Gesundheit : „Die Lehrer sind zur Selbstkritik fähig“

Der Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth erklärt überraschende Erfolge bei Pisa

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Herr Tenorth, der Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen von der Freien Universität, hat Aufsehen mit seiner Äußerung erregt, türkische Migrantenkinder hätten im Schnitt einen niedrigeren Intelligenzquotienten als andere Schüler. Lenzen betont jetzt, er beziehe sich auf denjenigen Teil des IQs, der durch Sozialisation veränderbar sei. Erlauben nach dieser Definition Schuluntersuchungen also durchaus Rückschlüsse auf die IQs der Schüler?

Man darf Schulleistungsmessungen und Intelligenztests nicht miteinander verwechseln. Benachteiligungen bestimmter Gruppen beim Erbringen von Schulleistungen dürfen nicht dazu verleiten zu behaupten, diese Schüler hätten einen systematisch niedrigeren Intelligenzquotienten. Das wäre ein rassistisches Argument, vor dem man sich bei der Debatte um Intelligenz strikt hüten muss.

Der Jugendforscher Hans Bertram von der Humboldt-Universität hat unlängst deutsche Wehrpflichtige auf ihr Wissen getestet. Das Ergebnis war eine „Landkarte der Intelligenz“, bei der wegen des Brain Drains Westdeutschland den neuen Ländern überlegen war. Hierüber hat sich doch niemand aufgeregt?

Es hat sich deshalb niemand darüber aufgeregt, weil Herr Bertram nicht behauptet hat, dass es in der ostdeutschen Bevölkerung aus genetischen Gründen eine niedrigere Intelligenzverteilung gebe. Bertrams These ist eine soziologische. Ihm geht es um Migrationsprozesse in Deutschland, und er zeigt, dass eine hohe Wanderbereitschaft gelegentlich positiv mit höherer Intelligenz korreliert. Das ist etwas völlig anderes.

Was wäre die richtige Antwort der Politiker auf die jüngsten Pisa-Ergebnisse?

Die Politiker müssen anerkennen, dass man in unserem Bildungssystem durch kluge Veränderungen etwas bewegen kann, und sie müssen mit den begonnenen Reformen energisch weitermachen. Also noch stärker an Maßnahmen arbeiten, die den Unterricht erreichen.

Was wäre die falsche Reaktion?

Es wäre falsch, schon jetzt zufrieden zu sein. Eine falsche Reaktion wäre zweitens, noch einmal eine Debatte über das richtige Schulsystem anzufangen. Die dritte falsche Reaktion, die leider die GEW bisher favorisiert,wäre, zu intensiv auf Außenbedingungen zu achten wie den Migrantenanteil und die Arbeitslosenquote in der Region.

Seit Pisa 2000 empfehlen Bildungsreformer Schulreformen nach skandinavischem Vorbild. Ist das nach den jüngsten Pisa-Ergebnissen noch ein richtiger Rat?

Das hängt davon ab, was man darunter versteht. Vereinzelt fordern deutsche Politiker, wir brauchten Gesamtschulen in Deutschland. Diese Sichtweise war immer zu kurz und immer falsch. Richtig ist aber, dass in Dänemark oder Finnland das lokale Umfeld der Schule eine Rolle spielt, ebenso das Engagement von Eltern und Gemeinde für die Schule. Wichtig ist auch die Sichtbarkeit von Standards. Von diesen skandinavischen Beispielen kann man immer noch lernen.

Gesamtschulen sind in den erfolgreichen Pisa-Ländern in Deutschland kein Thema. Wie kommentieren Sie das?

Das gibt einen Hinweis auf die bedauerliche Tatsache, dass das, was in Deutschland unter dem Begriff Gesamtschulen geboten wird, weder mit Blick auf die soziale Chancengleichheit noch im Hinblick auf eine bessere Lernkultur wirklich gute Schulen sind.

Können Sie erklären, warum Sachsen-Anhalt, ein Land mit einer problematischen Sozialstruktur, einen derartigen Aufschwung genommen hat?

Eine richtige kausale Zuordnung ist auf Grund der jetzt vorliegenden Daten noch nicht möglich. Aber in Sachsen-Anhalt haben wir einen Kultusminister und eine Kultusverwaltung, die mit relativer Gelassenheit für die Schulen unterstützend wirken und nicht hektisch agieren. Der Kultusminister Jan Olbertz hält sich von Extremen fern. Insofern ermutigt er dazu, sich lokal anzustrengen. Im Osten knüpfen die erfolgreicheren Bundesländer an die guten Traditionen schulischer Lernanstrengung in der DDR an. Sachsen-Anhalt nimmt teil an dem, was man in Sachsen und Thüringen auch sieht. Dann sind noch die Lehrer und Eltern zu erwähnen. Beide Gruppen haben richtig reagiert. Sie strengen sich an.

Warum ist Nordrhein-Westfalen weiter abgestiegen ?

Die dortige Bildungspolitik war weder konsistent noch zielorientiert. Die Kultusministerin Gabriele Behler hatte Schwierigkeiten. Es fehlte eine die Schulen fördernde Aktivität im Ministerium – das ist anders in Bayern, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Hinzu kommt: Nordrhein-Westfalen hat von allen Ländern die meisten Gesamtschulen und schwierigen Hauptschulen. Es gibt dort zu wenig Engagement, die Schulen wirklich besser zu machen. Vor dem Regierungswechsel fragte man nicht intensiv genug, wie man die lokale Ebene überhaupt an der Reform beteiligen kann.

Wie ist es zu erklären, dass die deutschen Länder in Pisa 2003 beachtliche Erfolge zu verzeichnen haben, obwohl die eigentlichen großen Schulreformen zu dem Zeitpunkt des Pisatests erst begannen?

Auch das kann man nicht durch einen Faktor allein erklären. Mir scheint die Lernfähigkeit der Lehrer wesentlich zu sein. Wir haben die Lehrer lange gescholten, von der ersten Erhebung unter dem Stichwort TIMSS im Jahr 1997 angefangen bis zu den Pisatests. In Wirklichkeit waren die Lehrer fähig, den Unterricht selbstkritisch zu bewerten, sie waren auch fähig, Aufgabenformate und Anspruchshaltungen zu wechseln.

Sie meinen den Erfolg in Mathematik.

Ja, in der Lesefähigkeit hat es zwar auch Verbesserungen gegeben, aber nicht so radikal. Gerade in Mathematik und den Naturwissenschaften kann man sehr viel besser alte Fehler einer zu starken Orientierung an Algorithmen überwinden. Wir sind nach den Pisatests durch die Lande gefahren und haben gemeinsam mit Lehrern und Wissenschaftlern neue Aufgaben entwickelt – angelehnt an Bildungsstandards und Kompetenzstufen.

Rechnen Sie mit weiteren Punktgewinnen der deutschen Schüler in den Pisatests der Zukunft, sobald die Schulreformen mit Kerncurricula, Bildungsstandards und Kompetenzmessungen greifen?

Die wirklichen Änderungen finden im Unterricht statt. Dazu gehören: Ein neues Bewusstsein von Aufgaben, ein neues Bewusstsein für die Pflege von Lehr- und Lernstrategien, andere Formen der Rückmeldung über das wirklich Gelernte. Wichtig ist auch die Frage, wie man Anspruchsniveaus sichtbar machen kann, welchen Mindeststandard wir nicht unterschreiten dürfen, wie man Probleme des Alltags mit Wissen bewältigen kann. In dieser Richtung schreiten wir voran. Wir haben immer gesagt, zehn Jahre sind das Minimum, um einschneidende Veränderungen sichtbar zu machen. Dass es jetzt in Schritten von drei oder vier Jahren läuft, hat mich überrascht. Es geht rascher, als manche geglaubt haben.

Kann Deutschland also in weniger als zehn Jahren an die Spitze kommen?

Ich wäre schon zufrieden, wenn sich Deutschland ordentlich im oberen Drittel platzieren würde. Ob wir dieses Ziel auch in der Lesefähigkeit erreichen, ist fraglich. Hier Traditionen zu ändern, dürfte schwierig sein. Aber bisher haben wir noch nicht die Schulen im Einzelnen analysiert. Im November, wenn der ausführliche Pisa-Deutschland-Bericht veröffentlicht wird, werden wir mehr wissen. Die bayerischen Gymnasien erzielen vielleicht Werte, die Weltspitze sind, während Nordrhein-Westfalen und Bremen Haupt- und Gesamtschulen haben, die sich eigentlich auf Sonderschulniveau befinden.

Das Interview führten Uwe Schlicht und Anja Kühne.

Heinz-Elmar Tenorth, 60, zurzeit noch Vizepräsident an der Humboldt-Universität,konzipiert in einem Team die Umorientierung auf Bildungsstandards und Kompetenzstufen.

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