Gesundheit : Die letzten Tage der ersten Menschheit (Leitartikel)

Bernd Ulrich

So schön hatte man sich das ausgedacht: Die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts ist ein Menschheitsprojekt. Also muss man daran Wissenschaftler aus vielen Ländern beteiligen. Das würde zwar etwas länger dauern, aber dafür hätte die Angelegenheit etwas Erhabenes. Als wäre aus der Apollo 11 eine ganze Weltelf auf den Mond gesprungen. In diesem multinationalen Genom-Projekt war sogar die Idee noch präsent, den Eingriff in die Gene zu kontrollieren. Eine schöne Idee.

Es ist anders gekommen. Dem Amerikaner Craig Venter war dieser ganze umständliche Menschheitskitsch gleichgültig. Er hatte geniale Ideen und viel Geld. Am 6. April triumphierte er: "Erster!" Zwei Schlüsse ergeben sich aus seinem PR-Sieg: Die Gentechnologie entwickelt sich schneller - und unkontrollierter.

Das war zu befürchten. Auch darum wird die Gentechnologie so sensationsselig und folgenvergessen am Rande der Öffentlichkeit behandelt. Auch gestern wieder. Die Entschlüsselung des Genoms ist ein weltgeschichtliches Ereignis - und doch haben die wichtigsten Nachrichtensendungen mit dem Rücktritt eines Bänkers aufgemacht. Mit Peanuts.

Das öffentliche Bewusstein verdrängt das Thema. Was wir über die Gentechnologie ahnen, verführt uns dazu, nicht über sie zu reden. Wir empfinden eine vage, aber starke, ja metaphysische Furcht vor dem Eingriff in die Substanz des Lebens. Zugleich hoffen wir, man möge ein Mittel gegen all die Krankheiten finden, die uns drohen. Wir fürchten die Folgen einer neuen Eugenik - und lassen heimlich eine Fruchtwasser-Untersuchung machen. Und dann denken wir, dass jede Debatte sinnlos ist, weil dieser Fortschritt zu schnell komme und politisch ohnehin nicht zu kontrollieren sei. Venters Sieg nährt diese Vermutung.

Die Menschheit tritt mit dieser Technologie in eine neue Phase ein. Sie tut es wie ein Kind im dunklen Keller, laut singend. Wir sagen, abwinkend, das mit der Gentechnologie sei halt furchtbar kompliziert. Ist es das? Naturwissenschaftlich lässt sie sich leichter nachvollziehen als Einsteins Relativitätstheorie. Die Schwierigkeit ist philosophischer Natur. Und auch philosophisch ist das Problem im Grunde nicht schwer zu verstehen - es ist schwer zu ertragen: Venter hat herausgefunden, woraus das menschliche Genom besteht. Er hält ein 100 000-Teile-Puzzle in der Hand, das er noch zusammensetzen muss, und dann lässt sich das genetische Schicksal eines Menschen ablesen. Danach kann man einzelne Teile des Menschen neu zusammensetzen. Unsere Kinder werden es erleben.

Der Mensch schafft sich neu. Alle bisherige Geschichte war davon bestimmt, dass er sich vorgefunden hat, seinen Körper, seine Triebe. Dieses schiere Menschsein verbindet Paulus mit Bill Gates, Sophokles mit Beckett - uns alle miteinander. Diese Menschheit geht nun wohl zu Ende. Es entsteht eine neue: die Menschheit II. Diese Fremden können die menschliche Substanz beeinflussen, für sie ist der Mensch nicht mehr Voraussetzung, sondern Gegenstand, sein So-Sein nicht das Schicksal, sondern eine Option.

Wird der künftige Menschen von oben vorsortiert und geformt? Eher kommt die Eugenik von unten, von dort, wo sie schon begonnen hat: Die Fruchtwasseruntersuchungen werden detaillierter; irgendwann wird man auch nicht mehr abtreiben müssen, sondern kann die "Schäden" reparieren. Der gen-optimierte Mensch wird dann nach Vorlieben gestaltet, nach Moden auch. Was gesund ist und was krank, wird ständig neu definiert, je nach dem Stand der Gentechnik.

Alle Werte und Bedeutungen würden so revolutioniert. Das Wort Generation bekäme einen neuen Klang. Jeder wird dann sehen können, wer vor und wer nach einem technologischen Schub geboren ist; wer noch robotronhaft antiquiert ist und wer schon einen microsoft-modernen Körper hat. Darauf kann es hinauslaufen, wenn es einfach so weiter läuft. Vielleicht sollten wir darüber doch noch reden. Rechtzeitig. Jetzt.

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