mehrfach verlagert werden und büßte bei jedem Umzug einen Teil der Arbeitsplätze ein. Jetzt ist er in der ehemaligen Dienstwohnung des Hausmeisters untergebracht und bietet nur noch 24 Arbeitsplätze.

Die Universitätsbibliothek ist, wie ihr Direktor, Milan Bulaty, betont, nicht mehr in der Lage, ihren Service-Auftrag für Studenten und Wissenschaftler zu erfüllen. Mit ihren wertvollen Altbeständen habe sie darüber hinaus auch überregional einen Ruf zu verlieren. Insbesondere wird die wertvolle Spezialliteratur aus der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei der derzeitigen Unterbringung in unzureichenden Magazinen extrem gefährdet.

Darüber hinaus möchte die Staatsbibliothek den Mieter endlich los werden. Schon Anfang der dreißiger Jahre sollte die Bibliothek der damals noch so genannten Friedrich Wilhelms-Universität in ein eigenes Gebäude umziehen. Jetzt soll es 74 Jahre später endlich Ernst werden. Die Staatsbibliothek hat der Humboldt-Universität den Mietvertrag zum 31. Dezember 2001 gekündigt. Nach einer internen Absprache hat die Humboldt-Universität noch bis Ende des Jahres 2004 Zeit mit dem Umzug. Eine weitere Fristverlängerung dürfe es nicht geben, sagt Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Sonst komme die Sanierung der Staatsbibliothek ins Stocken und der weitere Zeitplan wäre nicht mehr einzuhalten. "Der Berliner Senat", betontet Klaus-Dieter Lehmann, "muss diesen Termin ernst nehmen." Im Dezember vergangenen Jahres habe er die Dringlichkeit gegenüber dem damals noch amtierenden Senator für Wissenschaft und Kultur, Peter Radunski, erneut deutlich gemacht. Dessen Nachfolgerin Christa Thoben habe er ebenfalls informiert. Ein entsprechendes Gespräch mit dem neuen Senator Christoph Stölzl stehe bevor. Das bedeutet im Klartext: Der Berliner Senat muss auf seiner Sitzung am 9. Mai entscheiden. Denn wie bei allen Hochschulbauten geht es darum, auch die Gelder des Bundes für die Finanzierung zu gewinnen. Über die Vergabe der Bundesgelder entscheidet der Wissenschaftsrat am 10. Mai, und zwar für alle Hochschulbauten in Deutschland, die in den Jahren 2001 bis 2004 fortgesetzt oder neu begonnen werden.

Der Wissenschaftsrat wird dem Land kaum Hindernisse in den Weg stellen, sofern Berlin den Landesanteil finanzieren kann. Zweimal hatte der Wissenschaftsrat wegen der Dringlichkeit bereits Bundesgelder bereitgestellt: im 23. Rahmenplan für die Jahre 1994 bis 1997 waren es 123 Millionen Mark und im 25. Rahmenplan sogar 139 Millionen Mark. Berlin konnte die Chance nicht nutzen. Danach waren die Baupläne wieder auf Eis gelegt worden.

Berlin hat sich selbst gekündigt

Jetzt bieten sich neue Chancen, weil die Humboldt-Universität ein Grundstück und damit einen Standort für die neue Bibliothek präsentieren kann. Der amtierende HU-Präsident Hans Meyer verweist auf die Verpflichtung des Senats, neue Räume für die Universitätsbibliothek bereitzustellen: Das Land Berlin ist zu 50 Prozent an der Staatsbibliothek beteiligt, trägt demzufolge die Kündigung des Mietvertrages mit. "Das Land", sagte Meyer gegenüber dem Tagesspiegel, "hat sich also selbst den Mietvertrag gekündigt. Es ist verpflichtet für eine neue Unterbringung zu sorgen." Dass die Humboldt-Universität jedoch nach Ablauf der von der Stabi gesetzten Frist mit ihren Bücherkisten auf der Straße sitzen könnte, sei wohl nicht zu befürchten. "Da wird sich eine Übergangslösung erreichen lassen. Aber die Kündigung übt einen heilsamen Druck auf den Senat aus."

Meyer ist relativ optimistisch, dass die derzeit laufenden Verhandlungen zu einem positiven Ergebnis führen werden. Zwar werde der Senat bei der angespannten Haushaltslage kaum die Gelder für einen Bibliotheksbau aufbringen können. Es deute sich jedoch eine gangbare Alternative an. Das Zauberwort ist die so genannte "Vermögensumschichtung".

Auf diese Weise könnten die Summen gewonnen werden, die die Universität für die Bibliothek benötigt, ohne dass der ohnehin strapazierte Landeshaushalt zusätzlich belastet würde. Über zwei mögliche Standorte ist in der letzten Zeit diskutiert worden. Zum einen könnte bei einer Wiedererrichtung des Berliner Schlosses auch die Universitätsbibliothek dort untergebracht werden. Die Lösung ist jedoch nicht nur zeitlich mit zu vielen Ungewissheiten belastet. Von daher wäre das, wie Meyer sagt, nur die "zweitbeste Lösung". Selbst wenn der Schlossbau umgehend beschlossen würde, könnte die Universität erst in frühestens acht bis zehn Jahren über die Räume verfügen. Die werden aber bereits wesentlich früher, nämlich im Jahr 2004 benötigt.

Darum favorisiert die Humboldt-Universität ein anderes Quartier: Den Gebäudekomplex an der Oranienburger Straße zwischen Tucholsky- und Monbijoustraße gegenüber der Synagoge. Für die Universitätsbibliothek wäre vor allem der Trakt an der Monbijoustraße interessant, der früher das Haupttelegrafenamt beherbergt hat. Diese Lösung hätte den Vorzug, dass kein Neubau errichtet werden muss. Die vorhandenen Gebäude müssten nur den Bedürfnissen der Bibliothek angepasst werden.

Auf den rund 30 000 Quadratmetern, die in den Gebäuden zur Verfügung stehen, wäre neben der Universitätsbibliothek auch noch Platz für die Mensa. Ein weiterer Pluspunkt wäre, dass in diesem Gebäude mehrere Teilbibliotheken der Humboldt-Universität zu einer geisteswissenschaftlichen Zentralbibliothek zusammengefasst werden könnten, analog zur naturwissenschaftlichen Bibliothek, die auf dem Campus in Adlershof entstehen wird.

Werden die Verhandlungen mit dem jetzigen Eigentümer des Geländes bald erfolgreich abgeschlossen werden, könnte die Universitätsbibliothek bereits in etwa anderthalb bis zwei Jahren umziehen. Groben Schätzungen zufolge müssen für Erwerb und Umbau des Gebäudes rund 180 Millionen Mark veranschlagt werden, die dann mit Hilfe der Vermögensumschichtung aufzubringen wären.

Die Humboldt-Universität liebäugelt auch mit der anderen Hälfte des Telekom-Geländes zur Tucholskystraße hin, das noch einmal die gleiche Nutzfläche erbringen würde. Die Universität hätte dort eine Möglichkeit, ihre Institute, die derzeit noch auf mehrere Standorte verteilt sind, an einem Ort zu konzentrieren.

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