Gesundheit : „Die Juniorprofessoren haben es noch schwerer als wir“ Dem Nachwuchs den Weg zeigen

Unikarrieren: Karlsruhe entscheidet am Dienstag

Dorothee Nolte

Michael Mecklenburg, 41 Jahre, seit Oktober 1999 Wissenschaftlicher Assistent in Älterer deutscher Literatur und Sprache am Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften der Freien Universität Berlin. Verheiratet, drei Kinder.

Wie lange ich schon an meiner Habilitation arbeite? Ungefähr sechs Jahre. Es war mir aber von Anfang an klar, dass das so lange dauern würde. Mitte nächsten Jahres werde ich voraussichtlich fertig sein, dann läuft auch meine Stelle als Wissenschaftlicher Assistent aus. Was danach kommt, ist unklar, die Lage ist schlecht: Die Stellen, die für mich in Frage kommen, sind gerade erst besetzt worden, und bei frei werdenden Stellen steht zu befürchten, dass sie nicht wiederbesetzt, sondern gestrichen werden.

Mein Habilitationsthema lautet: „Zur Scham und ihrer Inszenierung in der deutschen Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit“. In den Geisteswissenschaften ergibt es meiner Ansicht nach durchaus Sinn, eine solche größer angelegte Arbeit, einen neuen Aufriss der Forschung zu schreiben, und es macht ja auch Spaß. Das Problem mit der Habilitation liegt eher in der Komplexität des Verfahrens: Es gibt mindestens drei Gutachten, und eine Kommission entscheidet darüber, ob die Leistung in Forschung und Lehre als habilitationswürdig bewertet wird. Das wird besonders dann schwierig, wenn sich die Gutachter uneins sind, was gerade bei neuartigen Ansätzen leicht vorkommen kann. Sowohl die Arbeit als auch der abschließende Vortrag können als „nicht habilitationswürdig“ zurückgewiesen werden. Das Ganze erinnert gelegentlich mehr an einen Initiationsritus als an das Abprüfen einer wissenschaftlichen Leistung.

Aber die Juniorprofessoren haben es aus meiner Sicht eher noch schwerer: Sie sollen bis zu acht Stunden pro Semester unterrichten, die gesamte Prüfungslast eines Professors schultern und daneben noch ein zweites Buch schreiben. Wie soll man das schaffen? Und dann wird einem unter der Hand überall gesagt, dass man sich doch um Gottes willen habilitieren solle – auch wenn es offiziell nicht mehr nötig ist. Deswegen habilitieren ja auch viele Juniorprofessoren nebenbei. Denn wenn sie sich nach Auslaufen ihrer Stelle an eine andere Uni bewerben wollen, werden sie dort gefragt werden, warum sie keine Habilitation vorweisen können.

Grundsätzlich ist die Juniorprofessur eine gute Idee, aber so wie sie zur Zeit ausgestaltet ist, finde ich sie problematisch. Konsequent wäre es gewesen, die Habilitation ganz abzuschaffen. Solange das Hochschulrahmengesetz die Habilitation nicht verbietet, sondern nur für „obsolet“ erklärt, wird sie bestehen bleiben – und damit auch der Druck, sich trotz Juniorprofessur zu habilitieren.

Als wissenschaftlicher Assistent unterrichte ich sechs Wochenstunden pro Semester, obwohl nur vier vorgeschrieben sind. Aber wenn wir nicht alle mehr arbeiten würden, könnten wir die Betreuung der Studierenden nicht gewährleisten. Anders als die Juniorprofessoren, die selbstständig forschen und lehren, sind wir als Assistenten einem Professor zugeordnet und weisungsgebunden. Wie das ausgestaltet wird, kommt aber ganz auf den Chef an. Ich weiß von Kollegen, die so sehr von ihren Professoren für Dienstleistungen in Anspruch genommen werden, etwa für die Korrektur von Seminararbeiten, dass sie kaum zu ihrer eigenen Forschungsarbeit kommen. Ich persönlich habe immer Glück gehabt und wurde von meinen Chefs nur in dem Maße herangezogen, wie es für meine eigene Arbeit sinnvoll war.

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Es geht um eine Frage des Überlebens. Wird die – nur im deutschsprachigen Raum bekannte – Habilitation erhalten bleiben, oder wird künftig einzig der Weg über die Juniorprofessur zum begehrten Lehrstuhl führen? Bundesbildungsministerin Bulmahn (SPD) möchte die althergebrachte Habilitation, die in der Regel mit einem gewichtigen Buch und einem aufwändigen Prüfungsverfahren verbunden ist, abschaffen und hat sie 2002 in einer Novelle des Hochschulrahmengesetzes für „obsolet“ erklärt.

Bulmahns Ideal ist nicht der wissenschaftliche Assistent, der einem Professor zugeordnet ist und an seiner „Habil“ schreibt, sondern die agile Juniorprofessorin, die eigenständig forscht und lehrt und sich nach Ablauf ihrer Stelle – zweimal drei Jahre sind möglich – ohne Prüfung durch ihre alte Fakultät auf eine Professorenstelle bewirbt. Ob Bulmahn die Habilitation im Hochschulrahmengesetz einfach so abschaffen darf, ohne den Bundesrat zu fragen, darüber entscheidet am Dienstag das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe (wir berichteten). Drei CDU-regierte Länder wollen die Habilitation als einen Weg neben der Juniorprofessur erhalten.

Für die Nachwuchswissenschaftler in Deutschland, von denen wir auf dieser Seite drei vorstellen, ist die augenblickliche Lage kompliziert: Sollen sie auf die Juniorprofessur vertrauen und die Habilitation vergessen, wie die Mathematikerin aus Koblenz? Sind sie mit der Habilitation, die der Altgermanist an der Freien Universität anstrebt, auf dem richtigen Weg? Oder sollen sie sich neben ihrer Juniorprofessur zur Sicherheit auch noch dem Habilitationsverfahren unterziehen, wie es der Theologe von der Humboldt-Universität plant? Denn gerade in den konservativen Fächern fürchten viele, dass die Berufungskommissionen habilitierte Kandidaten vorziehen werden, Hochschulgesetze hin oder her.

Die Humboldt-Universität hat in einer Umfrage unter ihren 45 Juniorprofessoren gerade festgestellt: Die Hälfte der jungen Kollegen möchte nicht habilitieren, 15 Prozent sind unentschieden, 35 Prozent wollen sich der Habilitation stellen. Gerade für sie dürfte das Urteil am Dienstag spannend werden. Dorothee Nolte

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