Gesundheit : Die Literatur-Professorin Elisabeth Bronfen interpretiert den Thriller "Seven"

Andrea Roedig

Kann man Filme lesen? Die Literaturwissenschaft sagt ja zu diesem scheinbaren Gegensatz. Denn Bilder sind die Texte der Gegenwart und Zukunft, sind unsere Archive. Auch Elisabeth Bronfen, die hoch gehandelte Literatur-Professorin aus Zürich hat einen Film "aufgeschlagen". Im Rahmen der Mosse-Lectures an der Humboldt Universität gab Bronfen eine fulminante Interpretation des 1995 von David Fincher gedrehten Thriller "Seven". Dabei bediente sie sich der Methode der sogenannten immanenten Deutung. Mit psychologischem Gespür werden in dem vorhandenen Filmmaterial neue Bedeutungsschichten offengelegt. Und was auf den ersten Blick wie eine Nacherzählung der Handlung wirkt, entpuppt sich auf den zweiten Blick als ein Tiefenanalyse der Zeichen und Bedeutungen des Films.

"Seven", weniger berühmt als berüchtigt, erzählt von einem Massenmörder, der seine Opfer grausam in Allegorien der sieben Todsünden verwandelt: Einen dicken Mann zwingt er - Bild der Völlerei - so lange zu essen, bis sein Magen birst, einen Juden - als Bild des Geizes - sich ein Stück Fleisch aus der Seite zu schneiden. Die Polizei - und mit ihr der Betrachter - findet immer nur die zu Ikonen erstarrten Szenen des Todes vor, Sünder, die an ihrer Sünde zugrunde gehen. Nicht die Grausamkeit der Bilder, sondern das intelligente Spiel des Mörders mache die Faszination des Filmes aus, so Bronfen. In der fein austarierten Dreiecksgeschichte binde der Mörder die beiden Detektive, die ihm auf der Spur sind, in sein Verbrechen ein. "Die Fährte ist so gelegt, dass eine Lösung des Falles zugleich zur Verstrickung in ihn führt."

So viel Komplexität ist ein gefundenes Fressen für Bronfens Interpretationsgelüst. Der alte, gebildete Detektiv Somerset (Morgan Freeman), Sympathieträger des Films, besucht eine Bibliothek, um die Vorlagen der Verbrechen zu finden: Dantes "Göttliche Komödie", eine "Enzyklopädie des Katholizismus". Er könne die Zeichen lesen, sagt Bronfman, er verstehe den Mörder und wisse, daß ihn, den Humanisten, etwas mit seinem Widerpart, dem Mörder, verbinde.

Der junge ehrgeizige Detektiv Mills (Brad Pitt) dagegen, ein Comicleser, kann die Allegorien der Todsünden nicht deuten, doch er glaubt - naiv - an die scharfe Trennung von Gut und Böse, gesund und psychopathisch. Er will der Retter sein, Recht und Ordnung herstellen - doch damit macht er sich selbst zum Täter. Bis aufs Blut gereizt wird Mills den Mörder schließlich umbringen und damit - Bild des Jähzorns - dessen allegorisches Werk zu Ende führen.

In dem postmodernen Film-Szenario, das leicht als zynisch gelten könnte, legt Bronfen eine humanistische Botschaft frei. Sie lautet: Werde so wie Somerset! Es gibt keine endgültige Entscheidung im Kampf gegen das Verbrechen. Das Wissen darum, dass Gut und Böse sich durchmischen, dass wir dem Mörder gleichen, befähigt zur Empathie und bewahrt die Menschlichkeit. Bei all dem geht es um die Lösung eines Rätsels, um das Lesen und um die Bilder.

Dass der Thriller, wie eine Hörerin in der Diskussion beklagte, Grausamkeiten zeige, die sie im Leben nicht hätte sehen wollen, stört Elisabeth Bronfen wenig. Eine Interpretation schaffe Distanz und gleichzeitig die Fähigkeit, Bilder an sich heran zu lassen. "Ich liebe diese Kriminalgeschichten und Serienmörder", gestand Bronfen fröhlich.

Was Bronfen bei den Mosse-Lectures vortrug, wird demnächst auch in ihrem neuen Buch "Heimweh" zu lesen sein. Hierin untersucht sie die Bedeutung von "home" im amerikanischen Film. Das Heim, so die These, zerfällt immer mehr. "Seven" bildet dabei den Abschluß einer Entwicklung, denn der Film inszeniert Fragilität, die Wände der Häuser sind durchlässig, der Mörder dringt ungehindert ein.

Im Vorspann von "Seven" sieht man in schneller Sequenz die Finger des Mörders beim Zusammennähen seiner Tagebuchseiten und - überblendet - Hände, die einen Film zerschneiden. Soll heißen: die Tätigkeiten ähneln sich, nicht vieles trennt den Regisseur vom Täter. "Seven" handele nicht nur von mörderischen Allegorien, sondern sei selbst eine Allegorie auf die Produktion von Bildern, auf das Erzählkino Hollywoods, meint Bronfen. Verlorenes Heim, gefundenes Heim: Die Traumfabrik erzählt vom Verlust des "home" und produziert doch ständig Bilder, in denen wir uns heimisch fühlen. Die Bilder, so Bronfen, haben das "home" ersetzt, die neue Heimat ist der Kinosaal.Das Buch von Elisabeth Bronfen "Heimweh. Das Illusionsspiel Hollywoods" erscheint im Herbst beim Verlag Volk und Welt, Berlin

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