Gesundheit : Die Hungerkur ersetzt das Skalpell

Adelheid Müller-Lissner

Rund ein Drittel aller Frauen über 35 beherbergen in ihrer Gebärmutter langjährige, ungebetene Gäste, die in vielen Fällen aber unauffällig bleiben. Manchmal machen die Myome, gutartige Wucherungen des glatten Muskelgewebes, die häufig in der Mehrzahl auftreten, aber auch massive Beschwerden. Dann sind etwa die Monatsblutungen besonders stark, oder große Myome drücken auf andere Organe. Sie behindern damit etwa die Harnblase oder verursachen Krämpfe und Kreuzschmerzen.

Manchmal hilft nur eine operative Entfernung der Gebärmutter. Damit sind die Patientinnen das Problem der Myome ein für alle Mal los. Dagegen spricht hauptsächlich der Wunsch, noch Kinder zu bekommen. Als Folge der Operation können sich jedoch die Organe im Unterleib verschieben, auch das sexuelle Empfinden kann leiden. Deshalb sollte die Operation nur dann in Betracht kommen, wenn sich die Beschwerden nicht anders behandeln lassen.

Zunehmend wird deshalb die "Myektomie" bevorzugt, bei der die Gebärmutter erhalten, die Wucherungen aber gezielt entfernt werden. Je nach Lage der Myome wird der Eingriff entweder durch die Vagina oder mittels eines kleinen Schnittes in die Bauchdecke durchgeführt. Die Methode kommt jedoch nur in Frage, wenn nicht zu viele und nicht zu große Myome entfernt werden müssen und auch deren Lage günstig ist.

Zudem können die nicht vollständig entfernten Myomknoten erneut wachsen, oder es können neue Wucherungen entstehen. Das Wachstum der gutartigen Tumoren wird nämlich vom Hormon Östrogen beeinflusst, dessen Produktion in den Wechseljahren abnimmt. Folglich schrumpfen die unerwünschten Gebilde in der Gebärmutter, ein angenehmer Effekt der Menopause. Durch die Gabe von Anti-Östrogenen versuchen Frauenärzte diesen Prozess bei jüngeren Patientinnen zu beschleunigen. Als Dauertherapie wünschen sich jedoch die wenigsten Frauen ein vorgezogenes Klimakterium.

Seit einigen Jahren gibt es eine neue Lösung, seit wenigen Monaten wird sie auch in Berlin angeboten: die "Embolisation". Sie beruht auf dem Prinzip, die Wucherungen auszuhungern, indem man sie von der Blutversorgung abschneidet. Zunächst erfolgt ein Einstich in die Leiste, dann wird unter örtlicher Betäubung ein Katheter in die Gebärmutterarterie eingeführt. In die kleinen Gefäße, die das Myom mit Blut versorgen, werden dann langsam Partikelchen aus Kunststoff injiziert. Die sandkorngroßen Teilchen verkeilen sich und dichten die Gefäße ab, so dass das Myom von der Blut- und Sauerstoffversorgung abgeschnitten wird. Die Geschwulst hungert aus und schrumpft in den folgenden Monaten merklich.

Die Methode wird inzwischen in den beiden radiologischen Kliniken der Charité angeboten. "Mittlerweile haben wir mehr als zehn Myom-Patientinnen so behandelt", sagt Jens Ricke, leitender Oberarzt der Strahlenklinik und Poliklinik im Campus Virchow-Klinikum. Erfahrungen wurden mit der Technik bereits durch die Behandlung anderer gynäkologischer Erkrankungen gesammelt. Unstillbare Blutungen bei Krebs am Gebärmutterhals beispielsweise werden ebenfalls embolisiert. "Wir müssen dafür im gleichen Gefäß nur eine Kreuzung später abbiegen", erklärt Ricke.

Das Verfahren kommt immer dann in Frage, wenn die Gebärmutter erhalten bleiben soll, die Myome jedoch nicht herausgeschält werden können. Eine Ausnahme bilden die außen sitzenden "gestielten" Myome, die infolge der Versorgungs-Blockade von der Wand des Uterus abfallen und dann im Bauchraum bleiben könnten.

So elegant das gezielte Aushungern der Wucherungen auch ist, es bleibt das Problem der Strahlenbelastung durch die begleitende Röntgenkontrolle. Denn in unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich die Eierstöcke. Die Belastung ist, wie Messungen ergaben, relativ gering, Wahrscheinlich wird das Risiko nicht erhöht, dass die Patientinnen später Nachwuchs mit genetischen Schäden bekommen. Dennoch empfehlen Radiologen die Embolisation von Myomen bisher nur Frauen, die keine Kinder mehr bekommen wollen.

Diese Einschränkung wird auch gemacht, weil die Kunststoffpartikelchen theoretisch auch gegen den Strom schwimmen und sich in die Arterie verirren könnten, die die Eierstöcke versorgt. Um das zu verhindern, finden inzwischen - nach Tierversuchen, besonders beim Schaf - nur Teilchen Anwendung, die für diese Komplikationen zu groß sind. Dennoch bleibt bei etwa ein bis vier Prozent der behandelten Frauen die Monatsblutung aus. Das betrifft zwar vor allem Frauen kurz vor den Wechseljahren, könnte aber auch auf eine Wanderung der Partikel in Richtung Eierstock hindeuten. In Frankreich und den USA wurden zwar etliche Frauen nach Embolisation von Myomen schwanger, Langzeituntersuchungen fehlen jedoch.

Weltweit sind seit 1997 über 10 500 dieser Hungerkuren für Myome eingeleitet worden. Der Anstoß dazu kam aus Frankreich. Dort wurde schon 1990 eher zufällig festgestellt, dass als Nebeneffekt von Embolisationen, mit denen starke Blutungen nach Entbindungen gestillt wurden, Wucherungen in der Gebärmutter schrumpften. So wurden die Pariser Jacques-Henri Ravina und Jean-Pierre Pélage zu "Vätern" der Therapie, bei der die Gebärmutter erhalten bleibt.

Dass inzwischen auch in Deutschland häufiger nach Alternativen zur Uterusentfernung gesucht wird, liegt wahrscheinlich vor allem am Druck, den die Frauen selbst ausüben. "Frauen, denen eine Entfernung des Uterus vorgeschlagen wird, sollten sich auch nach der Embolisation erkundigen", meint Ricke. Eine Schwierigkeit besteht darin, dass die Frauenärzte damit eine ihrer angestammten Aufgaben an Radiologen abgeben. "Die Lösung muss darin bestehen, dass eine Klinik als Gesamteinrichtung alles anbietet", sagt Ricke.

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