Gesundheit : Die Kunst des Schreibens - zum 100. Geburtstag des Philosophen

Martin Treml

Unter den jüdischen Denkern und Intellektuellen der Weimarer Zeit zählt Leo Strauss (1899-1973) zu den Unbekannten und hierzulande noch zu Entdeckenden. Seine Bücher gelten als schwierig, er steht im Ruf, dem Neokonservativismus zugearbeitet zu haben. Den eigentlichen Grund für seine andauernde Abwesenheit vermag man in seiner Biographie zu finden. Er hatte das Glück, nicht vor den Nazis fliehen zu müssen. So entging er zuerst der Verfolgung und dann dem Zweifel, der viele quälte, ob sie ins Land der Verbrecher zurückkehren sollten. Strauss kehrte nicht zurück, aber er ist ein Weimarer Jude geblieben.

Als Sprössling einer frommen Familie in der hessischen Provinz geboren, promovierte er 1921 an der neugegründeten Universität Hamburg bei Ernst Cassirer. Nach weiteren Studien bei Husserl und Heidegger wurde er 1925 Mitarbeiter an der Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. 1932 verließ er Deutschland und kam als Rockefeller-Stipendiat nach Paris. Vom europäischen Festland verschlug ihn dann - wie er in einem autobiographischen Rückblick erklärte - "ein in gewisser Weise gnädiges Schicksal nach England". 1938 ging er nach Amerika, wo er zuerst an der "New School for Social Research" in New York lehrte. 1949 wurde er als Professor für Politische Philosophie nach Chicago berufen und stand bald in höchstem Ansehen.

Nach Paris hatte Strauss übrigens ein Gutachten von Carl Schmitt verholfen, dem nachmaligen Kronjuristen des Dritten Reichs, der ihn wegen einer hellsichtigen Kritik seines "Begriffs des Politischen" schätzte. Beide, der preußische Professor und der junge Philosoph, kritisierten die Moderne als ein Zeitalter der Unverbindlichkeit und des Amüsements. In den Jahren vor Hitler begeisterte sich Strauss, wie viele junge Intellektuelle - ob Christen oder Juden -, für das "neue Denken", das die Stars der akademischen Szene, allen voran Heidegger und eben Schmitt, gegen die im Geiste Kants erzogenen Väter richteten. Anstelle von bürgerlichem Sicherheitsdenken und Pflichtgefühl priesen sie die "Entscheidung" und das "Vorlaufen in den Tod" - Begriffe, die bald zur mörderischen Wirklichkeit wurden.

In den noch in Deutschland entstandenen Schriften ringt Strauss um das richtige Verhältnis zwischen "Athen" und "Jerusalem", zwischen Reflexion und Offenbarung. Er erkennt sie im unüberbrückbaren Gegensatz von Philosophie und Gesetz, den er auch zum Titel eines brillanten Buchs machte. In Philosophie und Gesetz - das als zweiter Band der gesammelten Schriften 1997 erstmals wieder aufgelegt wurde - gibt Strauss der religiösen Orthodoxie gegenüber der von den Naturwissenschaften inspirierten Aufklärung den Vorzug. Er redet damit aber nicht einer Frömmelei das Wort, sondern kritisiert den Glauben der Moderne an den Fortschritt als einen Erlösungsersatz. Die Religion erweist sich dagegen als "ein vom Menschen aus sehr durchsichtigen Gründen beschrittener Ausweg, um der durch keinen Fortschritt der Zivilisation auszurottenden Furchtbarkeit und Hoffnungslosigkeit des Lebens zu entgehen, um sich das Leben zu erleichtern." Vor allem ist dieser Weg für alle gangbar, ohne dass die Welt der Barbarei anheimfällt. Besser sei freilich "eine neue Form der Tapferkeit, welche sich jede Flucht vor dem Grauen des Lebens in tröstlichen Wahn verbietet". Ihr Name ist Philosophie, und ihre Helden sind Sokrates und Plato.

An ihnen entdeckte Strauss eine besondere Kunst: die des sorgfältigen Schreibens. Angesichts der Gewalt und Irrationalität des Zeitalters könne ein Philosoph auch heute die Wahrheit nur verschlüsselt sagen. Sie zu verstehen, sei nur denen "drinnen", den Esoterikern, möglich. Um sorgfältig lesen und schreiben zu können, bedarf es aber auch der Muße, der Freiheit von Arbeit, kurz: Das Leben des Philosophen ist aristokratisch. Heute jährt sich der Geburtstag von Leo Strauss zum 100. Mal.Die Schriften von Leo Strauss, herausgegeben von Heinrich Meier und angelegt auf sechs Bände, erscheinen im Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar. Zwei Bände liegen vor.

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