Gesundheit : Die Macht der Erinnerung

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Von Gerwin Klinger

„Hingelegt und Röcke hoch": So die lapidare Tagebuchnotiz, mit der eine Berlinerin ihre Vergewaltigung durch Rotarmisten festhält. Der Eintrag ist in seiner Nüchternheit durchaus bezeichnend für die Art und Weise, in der Frauen über die Massenvergewaltigungen bei der Besetzung Berlins sprachen. Sie galten als das von der Roten Armee „Erwartbare" und wurden in den Kontext einer Ausnahmesituation mit Bomben, Hunger und Not gestellt. Ja, gelegentlich findet sich sogar „Schändungshumor" bei Interviews mit den damaligen Opfern. Zu diesem Ergebnis kommt die Historikerin Regina Mühlhäuser vom Hamburger Institut (HIS) bei einem Workshop über „Nach-Kriegserfahrungen" im Zentrum für Interdisziplinäre Frauenforschung der TU Berlin.

Dieses unmittelbare Sprechen der Frauen verstummte, als die Männer aus Krieg und Gefangenschaft zurückkehrten. Die fühlten sich nämlich durch die Vergewaltigungen in ihrer Beschützerrolle gedemütigt. Unter dem Rechtfertigungsdruck, in den die Frauen gerieten, wurde das Thema mit einer Sprache der Scham besetzt. Später dann übernahm der Kalte Krieg die Regie beim Diskurs über die Vergewaltigungen: In der DDR waren sie tabuisiert, im Westen wurden sie antikommunistisch funktionalisiert.

Das Leid der Deutschen

An solch politisch geprägten Wahrnehmungsmustern muss sich eine historische Forschung abarbeiten, die nach der subjektiven Seite fragt: nach den Emotionen und danach, wie Täter, Mitläufer, Zuschauer und Opfer die Gewalt geprägte Nachkriegszeit erfahren haben und erinnerten. Wie Klaus Naumann in seiner Studie darlegte, okkupieren sie nicht nur die Erfahrungen und Erinnerungen, sie stellen das Thema auch in den Geruch, Kriegsschuld und NS-Verbrechen mit dem Leid der Deutschen zu überblenden. In Ost und West habe man sich gleichermaßen mit dem Narrativ einer Rache-Tragödie entlastet: „Wir haben Unrecht getan; uns geschieht Unrecht: Schwamm drüber und Versöhnung!" Oder man schrieb die NS-Volksgemeinschaft fort im Narrativ der Not-, Schicksals- und Aufbaugemeinschaft. Parallel verlief die Sequenz männlicher Rollenstereotypen: von den „Helden im Untergang" über die „gedemütigten Beschützer" zu den „Trägern des Wiederaufbaus".

Das Zusammentreffen von Opfern und Tätern in den Camps für Displaced Persons (DPs) wirft ein Schlaglicht auf die prekären Befindlichkeiten in Nachkriegs-Deutschland. Rund 300 000 zumeist polnische Juden waren als DPs in der amerikanischen und britischen Zone in solchen Camps untergebracht. Das führte, wie die New Yorker Historikerin Atina Grossmann sagt, zu der merkwürdigen Situation, dass „Juden in Deutschland präsenter waren als jemals zuvor", jedoch in der weitgehend „separaten Welt" der DP-Quartiere. Die von den Besatzungsmächten materiell gut versorgten Camps waren nämlich für Deutsche „off limits".

Die Kontakte beschränkten sich auf gelegentliche Fußballturniere, Film- und Varieté-Abende im Lager und auf die Schwarzmärkte in der Umgebung. Zutritt erhielten nur das deutsche Hilfspersonal, häufig Kindermädchen, wie die Akten zeigen. Denn bei den KZ-Überlebenden kam es zu einer Heiratswelle - darunter auch 1000 Ehen mit deutschen Frauen - und einem regelrechten Baby-Boom. Die betreuenden deutschen Ärzte empfahlen den Müttern in ihren Attesten gerne die Hilfe eines Kindermädchens. Jobs, die von den deutschen Frauen gerne übernommen wurden, da sie auch Zugang zu den Ressourcen der Camps verhießen. Die psychologische Konstellation freilich war kompliziert. Durch die Betreuung entwickelten sich oft emotionale Beziehungen. Gleichzeitig registriert Grossmann in ihren Interviews mit Überlebenden Gefühle der „Genugtuung und eine aggressive Präsenz ", so etwa, wenn gefordert wurde: „Schick mir eine Deutsche!" Bei den Deutschen wiederum stieß sie auf Gefühle der Demütigung: „Die Juden haben schon die Herrschaften gespielt." Trotz aller dominierenden Alltagspragmatik fänden sich hier doch Anknüpfungspunkte für das Stereotyp: „Die Juden ziehen Vorteile aus ihrem Opfer-Status."

Aber wie weit ist den Erinnerungen der Zeitzeugen zu trauen? Der Essener Kulturhistoriker Harald Welzer setzte hier mit seinen an der Neurobiologie geschulten Thesen ein dickes Fragezeigen. Das Erinnern gehorche dem Prinzip der Bildung und Vervollständigung von Mustern, und zwar zustandsabhängig und gegenwartsbezogen. Schlagend sind seine Beispiele von „false memories". So hätten Probanden ganze Passagen von Kriegsfilmen als Selbst-Erlebtes in ihren Gedächtnishaushalt importiert und in Interviews fast wortgleich „erinnert". Durchaus nicht in täuschender Absicht, denn für den Erinnernden fühlt sich die imaginierte Erinnerung genauso an wie eine „echte".

Ignoranz statt Neugier

Es muss sich also, wie Welzer bemerkt, bei den alten Kameraden, die die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht ablehnen, nicht um verstockte Leugner und Verdränger handeln - nein, sie erinnern ihren Krieg tatsächlich anders. Es bleibe eine prinzipielle Diskrepanz zwischen der historischen Forschung und den Erinnerungen. Das hätte nun die versammelten Vertreter der Oral History brennend interessieren müssen, ging es doch um die spezifischen Eigengesetzlichkeiten ihres Ausgangsmaterials, der Erinnerung von Zeitzeugen. Doch statt wissenschaftlicher Neugier, reagierten einige auf die Skepsis aus der Naturwissenschaft mit Ignoranz, wie die Bremer Historikerin Svenja Goltermann: „Man darf den Ergebnissen der Neurobiologie nicht aufsitzen, sich von einer Naturwissenschaft nicht sagen lassen, wie wir Kulturwissenschaftlerinnen ein Phänomen zu verstehen haben."

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