Gesundheit : Die Krankheit, die jeder sieht

Drei Prozent der Deutschen leiden an Psoriasis oder Schuppenflechte. Besonders belastend: Die betroffenen Hautpartien lassen sich oft nicht verstecken. Doch die Behandlungsmethoden haben sich stark verbessert. Ein Berliner, der vor 20 Jahren eine Selbsthilfegruppe gegründet hat, erzählt.

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Unermüdlich. Rolf Blaga. Foto: Georg Moritz
Unermüdlich. Rolf Blaga. Foto: Georg MoritzFoto: Georg Moritz

Rolf Blaga erinnert sich noch an das Knistern unter seinem Hemd, wenn er sich bewegte. Wegen der chronisch schuppenden und entzündeten Stellen auf seiner Haut sollte er seine Arme dick eincremen, darüber Folie wickeln und dann Kleidung darüberziehen. Auf den ersten Blick konnte der 67-jährige Berliner, der als Erzieher und Berufsschullehrer gearbeitet hat, seine chronische Hautkrankheit Psoriasis so verbergen. Aber wenn er sich rührte, konnte man hören, dass etwas nicht stimmt.

Psoriasis ist eine chronische Hautentzündung. Wegen des gestörten Immunsystems produziert der Körper ständig neue Hautzellen. Es entstehen mehr oder weniger dichte schuppige, oft juckende Stellen – häufig am Ellbogen, auf dem Knie, im Gesicht oder am Kopf. Auch Hände, Füße oder Nägel können betroffen sein. Löst man die Schuppen, ist die Haut darunter rot und entzündet. Rund drei Prozent der Bevölkerung in Deutschland leben mit dieser Krankheit. Bei rund zwanzig Prozent von ihnen entzünden sich neben der Haut auch die Gelenke.

Wie andere Autoimmunerkrankungen ist Psoriasis nicht heilbar, sie begleitet die Betroffenen in Schüben und unterschiedlichem Ausmaß ein Leben lang. Heute aber muss niemand mehr mit Folie unterm Hemd zur Arbeit. Dank neuer Medikamente lässt sich die Lebensqualität selbst in schweren Fällen häufig drastisch verbessern. Doch gerade Patienten mit einer langen Geschichte erfolgloser Behandlungsversuche haben resigniert. Unbehandelt führt stark sichtbare Schuppenflechte zu sozialem Rückzug, wegen der chronischen Entzündung des Körpers drohen auch Folgeerkrankungen.

Von schwerer Psoriasis spricht man, wenn zehn Prozent der Hautfläche entzündet sind – wobei ein Prozent einer Handfläche entspricht. Aber auch kleine Stellen können sehr belastend sein, wenn sie deutlich sichtbar sind – zum Beispiel im Gesicht oder an den Händen. Arbeit, Freizeit, Sexualität und Partnerschaft können davon beeinträchtigt sein. Menschen mit schuppigen Handflächen haben teilweise Probleme, wenn sie auf einer Tastatur tippen. Sind die Füße betroffen, kann das Treten von Fahrradpedalen schmerzen.

Besonders belastend aber ist laut Sandra Philipp, die das Psoriasis-Studienzentrum der Charité leitet, dass die Hautveränderung für andere sichtbar ist. 79 Prozent der Betroffenen fühlen sich stark beeinträchtigt, sie ziehen sich häufig aus dem Sozialleben zurück. Philipp hatte in der Psoriasis-Sprechstunde an der Charité schon Patienten, denen man wegen schuppiger entzündeter Stellen die Hand nicht gegeben hat oder die wegen ihrer Hautkrankheit aus dem Schwimmbad verwiesen wurden. „Das ist schlimm für die Patienten und falsch, da Psoriasis nicht ansteckend ist“, sagt sie. Psoriasis ist genetisch bedingt und wird im Verlauf durch weitere Faktoren wie Ernährung und Stress beeinflusst.

Rolf Blaga hatte mit 15 Jahren die ersten schuppenden Stellen am Körper. Phasenweise war er nach Badeurlauben am Toten Meer beschwerdefrei, dann schmierte und schmierte er wieder. Ohne Erfolg. Seine leichte bis mittlere Psoriasis entwickelte sich meist an Stellen, die man gegenüber Außenstehenden gut verbergen kann. Aber es gab auch Tage, da wollte er seine Kappe an manchen Theaterabenden nicht absetzen. Um die Haare zu verbergen, weil sich die Creme für die Kopfhaut nicht richtig herauswaschen ließ. Zeitweise verformten sich seine Fingernägel und fielen aus. Das war unangenehm bei jedem Händedruck oder beim Bezahlen im Supermarkt. „Hände kann man nicht verstecken“, sagt er. Lehrerkollegen und Schüler, selbst Ärzte äußerten den Verdacht, dass es sich wohl um einen Pilz oder mangelnde Hygiene handeln müsse. „Der hat eine Geschlechtskrankheit“, unkten seine Mitschüler im Aufklärungsunterricht der 60er Jahre, als der 15-Jährige und seine Ärzte noch wenig über die Krankheit wussten. Blaga fragte sich: „Was ist los mit mir?“. Am meisten litt er beim Schwimmengehen und der Partnersuche. Rückblickend habe aber keine seiner Freundinnen und Partnerinnen Ekel geäußert, erzählt er.

Neben Stigmatisierung und sozialem Rückzug leiden Menschen mit unbehandelter Psoriasis auch häufiger an Depression, sagt Sandra Philipp. Diejenigen, die ohne Erfolg schon viele Cremes ausprobiert haben, seien oft enttäuscht und neigten dazu, sich mit dem hohen Leidensdruck abzufinden. In den letzten Jahren haben sich die Behandlungsmöglichkeiten aber sehr verbessert. Neben Salben und UV-Therapie stehen Medikamente zur Verfügung, die das Immunsystem direkt beeinflussen. Durch sogenannte Systemtherapie lässt sich die Lebensqualität auch bei schweren Fällen häufig verbessern. Unbehandelt neigen Menschen mit schwerer Psoriasis hingegen stärker zu Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes. Sie haben auch ein deutlich höheres Risiko, jung einen Herzinfarkt zu bekommen. Neuere Forschung deutet außerdem darauf hin, dass die chronische Entzündung im Körper selbst – und nicht nur psychische Faktoren – Menschen mit Psoriasis anfälliger für Depressionen machen.

„Mut der Verzweiflung“ beschreibt Rolf Blaga seinen Antrieb, sich immer wieder über Behandlungsmethoden zu informieren. Vor zwanzig Jahren hat er die Selbsthilfegruppe Psoriasis-Forum Berlin gegründet. Er entwickelte ein Ritual: Jedes Jahr an den freien Tagen zu Weihnachten informiert er sich über neue Forschungsergebnisse und Behandlungsmethoden und entscheidet, was er im neuen Jahr tun will. Erst vor eineinhalb Jahren hatte er wegen eines Medikamentenwechsels über vier bis sechs Monate schwere Hautveränderungen, so stark wie nie zuvor. Jetzt bekommt er alle zwölf Wochen ein Biologikum gespritzt, das sein Immunsystem unterdrückt. Dadurch ist er anfälliger für andere Erkrankungen, leidet aber nicht unter Nebenwirkungen. Er ist nahezu beschwerdefrei.

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