Gesundheit : Die K-Frage: Bayrische Kanzler, schwierige Kanzler

Heinz Hoefl

Kann ein Bayer Kanzler werden? Nun ja, im Prinzip schon. Jedenfalls sind in den Jahrhunderten der neuesten Geschichte auch drei Mal Politiker aus Bayern ins Kanzleramt nach Berlin gelangt, wenn man den Franken Ludwig Erhard einmal beiseite läßt. Die Personen wie die jeweiligen Konstellationen waren freilich stets problematisch. Manchmal sehr problematisch.

Denn der heute so oft gestellten K-Frage ging seit jeher die B-Frage voraus, oder die P-Frage. Denn das Verhältnis zwischen Bayern und Preußen war von Grund auf zerrüttet, spätestens seit dem Krieg von 1866.

Die Bayern, ausgestattet mit altmodischen Raupenhelmen, schwer zu handhabenden Zündschlossgewehren und reichlich Bier, bewegten sich, rechts den Thüringer Wald und links die Rhön, lieber hin und her als vorwärts und taten sich schwer, die Schlachtfelder bei Rossdorf und Kissingen überhaupt zu finden. Denn sie hatten keine Landkarten dabei.

Der verlorene Krieg kostete die Bayern eine Reparationszahlung in Millionenhöhe, bescherte ihnen als Ministerpräsidenten einen Preußen- und Bismarck-Freund, den Fürsten Chlodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst aus der Näh von Kassel, und zwang sie unter die Fuchtel des Erzfeindes Preußen.

Der nationalliberale Fürst war nach alledem so gar nicht nach dem Geschmack der Bayern. In der Landtagswahl von 1869 gewannen die klerikalen und romhörigen Patrioten prompt die Mehrheit. Chlodwig von Hohenlohe setzte erschreckt Neuwahlen an. Es half ihm nicht: Es wurde eine Erdrutschwahl zugunsten der Patrioten. Im Winter 1869 / 70 reichte der preußenfreundliche Fürst seinen Abschied ein.

Dem Deutschen Reich einverleibt

Doch die Eigenständigkeit Bayerns konnten auch die Patrioten nicht mehr retten. Mit Provokationen wie der Emser Depesche ("Der König von Preußen hat dem Kaiser von Frankreich nichts mehr zu sagen") hatte Preußen den am Ende siegreichen Krieg gegen Frankreich eingefädelt. Mit Schmiergeld von 300 000 Mark jährlich wurde dem schon kränkelnden König Ludwig II. das Land entwunden und dem soeben gegründeten Deutschen Reich einverleibt.

Bayrische Souveränitätsreste wie eigene Uniformen im Heer und das Oberkommando in Friedenszeiten, eigene Post, eigene Bahn und der Austausch von Gesandten mit Berlin und dem Vatikan waren im Grunde belanglos. Sie konnten den Verlust nur etwas schönen.

Nicht nur der mehr und mehr umnachtete König Ludwig, der von preußischen Gesandten als "feiger, doppelzüngiger Hanswurst" geschmäht wurde, verfiel in tiefe Depressionen, sondern auch sein Volk. Schon im deutsch-französischen Krieg von 1871 an der Seite der verhassten Preußen hatte es mit der größtmöglichen Wurstigkeit gekämpft. Es passt ins Bild, dass in München Straßen und Plätze nach verlorenen Schlachten des vaterländischen Heeres benannt werden (Hanau, Kufstein). In der Münchner Feldherrnhalle werden Johann Tilly, der kein Bayer war, und Karl Philipp Wrede geehrt, der 1813 gegen Napoleon eine der schmählichsten Niederlagen der bayerischen Geschichte erlitten hat.

Alles war futsch. Nur der Preußenhass blieb. Bei dieser Gemengelage war es nur konsequent, dass der in Bayern von den Patrioten gestürzte Fürst Hohenlohe-Schillingfürst von 1894 bis 1900 Reichskanzler in Berlin wurde.

Das tat der weiß-blauen Eigenbrötelei und dem alpenländischen Isolationismus keinen Abbruch. Dessen Galionsfigur war der Real-schullehrer Georg Heim (1865 bis 1938), der von Regensburg aus für die konservative Zentrums-Partei mit dem Fahrrad durch Niederbayern strampelte. Heim propagierte eine "Los-von-Preußen"-Bewegung und scheute nicht einmal vor Allianzen mit der Sozialdemokratie zurück. 1918, im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs, gründete Heim dann die Bayerische Volkspartei (BVP): "Wir haben es satt, für die Zukunft von Berlin regiert zu werden. Wir lehnen die preußische Vorherrschaft ab. Bayern den Bayern."

Ein Jahr zuvor war ein Zentrumsmann, der frühere bayerische Ministerpräsident Freiherr Georg von Hertling, Reichskanzler geworden. Auch er war kein echter Bayer. Er stammte aus Hessen, war schon 74 Jahre alt, klein, schmal, mit Spitzbart und scharfer Brille, und regierte das Reich von seinem Haus in Ruhpolding, aus dem er sich kaum noch fortbewegte. Sein Parteifreund und Kanzlerkollege Hohenlohe spottete über den alten, streng katholischen Aristokraten, er habe wohl "nie ein gutes Glas Wein getrunken, nie eine hübsche Frau geküsst und nie eine gutsitzende Hose gehabt".

Heims "Verdienste um die Bayerische Volkspartei, später um die CSU", so gleichwohl der bayerische Schriftsteller Carl Amery, "sind ungeheuer", denn er habe den "Typus einer Massenpartei präformiert" und den "schwachen Punkt der bayerischen Seele für den Parlamentarismus entdeckt: die Sympathie für deftige Führerpersönlichkeiten".

Ganz deftig wurde es 1933, als mit dem Hausknecht aller Hausknechte, dem gescheiterten Kunststudenten Adolf Hitler aus Österreich, der dritte Reichskanzler aus Bayern für zwölf lange Jahre die Bühne beherrschte. "Für Gaudi-Burschen dieses Zuschnitts", so der bayerische Journalist und Buchautor Erich Kuby, hätten seine Landsleute nun mal "eine ausgesprochene Schwäche". Nur: In Bayern geboren war auch Hitler nicht.

Nach 1945 war die Ära der Hausknechte dieses Kalibers wohl vorbei, doch der weiß-blaue Isolationismus, der Preußenhass und die von den Patrioten und der Bayerischen Volkspartei gelegten Strukturen funktionierten weiter. Die Uniformen der bayerischen Armee, der Post und der Eisenbahn wurden ausgemustert, die Gesandtschaften in Rom und Berlin geschlossen. Von den Einwohnerwehren nach dem Ersten Weltkrieg blieben bis heute die Trachten- und Traditionskompanien der Gebirgsschützen übrig.

Am deutlichsten zeugt heute noch das Doppelgesicht der Unionsparteien von der Distanz zwischen Bayern und dem restlichen Deutschland. Wie eine Insel aus Alpenglühen und Bierseligkeit ragt Bayern aus dem kühlen deutschen Meer und beschert der CSU stets üppige Mehrheiten. Übrigens ist dieser Mechanismus des vorteilhaften Kontrastes bei der Landeshauptstadt München nicht anders, die ja auch stets wie eine rote Insel aus dem schwarzen Meer ragt.

Freilich war und ist die CSU damit "Gefangene jener Grundbedingungen, die sie zum Erfolg führen", so der Passauer Politologe Heinrich Oberreuter. Auf Bundesebene hat die erfolgreiche Partei des Südens nur selten die 10 Prozent überschritten. Und seit der Wiedervereinigung ist der Anteil der Bayern am deutschen Gesamtvolk geschrumpft.

Daraus ergibt sich: Wenn nur ein Prozent der CDU-Wähler aus Mitleid mit ihrer Vorsitzenden oder aus Aversion gegen einen alpinen Rivalen die Union nicht mehr wählten, dann müsste die CSU ihr Ergebnis mehr als verdoppeln, um diese Scharte auszugleichen. Das wäre ein mathematisches Wunder.

Vaterland Bayern

Abergläubische mögen eine zweifelhafte Bestätigung aus der Tatsache ziehen, dass bisher alle drei Kanzler aus Bayern mit dem Buchstaben H begonnen haben. Der Buch-stabe S funktionierte mit Helmut Schmidt in Hamburg und mit Gerhard Schröder aus Niedersachen, aber nie in Bayern - etwa bei den Ministerpräsidenten Fritz Schäffer, Hanns Seidel oder Franz Josef Strauß.

Allenfalls hätte vielleicht der Schöpfer der Bayerischen Verfassung und Ministerpräsident Wilhelm Hoegner Chancen gehabt. Schon 1924 saß er für die SPD im bayerischen Landtag und er beherrschte die weiß-blaue Tonlage so perfekt, dass er als königlich-bayerischer Sozialdemokrat galt. Als Alterspräsident des Landtags erinnerte er an die Grenztafeln der bayerischen Herzöge: "Hie das Land Bayern". Er fügte mit lauter Stimme hinzu: "Hier beginnt Bayern, aller Bayern geliebtes Vater- und Mutterland."

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