Gesundheit : Die molekulare Schere stoppen

Forscher erzielen Erfolge im Kampf gegen Nervenabbau-Leiden wie Chorea Huntington

Adelheid Müller-Lissner

Betroffene bewegen sich ruckartig und unkontrolliert, das Gesicht verzieht sich zur Grimasse, der Gang wird torkelnd. Die Symptome der Nervenkrankheit Chorea Huntington sind unheimlich. Menschen, in deren Familie sie vorkommt, erscheint sie wie eine unbeeinflussbare Bedrohung. Aber die auch „Veitstanz“ genannte Krankheit tritt nur selten auf. In Deutschland sollen derzeit etwa 8000 Menschen darunter leiden. Wer von einem Elternteil das veränderte Gen geerbt hat, wird im Lauf seines Lebens erkranken – meist im Alter zwischen 30 und 50. Anhand von Gentests kann man das theoretisch schon als Kind erfahren. Das krankheitsauslösende Huntington-Gen auf Chromosom 4 wurde schon 1993 identifiziert. Aber noch gibt es keine Therapie.

Kanadische Wissenschaftler haben es nun geschafft, zumindest Mäuse, denen sie das Gen mitgegeben hatten, vor dem Abbau der Nervenzellen zu schützen. Das berichtete Michael Hayden von der Universität von British Columbia in Vancouver letzte Woche bei einer internationalen Konferenz über neurodegenerative Erkrankungen in Berlin.

Hayden und seine Arbeitsgruppe fanden heraus, dass molekulare Scheren im Krankheitsgeschehen eine entscheidende Rolle spielen. Diese Enzyme zerschnipseln gewissermaßen das fehlerhafte Eiweiß, zu dessen Produktion das Huntington-Gen den Befehl erteilt. Die Schere heißt in der Fachsprache Caspase-6. Wurde dieses Enzym an der Arbeit gehindert, zeigten die Mäuse trotz genetischer Veränderung keine Symptome des Nervenleidens. Hayden hofft nun, dass auf dieser Grundlage bald auch Therapien für Menschen entwickelt werden können. „Unsere Herausforderung besteht darin, mit der Forschung schnell zu sein. Wir kennen die betroffenen Familien, und wir wissen, dass die Zeit der Feind dieser Patienten ist.“

Auch das Team um Robert Korneluk von der Universität von Ottawa setzt seine Hoffnung auf eine Blockade von Enzymen aus der Familie der Caspasen. Damit wollen die Forscher bei verschiedenen Erkrankungen, die mit dem Abbau von Nervenzellen einhergehen, den programmierten Zelltod hemmen. Der ist eigentlich eine Schutzmaßnahme: Defekte Zellen starten ein Selbstmord-Programm und schützen so den Organismus. Daher ist es bei Krebs verhängnisvoll, dass das Programm gestört ist. Bei Parkinson, Alzheimer, der erblichen Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa oder Chorea Huntington gehen dadurch aber zu viele Zellen zu schnell zugrunde.

Korneluk hat bereits vor zehn Jahren eine Familie von Genen entdeckt, die den programmierten Zelltod, fachsprachlich Apoptose genannt, hemmen. Diese IAP (Inhibitors Apoptosis)-Gene geben den Befehl zur Produktion von Eiweißen, die Caspasen hemmen und so die Zellen vom Selbstmord abbringen. „Wir konnten im Tierversuch zeigen, dass durch Erhöhung der Aktivität der IAP-Gene mit Hilfe eines gentherapeutischen Ansatzes die Tiere vor Parkinson, Retinitis pigmentosa und Schlaganfall geschützt waren“, sagte Korneluk. Befürchtungen, dass durch diese Gentherapie Krebszellen stärker wachsen, hätten sich nicht bestätigt.

Bei der Tagung, die das Berliner Max Delbrück Center für Molekulare Medizin (MDC) mit der Charité und der Uni Bonn organisiert hatte, trafen sich Grundlagenforscher und Mediziner, die mit Alzheimer- , Parkinson- oder Huntington-Patienten zu tun haben. „Unser Ziel ist es, die funktionelle Genomforschung mit der klinischen Forschung zu fusionieren“, sagte Erich Wanker vom MDC. Nur so habe man eine Chance im Kampf gegen die komplexen neurodegenerativen Erkrankungen, bei denen nach und nach immer mehr Nervenzellen absterben.

Die Erforschung der genetischen Grundlagen solcher Erkrankungen ist ein Schwerpunkt des Nationalen Genomforschungsnetzwerks. Die häufigste ist Alzheimer, worunter in Deutschland 1,2 Millionen Menschen leiden. Auch sie ist noch eine kaum beeinflussbare Bedrohung – allerdings informiert kein einfacher Gentest über die familiäre Belastung wie bei der Chorea Huntington.

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