Gesundheit : Die Landkarte der Intelligenz

Pisa, anders interpretiert: Warum die Schüler in einigen neuen Bundesländern so schlecht abgeschnitten haben

Uwe Schlicht

Die meisten neuen Ländern haben bei den Tests im Leseverständnis und den Naturwissenschaften sehr schlecht abgeschnitten. Das gilt für Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und vor allem Brandenburg. Nur Sachsen und Thüringen fallen aus dieser Negativbilanz heraus. Liegt das daran, dass die Schulen in den drei Ländern im Osten besonders schlecht organisiert sind? Nein, sagt der Jugend- und Familienforscher Hans Bertram von der Humboldt-Universität. Das sei vor allem eine Folge einer Negativspirale, die mit hoher Arbeitslosigkeit beginnt und zur Abwanderung der ehrgeizigen und besonders befähigten Teile der Bevölkerung führt.

Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Bayern oder Baden-Württemberg bieten eben bessere Chancen als Magdeburg oder Rostock. Die Negativspirale endet in einer deutlichen Abnahme des Intelligenzpotenzials einer Region. Bertram spekuliert nicht: Er hat die Ergebnisse der Intelligenzuntersuchungen von 250 000 Wehrpflichtigen im Alter von 18 bis 22 Jahren aus allen Regionen der Bundesrepublik ausgewertet, die ein Team von Sozialwissenschaftlern im Jahr 2003 veröffentlicht hat. Auf dieser Grundlage ist eine Landkarte entstanden.

Die schlechtesten Positionen auf dieser Landkarte haben die Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Weit unterdurchschnittlich ist die Entwicklung in den Regionen Neubrandenburg, Neuruppin, Frankfurt/Oder, Magdeburg, Wittenberg und Halle, nur durchschnittlich in den Regionen Rostock, Stendal, Potsdam. Überdurchschnittlich ist demnach die Intelligenz in Berlin, der Region Cottbus sowie in den meisten Gebieten von Sachsen und Thüringen verbreitet. Weit überdurchschnittlich ragen als Intelligenzregionen heraus: Bayern und Niedersachsen mit Teilen Schleswig-Holsteins um Hamburg sowie Hessen mit der Region Frankfurt-Wiesbaden, Nordrhein-Westfalen um Münster und Aachen sowie die Region um Stuttgart.

Der Pisavergleich unter den deutschen Ländern entspricht in signifikanten Fällen dieser Landkarte der Intelligenz: Am besten von allen deutschen Ländern schnitten Bayern und Baden-Württemberg ab, Sachsen erreichte den drittbesten Platz in Deutschland und Thüringen den sechsten Rang. Mecklenburg-Vorpommern mit Platz 13, Brandenburg mit Platz 14 und Sachsen-Anhalt mit Platz 15 stehen am Ende der Rangskala.

Junge Frauen wandern ab

Bertram empfiehlt der Kultusministerkonferenz, Pisa unter diesen Gesichtspunkten neu zu interpretieren und zu berücksichtigen, dass Arbeitslosigkeit, Geburtenrückgang und Binnenwanderung das Bildungsverhalten nicht minder beeinflussen als die Herkunft aus sozialen Schichten, Ausländerfamilien oder das Einkommen der Eltern. Die Arbeitslosenquote ist in Brandenburg mit 18 Prozent hoch, in manchen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns und Brandenburgs sind bis zu einem Viertel der 18- bis 24-Jährigen in den Westen abgewandert. Auch Wissenschaftler vom Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in Erkner haben unlängst vor einer „Verblödung“ Brandenburgs gewarnt (vgl. Tsp vom 12. Juli 2003).

Besonders dramatisch wirkt es sich aus, wenn die jungen Frauen wegziehen, weil sie für die Berufsausbildung oder den ersten Arbeitsplatz außerhalb Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns oder Sachsen-Anhalts bessere Chancen erhalten. Damit gehen dem Land die künftigen Mütter verloren. Der Jugendforscher Bertram kommt zu dem Schluss: „Die innerdeutsche Mobilität führt infolge hoher Arbeitslosigkeit in bestimmten Regionen Deutschlands zu einer Vernichtung von Humankapital, so dass diese Regionen auch unabhängig davon, wie gut die Schulen dort sind, in jedem nationalen Vergleich benachteiligt sein werden.“ Die Bildungskarte von Deutschland wird auch künftig große Unterschiede aufweisen.

Ist der Abstieg für Brandenburg unvermeidbar? Es sieht so aus. Die Geburtenzahlen sind in Brandenburg wie in den anderen neuen Ländern nach der Wiedervereinigung so rapide gesunken, dass zahlreiche Schulstandorte geschlossen werden müssen. Wenn nur noch halb so viele Kinder geboren werden, verlieren zahlreiche Dörfer ihre Schulen und damit ihren kulturellen Mittelpunkt. Die meisten Jugend- und Freizeiteinrichtungen waren schon kurz nach der Wende geschlossen worden. Durch die zweite Schließungswelle, die jetzt viele Schulen erfasst, veröden die Dörfer noch mehr. 36 000 Geburten wurden einmal in Zeiten der DDR in Brandenburg gezählt. Heute sind es nur noch 17 700. Die Zahl der Schüler wird von 81 600 im Jahr 2000 auf 40 400 im Jahr 2020 zurückgehen.

Ein Ausweg: Ganztagsschulen

Dieser dramatische Einbruch kann nicht rückgängig gemacht, aber in seinen Folgen gemildert werden. Das ist Aufgabe der Jugend- und Bildungspolitiker. Wenn die Schulwege immer länger werden, dann bietet sich das Ganztagsschulprogramm der Bundesregierung als Ausweg geradezu an. Da die Sekundarschüler am Tag zwei Stunden nur für den Schulweg verlieren, ist es besser, sie in den Städten möglichst auch noch in ihrer Freizeit zu betreuen, als sie in ihre Dörfer zurückzuschicken, wo sie ihre Freizeit allenfalls auf dem Fußballplatz oder im Sommer am See verbringen können.

Im Laufe der nächsten Jahren sollen 125 Grundschulen und 120 Schulen in der Sekundarstufe I Ganztagsangebote bieten. Dann wäre ein Drittel der Schüler auch am Nachmittag versorgt. Aber das kostet 130 Millionen Euro bis zum Jahr 2007, die vom Bund zugesagt sind und weitere 26 Millionen Euro, die die Schulträger drauflegen müssen, berichten die Schulplaner Boris Fahlbusch und Hermann Budde.

Das klingt gut, aber trotz der damit verbundenen Hoffnungen warnt Hans Bertram vor Illusionen: In Westdeutschland könne die Ausweitung des Bildungsangebots auf den Vorschulbereich und bis in den Nachmittag hinein eine neue Vielfalt schaffen. In den Ländern im Osten hingegen werde es trotz einiger Ausnahmen auf längere Sicht nur eine Reduktion von Angeboten geben.

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