Gesundheit : Die Macht der Netze: Die Familie - Blutsbande

Miriam Gebhardt

Als am 16. Juli 1999 das Flugzeug von John F. Kennedy Jr. von den Radarschirmen der Küstenflugwache verschwand, erfüllte sich ein amerikanischer Mythos: Wieder hatte bei den Kennedys das Unglück zugeschlagen. Ein Sprössling mehr, den der Fluch des mächtigen Clans einholt. Die Familie als Schicksalsmacht.

Die Vertreter der Familienhypothese konnten eine grausige Statistik vorlegen. In drei Generationen wurden zwei Kennedys ermordet, sieben Kennedys wegen Drogenbesitz inkriminiert, fünf Kennedys verstießen mit Frauengeschichten gegen Sitte oder Gesetz. Zwei Kennedys waren in tödliche Autounfälle verwickelt, ein Kennedy starb bei einem Skiunfall und zwei Kennedys kamen bei riskanten Flugmanövern ums Leben. Markiert man die Familienereignisse im Stammbaum, häufen sich Mord, Vergewaltigung, Drogenmissbrauch. Bei den Kennedys stimmt das Bibelwort: Die Sünden der Väter - in diesem Fall die Sünden des alten Schwerenöters Joe Kennedy - suchen die Kinder heim "bis ins dritte und vierte Glied".

Auf der einen Seite spielt Familie eine so geringe Rolle wie noch nie in der Geschichte. Immer mehr Kinder wachsen ohne Familie oder in "Patchwork"-Familien auf. Die Fruchtbarkeit nimmt ab, das Heiratsalter nimmt zu, die Scheidungszahlen steigen. Auf der anderen Seite und trotz aller Unkenrufe wächst die Macht der Familie ununterbrochen. Nicht nur bei Konservativen, die in ihr schon immer die Keimzelle der Nation sahen. Auch in liberalen gesellschaftlichen Diskursen wird die Familie zur Deutungsmacht schlechthin erklärt. Familie als Erklärungsmuster, als Quelle der Identität, als unentrinnbares Schicksal.

Die französische Soziologin Martine Segalen stellte vor kurzem verwundert fest: Die Franzosen sind im Genealogiefieber. Noch nie wurde so viel Ahnenforschung betrieben. Werktags wird gearbeitet, wochenends in Familienpapieren gekramt und Stammbaum gemalt. Und zwar nicht nur in Adel und Großbürgertum.

"Tradition im Sinne von Transmission (Weitergabe) hat wieder das Sagen: Die Jüngeren stehen nicht mehr in Oppostion zu den Älteren, und die Älteren wünschen, eine Spur ihres Lebens zu hinterlassen."

Familienforschung ist auch bei den Amerikanern das Hobby Nummer eins. "Cindys List" ( www.cindyslist.com ) führt über 80 000 Websites auf, die sich mit Ahnenforschung beschäftigen. Die Mormonen haben unter www.familiysearch.org eine Datenbank erstellt, die eigentlich alle Namen aller Menschen, die je gelebt haben, erfassen soll. Die 600 Millionen Einträge werden weltweit vor allem für die Suche nach Vorfahren genutzt. Die Riesendatei ist eine ideale Fundgrube. Trotz ihres angeblich bindungslosen und kurzlebigen Alltags verspüren die Amerikaner ein tiefliegendes Bedürfnis, sich ihrer familiären Herkunft zu vergewissern.

Das private Interesse an der Familie spiegelt sich in der Forschung. Noch nie haben sich Humanwissenschaftler verschiedenster Disziplinen mit so viel Eifer auf dieses Thema geworfen. In den 70er Jahren wollte man die Familie als Ausgeburt der bürgerlichen Gesellschaftsordnung noch zum alten Eisen werfen. Jetzt untersuchen Soziologen in Feldstudien, wie weit berufliche Lebensläufe durch die soziale Stellung der Herkunftsfamilie beeinflusst sind. Wirtschaftswissenschaftler interessieren sich für Familienunternehmen und dafür, was außer Stammkapital noch von einer Unternehmergeneration auf die nächste übergeht. Juristen schlagen sich mit der Rechtsgeschichte des Erbens herum. Historiker untersuchen den familiären Hintergrund ihrer Protagonisten.

Seelisches Vermächtnis

Eines der heißen Forschungsfelder ist die Familienpsychologie. Bislang waren, salopp gesagt, meist Mutter und Vater an allem schuld. Die alte Analyse-Schule glaubte, die meisten Psycho-Probleme auf unbewältigte Ödipus- und Elektrakomplexe zurück führen zu können. Der neuen Mehrgenerationenperspektive in der Familienpsychologie aber geht es nicht mehr in erster Linie um die Eltern-Kind-Konflikte, sondern um die seelischen Vermächtnisse der Vorfahren.

Familiengeschichte als Staffellauf: zum Beispiel Kafka. Hunderte von Wissenschaftlern haben das problematische Verhältnis zum Vater als Quelle seines Genies erkannt. Helm Stierlin, einer der Pioniere der Mehrgenerationenperspektive im deutschsprachigen Raum, ist einen Schritt weiter gegangen. Franz Kafka, glaubt der Heidelberger Therapeut, ist an den widersprüchlichen Aufträgen seiner Familie gewachsen - und am Ende zerbrochen. Familienpsychologen sagen, dass jede Familie über Generationen hinweg einen eigenen Code besitzt, ein Wertesystem. Der Code äußert sich in Regeln, Sprichwörtern, Kommunikationsstilen. Sein Ursprung liegt in der Vergangenheit der Familie, wo er einst seinen Sinn erfüllte. Dass er heute noch Sinn hat, ist nicht gesagt. Trotzdem bleibt seine Kraft bindend.

Im Fall Kafka geht Stierlin bis zurück zum Großvater. Jacob Kafka war bärenstark. Der Familienlegende nach konnte der Fleischer mit den Zähnen einen Sack Mehl aufheben. Er hatte große Erwartungen an seine Nachkommen, denen er deutsche, nichtjüdische Namen gab, Hermann, Philipp, Ludwig und Heinrich. Sie sollten sich aus der böhmischen Ghettoexistenz emporarbeiten. Sohn Hermann nahm diesen Auftrag an und rackerte sich sein Leben lang ab. In Sommer und Winter schleppte er schon als kleiner Junge seinen Karren übers Land.

Hermann wurde der Vater des großen Schriftstellers Franz. Eine schwierige Rolle für einen, der an harte körperliche Arbeit glaubte. Familienpsychologen sprechen von Aufträgen, Delegationen, Zuschreibungen. Die Gesetze einer Familie sind nicht faßbar. So wie in Kafkas "Prozess". Ein Verstoß gegen sie würde das ganze System durcheinander bringen. Das Motiv aus Kafkas Werken ist das Motiv aus Kafkas Leben. Franz Kafka stand im Dienst einander widersprechender Familienaufträge, glaubt Stierlin. Auf der einen Seite sollte er eine bürgerliche Existenz gründen, auf der anderen Seite die deutsche Kultur zu einem Höhepunkt führen. Widersprüchliche Aufträge haben, da ist sich die Familienpsychologie sicher, gravierende Auswirkungen auf das Seelenleben der beauftragten Nachkommen.

Franz Kafka litt und war doch zeitlebens "unlöslich verbunden". Seine Familie - "ein speziell für mich installierter Kerker, der umso härter ist, da er einer bürgerlichen Wohnung gleicht und von niemandem außer von mir als ein Gefängnis erkannt wird".

Prominente Familien wie die Kafkas, Hitlers oder Kennedys lassen sich verhältnismäßig leicht analysieren. In der Rückschau erscheinen die Zusammenhänge immer zwingend. Stierlin spricht vom "familiären Wiederholungszwang". So interpretieren die amerikanischen Familienpsychologen Monica McGoldrick und Randy Gerson auch die Geschichte der Kennedys. Fast auf Ansage wiederholen sie familiäre Verhaltsmuster, die mit Selbstzerstörung enden.

In der Therapie einer Familie sind die familiären Verknotungen nicht ganz so leicht zu erkennen. Die Therapeuten helfen sich mit der Systemtheorie. Sie betrachten den Patienten nur als "Symptomträger" eines Systems, das als Ganzes erkrankt ist. Die Neurose macht sich lediglich an einem Familienmitglied bemerkbar. Es ist dazu auserkoren, einen Auftrag auszuführen. Zum Beispiel die von Generation zu Generation weiter getragene Botschaft von Müttern an Töchter: Kinder zu haben ist eine Bürde. Oder die Fama der Väter: Wir Schulzens waren immer schon wilde Hunde.

"Ganz der Papa!"

Wir alle zappeln in einem unsichtbaren Netz, gewoben aus Familiensprichwörtern ("Schlapp machen gilt nicht"), Zuschreibungen ("Ganz der Papa!"), Aufträgen ("Du sollst es mal besser haben") und Delegationen ("Für dich musste ich meine Sängerkarriere aufgeben, jetzt bist du dran"). Der beste Beweis, dass an dem familiären Determinismus etwas dran ist, war der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf. Mit Bush siegte die Familie - ein Clan, der seinen Kandidaten ins Rennen geschickt hat.

Martine Segalen, die französische Ethnologin, sagt: Wer sich heute als Individuum historisch einordnen will, findet in politischen Ideologien keine Antworten mehr. Familiengeschichte tritt an die Stelle der politischen Großerzählung. Der Unterschied zu früheren Zeiten, als die Familie tatsächlich in sozialer, religiöser und materieller Hinsicht unentrinnbar war, sollte trotzdem nicht übersehen werden.

Das Familienvermächtnis ist nicht mehr unauflöslich. Mittlerweise wurde erforscht, wie sich die Weitergabe belastender Verhaltensmuster von einer Generation auf die nächste verhindern lässt. Heraus kam, dass Menschen, die ihre Familiengeschichte reflektieren und sie "durcharbeiten", nicht dem Wiederholungszwang unterliegen. Sie haben die Chance, ein neues Kapitel in der Familiengeschichte zu beginnen.

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