Gesundheit : Die Milch-Mutation

Siegeszug eines Sekrets: Wie der Mensch lernte, die Muttermilch fremder Arten zu trinken

Matthias Glaubrecht

Milch: schon das Wort klingt nach nahrhafter Erfrischung. Was für die einen lediglich eine undurchsichtige Mischung aus Fett und Wasser ist, ist für andere das weiße Lebenselixier schlechthin. Als Muttermilch ist sie unsere allererste Nahrung und als Kuhmilch vielen Menschen wichtiges Nahrungsmittel. Weltweit produziert die Landwirtschaft pro Jahr mehr als 500 Millionen Tonnen Milch.

Milch ist von Natur aus ein ausgesprochen saisonales Produkt. Sie dient ausschließlich der kurzfristigen Ernährung Neugeborener. Erst dank gezielter Züchtung gelang es dem Menschen über Jahrtausende, Milchkühe auf Spitzenleistungen zu trimmen. Heute geben robuste Kühe fünf Jahre lang Milch, Hochleistungskühe sind allerdings meist schon nach drei Jahren „ausgetrocknet“. Zugleich ist die Milchleistung einer deutschen Durchschnittskuh kontinuierlich gestiegen: Gab sie 1950 „nur“ 3831 Liter, waren es vierzig Jahre später bereits 5908 Liter. Milch marsch!

Quelle der Säuglingsnahrung sind die Mammalorgane oder Mamma. Diese bei Säugern vom Kuheuter bis zur Frauenbrust paarweise angelegten Milchdrüsen sind aus Sekret produzierenden, auf spezielle Weise umgewandelten Hautdrüsen entstanden. Die Milchdrüse und damit Milch an sich sucht im Tierreich ihresgleichen. Zu Recht verdankt deshalb die gesamte Gruppe der Säugetiere diesen Milch produzierenden Mammaldrüsen ihren Namen – die Mammalia.

Für alle Säugetiere gilt: Erst die Mischung macht’s! Denn in den Milchdrüsen wird ein ganz besonderer Cocktail gemixt. Milch besteht neben viel Wasser aus Fett, dem Eiweiß Casein und aus Kohlenhydraten. Dabei ist Milch nicht gleich Milch. Denn bei jeder Säugerart hat die Milch ihre eigene chemische Zusammensetzung. Wenn sich nun aber die Milch anderer Tierarten chemisch so unterscheidet, ist es dann gut, dieses einst speziell zur Jungenaufzucht produzierte Sekret zu trinken, noch dazu als einen so regelmäßigen Bestandteil unserer Ernährung?

Unter allen Säugetieren ist allein der Mensch irgendwann dazu übergegangen, auch nach der Stillperiode noch Milch zu sich zu nehmen. Und nur der Mensch trinkt die Milch anderer Tierarten, insbesondere der Rinderkühe. (Mal abgesehen von der Katze oder dem Igel, die wir mit einer Schale Milch versorgen.)

Milch für Erwachsene: das klingt einfacher, als es tatsächlich ist. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Milchzucker Lactose, das wichtigste Kohlenhydrat in der Milch. Frauenmilch enthält etwa fünf bis sieben Prozent, Kuhmilch fünf Prozent Milchzucker. Während Säuglinge von der Natur mit dem nötigen Stoffwechselapparat ausgerüstet werden, um Milchzucker abzubauen und in Galactose und Traubenzucker zu spalten, verliert sich diese Fähigkeit bei vielen Menschen mit vier bis fünf Jahren weitgehend. Lactose ist chemisch gesehen ein recht klobiges Molekül, das in Wasser nur schwer löslich ist. Um ins Blut überzugehen, muss es erst mit Hilfe des kohlenhydratspaltenden Enzyms Lactase in seine Bestandteile Galactose und Traubenzucker aufgespalten werden.

Forscher versuchten lange herauszufinden, wann der Menschen zum Milchtrinker mutierte. Vor allem war rätselhaft, wie es zum ungewöhnlichen Milchraub kam, der fremde Arten zu Ammen werden lässt. Erst unlängst haben Experten um Leena Peltonen von der Universität Helsinki in Finnland ermittelt, dass wir uns dieser tierischen Ammendienste dank einer steinzeitlichen Erfindung unseres Erbguts bedienen. Die ersten erwachsenen Milchtrinker lebten vor etwa 6000 Jahren im südlichen Ural, wie molekulargenetische Studien im Fachblatt „Science“ (Band 306, Seite 1284) zeigen.

Untersucht wurden dazu mehr als 1600 Erbgut-Proben von 37 Völkern aus vier Kontinenten. Demnach verfügten als erste nomadische Hirten die Kurgan im Gebiet zwischen dem südlichen Ural und der Wolga über jene Veränderung im Erbgut (Mutation), die es auch Erwachsenen ermöglicht, Milch zu verdauen. Das heißt: Milchzucker zu spalten. Zufällig entstanden, war diese Lactosetoleranz dennoch von Vorteil, weil die Hirten Milchvieh hielten.

Anschließend breitete sich ihr Gen mit den Wanderungen des Menschen vor 4500 bis 3500 Jahren in Europa aus; Heute findet es sich deshalb vor allem bei Indoeuropäern. Umgekehrt ist etwa die Hälfte der Menschheit lactoseintolerant; sie vermag nach dem Ende der Stillzeit Milchzucker nicht mehr ohne erhebliche Verdauungsprobleme abzubauen.

Anders als vermutet steht das menschliche Kuhmilchtrinken offenbar nicht in direktem Zusammenhang mit der Entstehung von Ackerbau und Landwirtschaft vor etwa 12 000 Jahren. Vielmehr dürfte es erst vor 6000 Jahren für nomadisierende Rinderhirten im südlichen Ural ein Vorteil gewesen sein, sich lebenslang Milchzucker spaltende Enzyme zu bewahren – eben jenes „Milch-Gen“ für die Lactosetoleranz.

Andere Forscher haben ermittelt, dass parallel zu der Ausbreitung der Lactosetoleranz auch die gezielte Auswahl und Zucht jener Kühe begann, die viel Milch gaben. So entdeckten Wissenschaftler um Albano Beja-Pereira von der Universität Grenoble unlängst, dass sich allein bei nordischen Kuhrassen die insgesamt sechs für die Milchproduktion wichtigsten Gene in besonders vielen Varianten finden, während bei anderen Genen keine erhöhte Vielfalt besteht.

Milch macht also nicht nur müde Männer munter. Vielleicht half sie auch dem Menschen evolutionär auf die Sprünge.

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