Gesundheit : Die Kanonen von Konstantinopel

Wie das Byzantinische Reich vor 550 Jahren osmanisch wurde

Ingo Bach

Der Himmel über dem Bosporus war schwarz vom Qualm der lodernden Häuser, die Luft erfüllt vom angstvollen Geschrei der Belagerten und dem Kriegsgeheul der Eroberer, die an jenem 29. Mai 1453 massenhaft nach Konstantinopel eindrangen. Die einst glanzvolle Hauptstadt des Byzantinischen Reiches ergab sich nach zweimonatiger Belagerung den Osmanen. Der letzte der Kaiser, Konstantin XI., fiel im Kreise seiner Leibwache irgendwo auf den Straßen der brennenden Metropole. Seine letzten Worte, so die Legende, machten noch einmal die ganze Dramatik dieses später zu einem Kuturkampf stilisierten Konfliktes klar: „Ist denn hier kein Christ, der mir meinen Kopf nehmen kann?“ Sekunden später starb er unter den Schwerthieben von zwei türkischen Soldaten – das Byzantinische Reich, direkter Nachfolgestaat des antiken Imperium Romanum, existierte nicht mehr.

Die Gegenwehr der Stadt soll die Osmanen überrascht haben, meint der Direktor des Berliner Museums für Islamische Kunst, Claus-Peter Haase. Denn die Osmanen hielten das Byzantinische Reich, von dem kaum mehr übrig war als seine Hauptstadt, für einen dekadenten, schwachen Rivalen. In der einstigen Millionenmetropole lebten kaum noch 60 000 Menschen. „Doch die Byzantiner kämpften härter als erwartet.“ Immer wieder rannten die Truppen des türkischen Sultans Mehmet II. gegen die mächtigen Mauern an, die noch nie kriegerisch überwunden worden waren. Doch Mehmet setzte erstmals in größerem Umfang Kanonen für eine Belagerung ein. In der Nacht des 28. Mai 1453 stachelte Mehmet seine Truppen mit einer großen Rede für den Endkampf auf. „Wer fällt“, so versprach er seinen Getreuen, „der geht ein ins Paradies und wird an der Seite des Propheten schmausen und trinken.“ Und er gab die Stadt zur Plünderung frei. Westliche zeitgenössische Historiker schilderten später die grausigen Szenen nach der Eroberung. „Die türkischen Soldaten kannten keine Gnade. Sie stahlen, raubten, töteten, vergewaltigten“, schreibt der vornehme Grieche Kritobulos.

Der Sultan soll es bitter bereut haben, dass er Konstantinopel seinen Truppen überlassen hatte, berichten spätere (byzantinische) Chronisten. Mit Tränen in den Augen habe Mehmet II. ausgerufen: „Welche Stadt haben wir der Zerstörung preisgegeben?“ Museumsdirektor Haase aber verweist diese Schilderung eines reuigen Eroberers in das Reich der Propaganda.

Moderne türkische Historiker haben jetzt die These aufgestellt, die Eroberung Konstantinopels sei ein Dialog-Angebot des Sultans an das Abendland gewesen. Ein Angebot zur Unterwerfung: „Seht her, wir bieten euch die Stabilität und Ruhe eines starken zentralisierten Reiches mit einer weitgehenden religiösen Autonomie.“ Mehmet sah sich als legitimer Cäsar in der Tradition des Römischen Reiches. Er forderte die Christen auf, wieder nach Konstantinopel zurückzukehren, das nun zur Hauptstadt seines Reiches geworden war. Er beauftragte westliche Künstler mit dem Wiederaufbau der Stadt.

Doch der Westen zeigte den Annäherungsversuchen des Osmanenherrschers die kalte Schulter. Und Papst Pius II. antwortete gar mit einer offenen Provokation: Er forderte Mehmet 1460 auf, sich taufen zu lassen. „Um als größter Kaiser anerkannt zu werden, fehlen Euch nur ein paar Tropfen Wassers auf Eurem Haupt.“ Unannehmbar natürlich für den Sultan. Und mit dem Tode Mehmets im Jahre 1481 war es auch vorbei mit den Annäherungsversuchen der Osmanen. Mehmets Nachfolger orientierten sich wieder am orientalischen Kulturkreis und sahen in Europa nur eine noch zu erobernde Provinz.

Noch bis zum 15. Juni zeigt das Museum für Islamische Kunst eine Sonderausstellung über 550 Jahre osmanische Eroberung von Konstantinopel. Rund 40 Exponate wurden dafür ausgewählt. Ort: Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel. Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags von 10 bis 20 Uhr.

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