Gesundheit : „Die Länder bestimmen zu viel“

Der neue Präsident der Leibniz-Gemeinschaft will den Bund wieder stärker an der Wissenschaft beteiligen

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Herr Rietschel, als neuer Chef der Leibniz-Gemeinschaft übernehmen Sie eine gut funktionierende Wissenschaftsorganisation von Ihrem Vorgänger Hans-Olaf Henkel. Die Institute sind untereinander und mit den Hochschulen vernetzt, werden ständig begutachtet, und Bund und Länder steigern ihre Zuweisungen. Sieht die Leibniz-Gemeinschaft also einer sorgenfreien Zukunft entgegen?

Wir sind im Moment sehr gut aufgestellt. Aber wir blicken auf schwere Jahre zurück. Vor zwei Jahren hatte das Forschungsministerium die Idee, die Leibniz-Gemeinschaft aufzulösen und die Institute anderen Wissenschaftsorganisationen zuzuschlagen. Diese Gefahr ist überstanden, auch durch die Arbeit von Herrn Henkel. Das Profil und die Qualität der Institute haben in dieser Zeit deutlich zugenommen. Die Qualität vor allem, weil alle Institute sich regelmäßig begutachten lassen. In einer Form, wie sie in dieser Konsequenz sonst in Deutschland nicht existiert. Das ist das beste Mittel, um Qualität nach vorne zu bringen. Alles wird transparent gemacht, es steht der Öffentlichkeit zur Verfügung. Und wenn ein Institut nicht gut ist, muss man eben auch diese bittere Konsequenz ziehen und es schließen. Alle Leibniz-Institute sind Institute auf Widerruf.

Wie kann ein – noch so bekannter – Wissenschaftler den politischen Einfluss Henkels aufrechterhalten?

Da muss ein anderer Weg eingeschlagen werden. Meine Aufgabe wird es sein, auf wissenschaftlichem Gebiet Akzente zu setzen, die nur „Leibniz“ setzen kann. Die Leibniz-Gemeinschaft ist dadurch ausgezeichnet, dass sie Institute der verschiedensten Disziplinen unter ihrem Dach vereinigt. Angefangen bei den Geisteswissenschaften, den Raumwissenschaften, über die Naturwissenschaften, die Wirtschaftswissenschaften, die Gesundheitswissenschaften bis hin zur Astrophysik, was uns früher als Gemischtwarenladen zum Vorwurf gemacht wurde. Aber alle Institute verbindet ein Grundgedanke: Ich habe ein Thema. Jedes Institut hat „sein“ Thema und muss es bearbeiten, ohne zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung zu trennen.

Sie sehen nicht den Druck, das Profil zu schärfen?

Der ist immer da. Die Begutachtung hat auch zum Thema: Seid ihr eurem Profil, eurer Aufgabe gerecht geworden? Die Leibniz-Institute sind durch die Vielfalt der Themen besonders in der Lage, sich Fragen zuzuwenden, die erst in zehn Jahren wirklich wichtig werden. Ich sehe es auch als meine Aufgabe an, diese Zukunftsthemen zu finden. Zum Beispiel das Thema Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeitsforschung wird uns immer mehr beschäftigen. Es gibt bisher keine zentrale Einrichtung dafür. Was tun wir jetzt, was für die nachfolgenden Generationen von großer Bedeutung ist?

Der hoch begabte Chemiker Thomas Tuschl ist an die New Yorker Rockefeller-Universität gewechselt, weil er sich dort mit vielen hervorragenden Kollegen anderer Fachgebiete austauschen könne. Leibniz-Institute sind dagegen über das ganze Land verstreut. Sind Ihre Forscher nicht isoliert?

In der medizinischen Forschung gibt es in der Tat einen Zusammenhang zwischen der Größe einer Universität und der wissenschaftlichen Qualität. In der Leibniz-Gemeinschaft versuchen wir auf zweierlei Weise, diese „kritische Masse“ zu erreichen: Zum einen durch die Zusammenarbeit mit Universitäten, etwa in Sonderforschungsbereichen. Und dadurch, dass sich unsere Sektionen häufig treffen und sich austauschen.

Fällt es nicht schwer, gute Forscher „in die Provinz“ zu locken, nach Jena oder Rostock?

Das hängt von der Qualität der Wissenschaft ab. Mein Institut liegt auf dem flachen Land, von Hamburg noch eine halbe Stunde entfernt. Wenn Sie so wollen: hinter den sieben Bergen. Trotzdem haben wir kein Problem, auf den Gebieten, auf denen wir führend sind, die besten Leute zu bekommen. Auch junge Leute sind heute viel flexibler als früher – wenn sie das Gefühl haben, am Puls der Wissenschaft zu sein, nehmen sie auch weniger attraktive Orte in Kauf.

Wann zieht denn die Zentrale der Leibniz-Gemeinschaft in die Hauptstadt um?

Unsere Außenstelle wird Mitte nächsten Jahres in einen größeren Gebäudekomplex in Berlin einziehen, der so geräumig ist, dass er die gesamte Geschäftsstelle aufnehmen kann. Ich schätze, in den nächsten drei bis fünf Jahren müsste es mit dem Umzug klappen.

An der Finanzierung der Leibniz-Gemeinschaft beteiligen sich Bund und Länder gemeinsam, aber im Zuge der Föderalismusreform gibt es die Entflechtung etwa im Hochschulbau und bei den Universitäten insgesamt. Wäre es für Sie denkbar, dass jedes Land irgendwann allein seine Leibniz-Institute finanziert?

Ich werde alles tun, um das verhindern. Wenn wir die Finanzierung durch den Bund verlieren, könnten manche Länder ihre wunderbaren Institute nicht mehr halten, Berlin an allererster Stelle. Früher hat sich der Bund mehr an der Entwicklung der Leibniz-Institute beteiligt. Seine Vertreter waren stärker, kompetenter, freier als die des Landes. Inzwischen bestimmen die Länder, wo es langgeht. Das müssen wir zurückdrehen.

Das Berliner Naturkundemuseum ist in einem desolaten Zustand, aus Geldmangel verwittern wissenschaftliche Schätze. Werden Sie sich dafür engagieren, dass das Museum in die Leibniz-Gemeinschaft aufgenommen wird?

Wer könnte da nein sagen? Allerdings dürften die Kosten für die Renovierung dieses wunderbaren Museums fast die der Museumsinsel erreichen. Das zweite Problem: Das Museum gehört zur Humboldt-Universität. Um aufgenommen zu werden, müsste das Museum unabhängig sein, es müsste vom Wissenschaftsrat hinsichtlich seiner Qualität und dem gesamtstaatlichem Interesse positiv begutachtet werden. Und es müsste ein anderes Institut aus der Leibniz-Gemeinschaft ausscheiden, damit es aufgenommen werden kann. Wir haben nun mal dieses Omnibus-Prinzip: Einer steigt aus, dafür kann ein anderer zusteigen. Das Naturkundemuseum ist eine große Herausforderung für die Leibniz-Gemeinschaft, es würde das ganze Rad mal wieder in Bewegung bringen. Das will ich versuchen.

Die neue Verfassung soll die Hochschulpolitik zur alleinigen Aufgabe der Länder machen. Wie beurteilen Sie die Folgen für den Wissenschaftsstandort?

Ich bedaure das sehr. Der Hochschulbau wird darunter leiden, und damit die gesamte Forschung an den Universitäten. Wir dürfen nicht vergessen: Die Universitäten sind die Essenz unseres wissenschaftlichen Lebens, hier wird der Nachwuchs ausgebildet. Alles, was zur Schwächung der Universitäten beiträgt, sollten wir verhindern. Die außeruniversitären Forschungseinrichtungen haben das verstanden und engagieren sich zunehmend an den Hochschulen. Viele Wissenschaftler der Leibniz-Gemeinschaft sind auch Professoren an der Universität.

Die VW-Stiftung hat vor kurzem vorgeschlagen, die außeruniversitäre Forschung in die Unis einzugliedern. Müsste man nicht darüber nachdenken, wenigstens einzelne Institute an die Unis zu verlegen, um sie in dieser schwierigen Lage nicht im Stich zu lassen?

Das wäre das Falscheste, was man tun kann. Wenn die Wissenschaft dadurch gestärkt würde, dann würde ich offen darüber reden, ob ein Leibniz-Institut nicht in einer anderen Organisation besser aufgehoben wäre. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass sich an den Schwierigkeiten der Universitäten überhaupt nichts ändern würde. Selbst wenn sie die gesamte Leibniz-Gemeinschaft mit einem Etat von etwa einer Milliarde Euro da unterbringen. Das entspricht etwa zwei bis drei Universitäten, das ändert finanziell nichts. Der Hauptgrund für die Probleme an den Universitäten ist ihre komplexe Struktur, geprägt von Wechsel und Unruhe, von Gremien, von Verwaltungsarbeit. Deshalb sind die Universitäten so schwach. Wenn man unsere Institute dort eingliedern würde, zerstörte man ihr Potenzial, würde aber den Universitäten nicht helfen.

Wie kann man den Hochschulen helfen?

Man müsste sie evaluieren, also auf ihre Qualität prüfen.

Das macht ja der Wissenschaftsrat.

Aber das hat so gut wie keine Konsequenzen. Viele Professoren haben vergessen, dass sie Teil eines Organismus sind, und dieser Organismus heißt Universität. Ich muss einen Teil meines Denkens und Tuns abgeben, um diesem Organismus Leben zu verleihen, ich muss mich einbringen. Das tun viele, aber viele eben auch nicht. Als mein Leibniz-Institut in Borstel begutachtet wurde, sagte der Wissenschaftsrat: Wir geben euch noch drei Jahre, um die Probleme zu lösen. Das war ein heilsamer Druck. Positiv gesagt: Die Exzellenzinitiative ist der richtige Weg. Da können sich alle Hochschulen um zusätzliche Fördermittel bewerben. Wer etwas leistet, wird belohnt. Das ist eine geniale Idee. Alle, oder fast alle, sind begeistert. Da ist ein Weg gezeigt worden, wie man die Stagnation und innere Zerrissenheit der Universitäten durch eine große Idee überwinden kann.

Das Gespräch führten Anja Kühne und Hartmut Wewetzer

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