Gesundheit : Die Kraft, die aus Onkel Toms Hütte kam

Was Erstsemester ihren Enkeln erklären müssen: Die Publizistin Carola Stern an der Freien Universität

Anja Kühne

Was kann der Schriftsteller bewirken? Nichts, meint der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Weder das Individuum, noch der Staat und schon gar nicht die Welt seien durch Lessings „Nathan der Weise“ toleranter oder durch Goethes Gedichte hilfreich, edel und gut geworden. Das ist ernüchternd. „Wie lässt sich Reich-Ranicki widerlegen?“, fragte Carola Stern am Mittwoch bei der Immatrikulationsfeier an der Freien Universität, mit der die 5000 neuen Studierenden begrüßt wurden.

Stern ist eine Idealistin. Davon zeugen ihr Engagement bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, ihr publizistischer Einsatz für die Demokratie der Bundesrepublik und nicht zuletzt ihre Fähigkeit, eigene politische Irrtümer zu erkennen und zu korrigieren. In ihrer eindringlichen Reise durch die Literatur zeigte sie den Erstsemestern im Audimax, dass Reich-Ranicki sich irrt. Schriftsteller können etwas bewirken.

Charles Dickens hat mit seinem erschreckenden Bild von der Armut in England entscheidend dazu beigetragen, die Umstände zu verbessern. Präsident Lincoln empfing Harriet Beecher-Stowe, die Autorin von „Onkel Toms Hütte“, mit den Worten: „Sie sind also die Dame, die den Bürgerkrieg herbeigeführt hat.“ Natürlich hat es immer Phasen gegeben, in denen die Literaten sich von Gesellschaft und Politik abwandten. So wie die jungen, hippen, aber illusionslosen Autoren der Popliteratur. „Aber das war gestern“, sagte Stern. „Heute ist wieder alles ganz anders.“ Der Irak-Krieg habe zu einem „spontanen Aufstand geführt“ – nicht der Schriftsteller, aber umso besser: der Jugend.

„Kann Sie die Umweltzerstörung im Irak dazu anregen, sich Greenpeace zuzuwenden? Wäre es nicht wenigstens einigen von Ihnen möglich, den Armen und Hungernden Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten?“, fragte die 78-Jährige und entließ die Erstsemester mit einem Appell in den neuen Lebensabschnitt: „Eines Tages werden auch Ihre Kinder und Enkelkinder fragen: ,Ihr habt es doch gewusst, und was habt ihr getan?’ Ich hoffe, dass Sie dann besser dastehen werden als meine Generation.“

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