• Die Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg bietet ein Netzwerk von Forschungseinrichtungen für angewandte Technik - und weitaus mehr

Gesundheit : Die Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg bietet ein Netzwerk von Forschungseinrichtungen für angewandte Technik - und weitaus mehr

Heiko Schwarzburger

Das Magdeburger Stadtrecht bildete im Mittelalter den Maßstab für viele Städtegründungen in der Mark, auch für Berlin. Außerdem saß hier Werner von Siemens im Knast. Vermutlich hatte der junge Offizier Schwierigkeiten mit der Disziplin, war er doch im Dienst ständig mit seinen Tüfteleien beschäftigt. Während der einmonatigen Festungshaft entdeckte er das galvanische Prinzip zur Vergoldung und Versilberung von Metall. Kaum aus der Zelle entlassen, verkaufte er das Patent an einen Juwelier.

Die Magdeburger von heute sind nicht weniger gewitzt: Unlängst taufte die Otto-von-Guericke-Universität ihren stolzen Neubau für die elektrotechnischen Institute auf den Namen des prominenten Häftlings. Ein Weltkonzern fühlte sich geschmeichelt, die Kooperation floriert. Da Werner von Siemens aus ärmlichen Verhältnissen stammte, ermöglichte ihm erst der Eintritt ins Heer eine fundierte technische Ausbildung. Magdeburg galt 1842 als eine der wichtigsten technischen Bildungsstätten in Deutschland.

Mehr als 150 Jahre später hat sich daran wenig geändert, auch wenn die Otto-von-Guericke-Universität eher unscheinbar wirkt. Nur rund 6200 Studenten haben sich eingeschrieben, das Ausbauziel liegt zwischen 7000 und 8000 Studienplätzen. Zum Fächerspektrum der kleinen, aber feinen Uni gehören neben den klassischen Ingenieurdisziplinen auch Lehrerstudien, Informatik, Wirtschaftswissenschaften und Medizin. Die Magdeburger Universität ist die einzige technische Universität in Sachsen-Anhalt.

Der Campus der Uni befindet sich am Rand des Stadtkerns an der Ausfallstraße zum Gelände der Bundesgartenschau. Die Bauten sind aus verschiedenen Epochen bunt zusammengewürfelt - ein Kennzeichen übrigens für die ganze Stadt, die im Krieg schwer zerbombt wurden. Neben den Instituten der Physik und der Chemie, die aus den 60er Jahren der DDR stammen, erheben sich helle, geräumige Neubauten, etwa für die Elektrotechnik oder die neugegründete wirtschaftswissenschaftliche Fakultät. Die Deutsche Ausgleichsbank stiftete der Universität einen Lehrstuhl für die Grundlagen des Unternehmertums. Vor allem die Konfliktbewältigung und der Umgang mit Turbulenzen am Markt stehen im Mittelpunkt des neuen Zentrums für Unternehmensgründung, mit dem die Universität ihre Kompetenzen in den Wirtschaftswissenschaften stärken will.

Unmittelbar in der Nachbarschaft der Uni stehen Wohnheime, kurze Wege sind der große Vorteil Magdeburgs. Auch das internationale Begegnungszentrum der Alexander-von-Humboldt-Stiftung befindet sich nur einen Steinwurf entfernt. Noch in diesem Jahr soll mit dem Neubau der Bibliothek begonnen werden, die alten Laborgebäude stehen unmittelbar vor der Sanierung. "Wir sind eine schlanke Hochschule, deren Institute hochgradig vernetzt sind", bringt Rektor Klaus Erich Pollmann die Konzeption auf den Punkt. "Deshalb bieten wir viele fächerübergreifende Studiengänge an."

Ein Beispiel ist die Informatik, die sich in Magdeburg als eigenständige ingenieurtechnische Fakultät versteht. Nicht allein die trockene Theorie über Bits und Bytes sondern ihre Anwendung steht ganz im Vordergrund. Studiengänge wie Wirtschaftsinformatik oder das Aufbaustudium zur computergestützten Visualisierung konzipieren die Informatiker gemeinsam mit ihren Kollegen aus der Betriebswirtschaftslehre und der Medizin. Der Diplomstudiengang Visualistik beinhaltet die Grundlagen der Informatik, psychologische Probleme beim Umgang mit Bildern, Ansätze des Industriedesigns und Anwendungen in der Medizin, in den Werkstoffwissenschaften und in der Bildinformationstechnik.

War die Otto-von-Guericke-Universität bis zur Wende eine traditionell ausgerichtete technische Universität, kamen 1993 per Dekret der Landesregierung die Pädagogische Hochschule der Stadt und das große Klinikum hinzu. Die medizinische Ausbildung und Forschung in Magdeburg hat ihren Schwerpunkt in den Neurowissenschaften. Zwei Sonderforschungsbereiche zur Struktur und Funktion des Gehirns sowie zu zellulären Proteasen zeigen, welchen Stellenwert die Magdeburger Uni in der Gehirnforschung und in der Immunologie hat. Die Diplompsychologen aus Magdeburg finden neben der Pharmazie als Neuropsychologen in Kliniken ein wachsendes Berufsfeld. Ab dem kommenden Herbst bietet die Otto-von-Guericke-Universität einen neuen Hauptstudiengang in Biologie mit dem Schwerpunkt Neurowissenschaften an.

Die klassischen Ingenieurfächer profitieren ebenfalls von der fakultätsübergreifenden Zusammenarbeit. So bieten die Dozenten der Lehramtsstudiengänge für Sportlehrer und die Ingenieure gemeinsam ein Studium zum Diplomsportingenieur an. Dahinter verbergen sich Fachleute für den Entwurf und die Konstruktion von Fitnessgeräten oder für die biomechanische Forschung, etwa für Prothesen, Implantate oder die Hochleistungstechnik im Spitzensport. Dieser bundesweit einmalige Studiengang dauert neun Semester.

In den technischen Fächern kooperiert die Universität mit zahlreichen außeruniversitären Instituten, die sich nach der Wende in Magdeburg etablierten. Die Fraunhofer-Gesellschaft unterhält hier ein Institut für Fabrikplanung und -automatisierung. Seit Beginn dieses Jahres baut die Universität eine eigene experimentelle Fabrik auf, in der die Studenten die neuesten Konzepte der Produktion ausprobieren können. Die Max-Planck-Gesellschaft wird in Magdeburg ihr Institut zur Dynamik komplexer technischer Systeme ansiedeln, das erste technische Institut der Forschungsgesellschaft überhaupt.



Uni Magdeburg in Zahlen

6200 Studierende, 4181 Mitarbeiter, davon 191 Professoren und eine Stiftungsprofessur.

Organisation: Neun Fakultäten, die größten davon: Geistes,- Sozial- und Erziehungswissenschaften (1974 Studierende), Wirtschaftswissenschaft (1148), Medizin (931) und Informatik (899).

Forschung: Zwei Sonderforschungsbereiche, vier Graduiertenkollegs. Drittmittel: 44,6 Millionen Mark.

Anschrift: Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Universitätsplatz 2, 39106 Magdeburg, Tel.: 0391 / 6701 clw

0 Kommentare

Neuester Kommentar