Gesundheit : Die Mama zu Hause war das Ideal

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Von Dorothee Nolte

Eigentlich ist es verrückt: In den meisten europäischen Staaten ist die Ganztagsschule seit langem normal, und auch in Deutschland wünschte sich schon in den sechziger Jahren knapp die Hälfte der Eltern in Umfragen ganztägige Betreuungsangebote für ihre Kinder. Heute sind es sogar weit mehr, unter den Frauen über 80 Prozent. Trotzdem ist die Halbtagsschule, zumindest in Westdeutschland, über all die Jahre das dominante Modell geblieben. Wie kommt das?

Für Karen Hagemann, Historikerin an der TU, lässt sich der deutsche Hang zur Halbtagsbildung und -betreuung weit in die Geschichte zurückverfolgen – und „deswegen bin ich skeptisch, wenn ich die Wahlversprechen der Politiker höre". Die rühmen ja seit neuestem die Vorzüge der Ganztagsbildung, weil sie Frauen die Berufstätigkeit erleichtert und die Bildungschancen von Kindern aus sozial schwachen oder ausländischen Familien verbessert. Rheinland-Pfalz will bis 2006 zwanzig Prozent der Schulen auf Ganztagsbetrieb umstellen, die SPD verspricht vier Milliarden Euro zum Ausbau der Ganztagsbetreuung. Dennoch: Bis die Ganztagsbetreuung bedarfsgerecht ausgebaut oder gar die Ganztagsschule zur Regelschule wird, dürfte noch viel Zeit vergehen. Und das hat laut Hagemann historische Gründe.

Schon im 19. Jahrhundert war die Auffassung verbreitet, öffentliche Kinderbetreuung könne nur eine Notlösung für arme Familien sein, in denen die Mütter gezwungen waren, zu arbeiten. Für deren Kinder wurden „primär karitative ganztägige Bewahranstalten" eingerichtet. Daneben gab es Schul- und Kindergartengründungen aus pädagogischen Motiven, die nur halbtags geöffnet waren. „Hauptgegnerin jeglicher öffentlichen Betreuung, die über eine halbtägige Ergänzung zur Familienerziehung hinausging, war die katholische Kirche", so Karen Hagemann.

Auch die Landbevölkerung, die auf die Mitarbeit der Kinder in Haus und Hof angewiesen war, wollte ihren Nachwuchs höchstens halbtags in eine Bildungsanstalt schicken. Viele niedere Schulen waren im 19. Jahrhundert daher Halbtagsschulen. An höheren Schulen dagegen war ein Ganztagsunterricht – mit Mittagspause – zunächst durchaus üblich. Erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich auch dort zunehmend der Halbtagsunterricht durch – mit dem Argument, durch zuviel Unterricht würden Jungs wehruntauglich. Auch der Deutsche Philologenverband plädierte, aus ständischen Motiven, für die Halbtagsschule.

In anderen europäischen Ländern verlief die Entwicklung anders. In England etwa wurde die allgemeine Schulpflicht zugleich als Mittel im Kampf gegen die Kindererwerbstätigkeit auf dem Lande und in Fabriken eingesetzt, ab 1920 war dort der ganztägige Unterricht Pflicht. Auch in Frankreich gibt es eine lange Tradition der Ganztagsschule und vorschulischen Ganztagsbetreuung. Im Unterschied zu England und Frankreich baute Deutschland auch die Ganztagsangebote, die im ersten Weltkrieg aufgrund des Mangels an Arbeitskräften entstanden waren, nach dem Krieg rasch wieder ab.

Reformpädagogen, die eine Kombination von Unterricht mit Sport und Spiel forderten, über den ganzen Tag verteilt, konnten sich in Deutschland nie durchsetzen; ihre Schulen wurden von den Nationalsozialisten geschlossen. Nach 1945 empfanden viele Westdeutsche eine Abneigung gegen jegliche Form von Gemeinschaftserziehung und warfen Ganztagsschule und Gesamtschule munter in einen Topf. In den fünfziger und sechziger Jahren holte man lieber ausländische Arbeitskräfte ins Land, statt – wie in Frankreich oder den skandinavischen Ländern – auf weibliche Arbeitskräfte zurückzugreifen und die öffentliche Kinderbetreuung auszuweiten. Sogar die westdeutschen Gewerkschaften und die SPD vertraten bis in die siebziger Jahre hinein die Meinung, Ganztagsbetreuung sei nur etwas für soziale Problemfälle. Die Mama zu Hause war das Ideal. Die DDR dagegen mit ihrer hohen Frauenerwerbsquote setzte auf Halbtagsschule plus Nachmittagsangebote und erreichte die höchste Betreuungsrate im Ostblock.

Wie all diese Faktoren zusammenhängen - die Familienpolitik der europäischen Staaten, die Einstellung zur Erwerbstätigkeit der Frauen, Ganztagsschule -, das möchte Hagemann zusammen mit zahlreichen Wissenschaftlern im Ausland erforschen und hat dafür, mit der TU-Historikerin Karin Hausen und der Bremer Professorin für Sozialpolitik Karin Gottschall, einen Antrag auf eine dreijährige Forschungsförderung bei der VW-Stiftung gestellt. Ob er bewilligt wird, entscheidet sich am 21. Juni.

Und die Zukunft der Ganztagsschule? Aus Hagemanns Sicht steht die föderale Struktur der Bundesrepublik Bildungsreformen im Weg - neben den alten Vorstellungen von Familie und Arbeitsteilung unter den Geschlechtern. Auch der Einfluss von Interessengruppen wie dem Deutschen Lehrerverband und der katholischen Kirche wirke nach wie vor hemmend; und da es hierzulande weniger Schulen in freier Trägerschaft gibt als etwa in Frankreich und England, hat das staatliche Schulsystem keine Konkurrenz. Was die Eltern wollen und was für die Kinder gut wäre, spielt Hagemann zufolge eh nur eine untergeordnete Rolle: „In diesem Land wird Politik ohne die Betroffenen gemacht."

In den nächsten Tagen finden zwei Konferenzen zum Thema statt: „Zukunftsfaktor Kinder", 6. und 7. Juni, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Markgrafenstraße 38 am Gendarmenmarkt (Veranstalter: Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft, Tel.: 28 87 98 40). Und: „Politik für Kinder/Eltern", 13. / 14. Juni, Heinrich-Böll-Stiftung Berlin, Tel.: 28 53 42 37.

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