Gesundheit : Die "Patienten" lagern im Kühlhaus

INGO BACH

Campus-Entdeckungen: Das Institut für Gerichtsmedizin an der Charité / 500 Obduktionen im JahrVON INGO BACHDas gelbe Backsteingebäude liegt idyllisch unter den alten Bäumen eines kleinen Parks.Die elegante Fassade mit dem hochherrschaftlichen Eingangsportal wirkt repräsentativ wie bei einem kleinen Palais.Doch innen ist von palastartigem Zierat nichts mehr zu spüren: kahle Gänge, hohe, gekachelte Räume, Menschen in weißen Kitteln - hier herrscht die sterile Sachlichkeit eines Krankenhauses.Jedoch fehlt dessen hektische Betriebsamkeit, denn die "Patienten" haben viel Zeit.Sie kommen entweder im Zinksarg oder lagern im Kühlraum, denn dies ist das Institut für Gerichtsmedizin an der Charité.Jährlich werden in Berlin etwa 2000 Verstorbene, die durch Gewaltverbrechen, Unfall oder Selbstmord zu Tode kamen, gerichtsmedizinisch untersucht.Diese Arbeit teilen sich drei Institute: neben der Charité die Gerichtsmedizin des Benjamin Franklin Klinikums und das Berliner Landesinstitut für Gerichtsmedizin.Das Institut der Charité in der Hannoverschen Straße wurde 1896 als königlich-preußisches Leichenschauhaus eröffnet und ist damit das älteste derartige Gebäude in Deutschland.Für die Obduktionen steht ein großer Sektionssaal zur Verfügung.Die vier Autopsie-Tische aus Edelstahl blitzen vor antiseptischer Sauberkeit, ebenso die Kacheln des vollständig gefliesten Raumes.Wenn jedoch Obduktionstag ist - in der Regel immer dienstags und freitags - ist es weniger angenehm, sind die Tische nicht mehr so klinisch rein.Häufig arbeiten dann vier Gutachter-Teams zur gleichen Zeit - Leichenschau am Fließband.Anders wären die 500 Obduktionen, die das Institut jedes Jahr vornimmt, auch gar nicht zu schaffen.Mindestens zwei Ärzte müssen jeweils einen Fall bearbeiten, das fordere die Strafprozeßordnung, erklärt der Institutsdirektor Gunther Geserick.Auch das Prozedere der Untersuchung ist durch gesetzliche Vorschriften genau geregelt.Jeder Schnitt muß in einer bestimmten Reihenfolge erfolgen.Dazu gehört die Entnahme der Organe, die dann einzeln gewogen und anschließend zur näheren Untersuchung auf einem Edelstahltablett ausgebreitet werden."Bevor wir die Leiche zur Bestattung freigeben, legen wir die Organe natürlich wieder in den Körper zurück", betont Professor Geserick.Mögliche Beweisstücke jedoch, wie Gewebeproben oder durch Gift geschädigte Organe, werden für die juristische Verwertung präpariert."Meist dauert eine Autopsie zwei bis drei Stunden", sagt Geserick."Manchmal ist schon nach 90 Minuten alles klar, und alles ist präzise und juristisch verwertbar dokumentiert worden." Pro Fall kämen so ganz leicht 20seitige Berichte zustande, bei besonders komplizierten Fällen auch 30 - 40 Seiten."Mit Hilfe dieser Protokolle müssen wir noch nach einem Jahr Aussagen machen können, die für einen Prozeß taugen." Solange dauert es meist, bis die Fälle vor Gericht landen.Deshalb litten alle Gerichtsmediziner an einer Berufskrankheit: Penibilität."Wir sind immer wieder von der Schlampigkeit in dieser Welt schockiert", sagt Geserick.Schon während der Untersuchung werden alle Beobachtungen vom obduzierenden Arzt mit einem Diktiergerät protokolliert.Darüber hinaus wird alles genau fotografiert.Manche Besucher würden beim Anblick des Sektionssaales sofort an die Autopsie-Szene des Horrorklassikers "Das Schweigen der Lämmer" denken, sagt eine Mitarbeiterin des Institutes.Diese werde der Realität jedoch nur ungenügend gerecht.Das Ganze ähnele eher einer Operation, es sei nur nicht so steril."Unsere Leichen sind nie steril."Auch Professor Geserick entspricht nicht dem gern beschworenen Bild des Gerichtsmediziners, der in einer Art perverser Freude Leichen exhumiert, um sie aufzuschneiden; im Gegenteil, für ihn bedeuten Obduktionen den unangenehmeren Teil seines Berufs.Am schlimmsten seien Massenunfälle, wie Flugzeugabstürze oder Autobahn-Crashs.Mit Schaudern erinnert sich Geserick an den Absturz einer Aeroflot-Maschine bei Schönefeld im Jahre 1984, der 82 Menschen das Leben kostete."Wir untersuchten die Opfer gleich an Ort und Stelle in einer extra dafür hergerichteten Halle." Die Leichen seien zum Teil fürchterlich entstellt gewesen, verkohlt und zertrümmert."So etwas vergißt man nie." Genausowenig wie die Obduktion von mißbrauchten und getöteten Kindern.Doch am Institut wird nicht nur seziert.Als die angenehmeren Seiten seiner Tätigkeit bezeichnet Geserick die wissenschaftliche Forschung."Wir arbeiten zur Zeit experimentell daran zu beweisen, wie verheerend die freiverkäuflichen Schreckschußpistolen sein können." Er zeigt einen robusten Lederhandschuh mit einem großen Brandloch in der Mitte."Auch mit einer simplen Schreckschußpistole kann man jemanden umbringen, man muß sie nur nahe genug an den Körper halten."Hinzu kommt die Verfeinerung der chemischen Diagnostik zur Bestimmung von Gewebeproben und Blutgruppen, die Identifizierung mit Hilfe der Genanalyse oder der Nachweis von Giften und Drogen im Körper.So könne man zum Beispiel am Haar eines Menschen sehr genau beweisen, welche Drogen er im Laufe der Wachstumsphase des Haares zu sich genommen hat.Eine ganz besondere Form der Forschung betreibe eine Mitarbeiterin für ihre Doktorarbeit, sagt Geserick.Sie analysiere die Grimmschen Märchen unter kriminologischen Gesichtspunkten."In den Märchen findet man wirklich alle Formen des gewaltsamen Todes: Zerstückelungen, Verbrennungen, Köpfen, Ertränken ..."Doch um alle Formen des gewaltsamen Todes zu veranschaulichen, bedarf es gar keiner Märchen; die Realität bietet genug Anschauungsmaterial, das in der Präparatesammlung des Instituts gesammelt wird.Diese Schaukästen, in denen alle Stücke penibel nach der Art des unnatürlichen Todes geordnet sind, wurden für die Ausbildung von Medizin- und Jurastudenten sowie von Polizeischülern angelegt.In der Sektion Suizid ist beispielsweise die Schädeldecke eines Selbstmörders ausgestellt, der sich mit 200 kleinen Beilhieben umbrachte."Das glauben mir die Studenten immer nicht, aber dieser Mensch hat sich tatsächlich ganz langsam die Schädeldecke aufgemeißelt." Und in der Abteilung Schußverletzungen findet sich eine selbstgebastelte Kanone mit Holzgeschossen."Damit wollten Volkspolizisten 1958 Schießübungen veranstalten", berichtet Geserick.Doch die Kanone sei zunächst nicht losgegangen, so daß sich einer der Beteiligten über die Mündung beugte, um nachzusehen.In diesem Augenblick löste sich der Schuß.Manchmal schüttelt selbst Geserick den Kopf darüber, was er zu sehen bekommt: "Mein Fach ist manchmal geeignet, am Intellekt der Menschheit zu verzweifeln."

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