Gesundheit : Die Judenfeindschaft hat viele Gesichter

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Der Stand der Dinge: Unter diesem Titel berichten renommierte Geistes- und Sozialwissenschaftler über den Forschungsstand ihrer Disziplin. Antisemitismus ist in jüngster Zeit wieder Thema der politischen Debatten in Deutschland, unter anderem bei den Fragen: Wann ist Kritik an Israels Politik berechtigt, wann schlägt sie ins Antisemitische um? Ein Blick auf die Geschichte dieses Themas.

Von Werner Bergmann

Judenfeindschaft ist ein historisches Phänomen von langer Dauer, der Antisemitismus im engeren Sinne entstand erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Die damals geprägte Wortneuschöpfung bringt den Wandel in der Wahrnehmung von Juden auf den Begriff: Sie wurden nun nicht mehr primär über ihre Religion definiert, sondern als eine Nation oder Rasse. Da Juden zugleich Teil der eigenen wie anderer Nationen waren, galten sie in vielen der entstehenden europäischen Nationalstaaten ähnlich wie die Arbeiterbewegung oder die Freimaurer als kosmopolitische Elemente und „innere Feinde", welche die Nation ökonomisch, geistig und rassisch zu „zersetzen" drohten.

Dagegen formierte sich der Antisemitismus als nationalistische Integrationsideologie, antiliberale Weltanschauung und politische Protestbewegung, die die „Judenfrage" als Ursache nahezu aller sozialen, politischen, religiösen und kulturellen Probleme definierte. Der Antisemitismus war Ausdruck von Spannungen und Krisen der neuen Massenpolitik, die ganz unterschiedliche Ursachen haben konnten: nationale Konflikte, ökonomische Krisen, politische Machtkämpfe und raschen kulturellen und sozialen Wandel.

Vorrat antijüdischer Motive

Heute bezeichnen wir mit Antisemitismus allerdings zumeist die Gesamtheit aller judenfeindlichen Einstellungen, Äußerungen und Handlungen in allen historischen Epochen. Er wird oft über Beifügungen wie antiker, christlicher, moderner Antisemitismus spezifiziert. Diese Ausweitung ist problematisch, suggeriert sie doch eine Allgegenwart von Judenfeindschaft - sozusagen vom biblischen Haman bis zu Hitler - und verkürzt die Beziehungen der Juden zu anderen Völkern auf eine reine Verfolgungsgeschichte. Es sind wohl die ins Auge stechenden Kontinuitäten, die dieser Auffassung ihre Plausibilität verleihen, hat sich doch von den frühchristlichen Anklagen bis zu den rassistischen Feindbildern ein kulturell tief verankerter Vorrat an antijüdischen Motiven aufgeschichtet, aus dem man sich in aktuellen Konflikten bedienen kann - so wie gegenwärtig die „Protokolle der Weisen von Zion" in arabischen Ländern als „Beweis" für die zionistische Weltverschwörung Konjunktur haben.

Diese These vom „ewigen Antisemitismus" haben jedoch Autoren wie Hannah Arendt im Blick auf den Holocaust als gefährlich zurückgewiesen, denn christliche Judenfeindschaft oder moderner Antisemitismus sind nicht hinreichend als Reaktion auf die Fremdheit der Juden zu verstehen. Wie wäre es sonst zu erklären, dass die Judenfeindschaft trotz deren weitreichender Integration nach 1880 eher wuchs als zurückging? Die Antisemitismusforschung folgt der These vom immer gleichen Wesen der Judenfeindschaft nicht, sondern untersucht die Wandlungen ihrer Ursachen, Ziele, Inhalte und Auswirkungen in den einzelnen Epochen und Regionen und versucht, diese auf gesellschaftliche Konfliktlagen und Interessen zurückzuführen.

Die intensive Erforschung des Antisemitismus setzte erst in den frühen 1940er Jahren ein, als das emigrierte Institut für Sozialforschung um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno einen integrierten Untersuchungsansatz entwickelte, der historische, individual- und sozialpsychologische, soziologische und publizistische Analysen verknüpfte. Heute wird zum Antisemitismus in zahlreichen Disziplinen geforscht: von der Theologie und Philosophie über die Geschichts-, Kultur- und Sozialwissenschaften bis hin zur Psychologie und Psychoanalyse. Entsprechend finden wir einen Pluralismus der Sichtweisen – eine allgemeine Theorie des Antisemitismus gibt es nicht.

Die Goldhagen-Debatte hat alte Fragen neu aufgeworfen: die nach der Kontinuität des Antisemitismus und nach seinen deutschen Spezifika. Hat sich der Antisemitismus kontinuierlich auf die Verfolgung der Juden hin entwickelt - oder hat er Brüche und Wandlungen erfahren, die ihn erst radikalisiert haben? Diese Frage ist keineswegs geklärt. Die „Beweglichkeit des Vorurteils" verführt dazu, in Motivgeschichten und psychoanalytisch geprägten Kulturtheorien die Allgegenwart von Judenfeindschaft zu unterstellen und einen „langen Weg zum Holocaust" zu rekonstruieren, ohne Motive und Vorstellungen historisch einzubetten und die konkreten Übermittlungswege und Funktionen zu untersuchen.

Dieser Aufgabe haben sich in den letzten Jahren Studien zu wichtigen Vorstellungskomplexen, wie der Ritualmordlegende, dem Wucher-Vorwurf oder Verschwörungstheorien unterzogen. Andere Studien haben die volkskulturelle Weitergabe solcher Vorstellungen in Trivialliteratur, bildlichen Darstellungen, Predigten nachgezeichnet. Alltags- und Mentalitätsgeschichte rekonstruieren Formen und Wege einer antijüdischen Traditionsbildung und versuchen dabei, soziale „Trägerschichten" des Antisemitismus zu bestimmen. Die Antisemitismusforschung hat so eine mentalitätsgeschichtliche Basis erhalten. Studien zur Nachkriegszeit haben die Beharrlichkeit von Mentalitäten aufgewiesen, denn sogar der „Zivilisationsbruch" des Holocaust hat das Fortwirken eines virulenten Antisemitismus nach 1945 nicht verhindert, dieser hat sich erst im Laufe von Jahrzehnten abgeschwächt.

Angesichts der langen Traditionslinien fällt die Markierung von Diskontinuitäten schwer. Dass ab 1880 etwas Neues entstand, ist in der Forschung kaum umstritten. Einen Radikalisierungsschub kann man wohl in der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", dem Ersten Weltkrieg, sehen. In Deutschland und anderen mittel- und osteuropäischen Staaten entwickelte sich der Judenhass nun zu einer zentralen politischen Kraft. Warum ging der primär verbale Antisemitismus in einen aktionistischen und gewalttätigen Radikalismus über?

Die Goldhagen-Debatte

Einige neuere Studien führen diesen Wandel auf die Erfahrungen des Weltkriegs zurück, sowohl für die Frontgeneration wie für die nicht mehr zum Einsatz gekommene Kriegsjugendgeneration, aus der sich das antisemitische, technokratische Führungspersonal der nationalsozialistischen Bewegung rekrutierte. Andere Forschungen analysieren den Zusammenhang von antijüdischer Ideologie mit pogromistischer Gewalt gegen Juden im 19.-20. Jahrhundert. Noch nicht zureichend geklärt ist Ernst Noltes Frage, welche Bedeutung die bolschewistische Revolution für die Radikalisierung des Antisemitismus hatte. Die seit den zwanziger Jahren präsente Beschwörung der „jüdisch-bolschewistischen" Gefahr zeigt an, dass zwischen Antikommunismus und Antisemitismus offenbar enge Wechselwirkungen bestanden, deren mobilisierende politische Wirkungen erst ansatzweise untersucht sind.

Die Judenpolitik des Dritten Reiches ist inzwischen gut erforscht, doch mangelt es erstaunlicherweise an Studien, die sich mit den ideologischen Strömungen im NS-Antisemitismus befassen, während über die Verbindung von Antisemitismus und dem Holocaust eine lange und kontroverse Debatte geführt worden ist. Hatte man nach 1945 zunächst im „Rassenwahn" die Triebfeder der Judenverfolgung ausgemacht und sie als Werk Hitlers und der SS betrachtet, so setzte sich zunehmend eine strukturalistische Betrachtung durch, die wesentliche Ursachen in den „Sachzwängen" von Umsiedlung, Krieg und Besatzungspolitik lokalisierte. Die Goldhagen-Debatte hat dann schlaglichtartig beleuchtet, dass die Bedeutung des Antisemitismus von den „Strukturalisten" wohl zu sehr in den Hintergrund gerückt worden ist, während sich umgekehrt die „Intentionalisten" die Umsetzung antisemitischer Überzeugungen in praktische Verfolgungspolitik zu gradlinig gedacht hatten.

In den letzten Jahren zeichnet sich ein gewisser Konsens ab, die Spezifizität nicht primär im deutschen Antisemitismus generell, sondern in einem „paranoiden Antisemitismus" der NS-Führung zu sehen, ohne die radikalisierende oder hemmende Bedeutung von Partei, Bürokratie, Öffentlichkeit oder dem Ausland zu vernachlässigen. Nach Saul Friedländers Auffassung teilten die alten Eliten und große Teile der Bevölkerung diesen kompromisslosen Antisemitismus nicht, ihr traditioneller Antisemitismus genügte, um die staatliche Verfolgungspraxis hinzunehmen oder sich an ihr zu beteiligen.

War dieser NS-Antisemitismus, wie Goldhagen meint, das Endprodukt einer spezifisch deutschen Entwicklung? Seine Kritiker haben ihm zu Recht vorgeworfen, diese These ohne den Vergleich mit anderen Ländern aufgestellt zu haben. Vergleichende Untersuchungen sind in der Tat rar - ein kommendes Forschungsfeld, denn nur so lässt sich die Frage beantworten, ob und weshalb der Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft eine besondere Rolle gespielt hat.

Die Analyse des Antisemitismus kann auf Grund seiner langen Geschichte, seiner vielfältigen Erscheinungsformen und seiner katastrophalen Wirkung geradezu als Paradigma für die Erforschung vergleichbarer historischer wie aktueller Probleme gelten. Dies gilt für die Wirkung gesellschaftlicher Krisen und Konflikte auf die Ausbildung von Feindbildern zwischen Bevölkerungsgruppen, Nationen oder Kulturkreisen, für Integrationsprobleme bei Migrationen und für die Frage nach dem Zusammenhang von Ideologie und Gewalt - eine Frage, die sich in der vergleichenden Genozidforschung ebenso stellt wie angesichts der Ausbrüche interethnischer Gewalt in Jugoslawien oder Indonesien.

Wenn man Antisemitismus theoretisch als eine Reaktion auf eine als krisenhaft erlebte Modernisierung begreift, dann kann man besser verstehen, warum „Modernisierungsverlierer" der „Globalisierungskrise" im Rechtsextremismus wie in radikalen Strömungen im arabischen Raum wieder auf antisemitische Ideen und verschwörungstheoretische Erklärungsmuster zurückgreifen. Im Internet und den internationalen Netzwerken des Rechtsextremismus erlebt der Antisemitismus heute geradezu eine Phase der „Globalisierung".

Der Autor ist Soziologe am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Er hat gerade ein Buch zum Thema publiziert: Geschichte des Antisemitismus, Beck Verlag, München 2002. Weiterführende Lektüre: Klaus Holz, Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung, Hamburger Edition, Hamburg 2001.

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