Gesundheit : Die Ohne-Mich-Generation

Erhardt Bödecker: Ein Verehrer Preußens und „Student der ersten Stunde

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Von Franziska Garbe

Im adretten dunkelblauen Anzug mit farblich passender, gemusterter Krawatte sitzt Erhardt Bödecker hinter einem langen dunklen Holztisch und blinzelt freundlich ins Publikum. „Zunächst gratuliere ich Ihnen ganz herzlich zum bestandenen Diplom!" ruft der kleine Herr mit dem weiß-grauen Haar aufrichtig. Damit hat er die Sympathie der Zuhörer bereits auf seiner Seite. Denn Anlass der Feierstunde ist die Verabschiedung der Absolventen des Instituts für Soziologie an der Freien Universität.

Erhardt Bödecker, Jurist und ehemaliger Direktor der Weber-Bank, war ein „Student der ersten Stunde" an der FU und soll die Festrede halten: Rückbesinnung auf die Gründungsjahre in einer Zeit des Abbaus an den Hochschulen. Und er lässt sich nicht lumpen. Im Plauderton berichtet der 77-Jährige über den Beginn seiner Laufbahn an der Freien Universität 1947 und über die Politikverdrossenheit der damaligen Studentenschaft, der Generation „ohne mich". Er versucht, den frischgebackenen Absolventen die damalige Situation zu veranschaulichen: „Berlin lebte aus den Trümmern, und hier wollten wir studieren!" Jeder hört die eindringlichen Worte und doch kann es sich keiner, der nicht dabei gewesen ist, wirklich vorstellen.

Bödecker erzählt gerne von sich. Er ist überzeugt davon, in seinem Leben alles richtig gemacht zu haben. Man fühlt sich ein bisschen in die Kindheit zurückversetzt, als einem der Opa Geschichten über den Krieg und die harte Nachkriegszeit erzählte, egal, ob man es nun hören wollte oder nicht. Trotzdem wird man nicht ungehalten, weil hinter aller Selbstdarstellung eine gehörige Portion Lebenserfahrung steckt, die man für sich selbst noch nicht beanspruchen kann. So nehmen es die diplomierten Soziologen dem ehemaligen Bankier auch nicht übel, als er den „bedeutenden Bildungspolitiker" Friedrich Theodor Althoff zitiert, nach dessen Meinung „anstrengungsarme" Fächer wie Soziologie, Theologie und Kunstgeschichte kurz gehalten werden müssten, damit kein akademisches Proletariat herangezüchtet werde. Die kleine Provokation erntet nur amüsiertes Schmunzeln.

Schließlich ist allgemein bekannt, dass Bödecker in seiner Freizeit selbst einer Wissenschaft verfallen ist, die heute eher als eine „brotlose Kunst" gilt. Die größte Leidenschaft des wohlhabenden Rentners ist nämlich die Geschichtswissenschaft, genauer: die Historie Preußens. Wenn Bödecker einen absoluten Preußen-Ignoranten entlarvt, der selbst das in der Schule erworbene Wissen über diesen Staat nicht mehr lückenlos in Erinnerung hat, wird er ernsthaft ungehalten und empfiehlt dem Ungebildeten den Besuch seines privaten historischen Museums in Wustrau, im Landkreis Ostprignitz-Ruppin. Mit der dortigen Ausstellung will der in Zwickau geborene Bödecker die „Verleumdung des preußischen Staates" bekämpfen, ein Missstand, der dem Laien so noch nie aufgefallen ist. Immer sonntags um 11 Uhr führt der rüstige Rentner Interessierte durch 500 Jahre Geschichte der Hohenzollern.

Wieso nimmt Bödecker diesen erheblichen finanziellen und zeitlichen Aufwand in Kauf? Er fühle eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, sagt er. Und außerdem habe seine Frau ihm geraten, sich als Pensionär ein Hobby zu suchen, das ihn voll auslastet.

Mehr Informationen unter www.brandenburg-preussen-museum.de

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