Gesundheit : Die Physik der Fälschung

Nach dem Fall Jan Hendrik Schön fragen sich Experten, wie sie Betrug in der Wissenschaft erkennen können

Bas Kast

Die Geschichte vom Aufstieg des Jan Hendrik Schön, 32, beginnt wie ein amerikanischer Traum. Ein fleißiger Physiker, nicht unbedingt ein Genie. Und doch, 1998 steht Schön vor dem ganz großen Durchbruch: Frisch promoviert, reist der ehrgeizige Jungforscher vom kleinen Konstanz am Bodensee zu den renommierten Bell Laboratories im US-Bundesstaat New Jersey.

Von jetzt an geht es Schlag auf Schlag. Schön baut winzige elektronische Schaltkreise, nicht größer als ein Molekül – eine Sensation. Metalle wie Silizium ersetzt er durch organisches Material – bahnbrechend. Beeindruckend auch das Schwindel erregende Tempo, das er dabei vorlegt: Im Jahr 2001 produziert Schön alle acht Tage eine Publikation – viele davon erscheinen in den weltweit führenden Wissenschaftsmagazinen „Science“ und „Nature“. Schon wird der Jungstar als Nobelpreiskandidat gehandelt.

Fabriziert und verzerrt

Und dann der Absturz. Jemand in den Bell Labs ist aufgefallen, dass Schön in verschiedenen Studien in „Science“ und „Nature“ die gleiche Grafik benutzt hat – zur Illustration von Sachverhalten, die nicht viel miteinander zu tun haben. Eine Prüfungskommission wird auf den Plan gerufen, und es bestätigt sich der unheimliche Verdacht: Schön hat gefälscht. In einem kürzlich in „Nature“ selbst erschienenen Bericht ist von dem „größten Betrug, der jemals die Physik heimgesucht hat“ die Rede, „Daten wurden fabriziert und verzerrt – und zwar in großem Stil“.

Wie konnte so etwas geschehen? „Wir haben uns einfach geirrt“, sagte Richard Charkin dazu am Mittwoch in Berlin. Charkin ist Chef von Macmillan, dem Verlag, der das Fachblatt „Nature“ herausgibt. Aus Anlass der Verleihung des Georg-von-Holtzbrinck- Preises für Wissenschaftsjournalismus an Ulf von Rauchhaupt und Tilman Achtnich, hatte Stefan von Holtzbrinck, Vorsitzender der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Holtzbrinck, zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Thema: „Forscher und Verleger – gemeinsame Interessen in der Wissensgesellschaft.“

Solle man angesichts des Schön- Skandals das System ändern? Verlagschef Charkin: „Ich glaube nicht, dass man ein perfektes System schaffen kann.“ Tatsächlich funktioniert „das System“ – zumindest weitgehend. „Nature“ etwa hat dieses Jahr bis Ende September nur eine einzige Studie zurückziehen müssen; in zwei Fällen nahm man erhebliche Korrekturen vor. Das war’s. „Größere Veränderungen planen wir nicht“, sagte deshalb auch der verantwortliche Physikredakteur von „Nature“, Karl Ziemelis, dem Tagesspiegel.

Nicht jeder teilt diesen Optimismus. Denn die Fälschungen des Physikers Schön reihen sich in eine Serie von Skandälchen ein, die im März ihren Anfang nahmen. Damals veröffentlichte der Physiker Rusi Taleyarkhan vom Oak Ridge National Laboratory im US-Bundesstaat Tennessee eine Studie in „Science“, in der er behauptete, eine Kernfusion in einem Becher mit organischer Lösung vollbracht zu haben. Prompt erhob sich der Protest vieler führender Physiker – die einhellige Meinung: Der Kollege muss sich geirrt haben.

Einen Monat später widerlegte „Nature“ eine Untersuchung, die das Blatt im Jahr zuvor veröffentlicht und die hohe Wellen geschlagen hatte: David Quist und Ignacio Chapela von der Universität Berkeley in Kalifornien hatten darin „nachgewiesen“, dass gentechnisch veränderter Mais in Mexiko das Erbgut der Pflanzen in freier Wildbahn infiltriert. Die Forscher hatten ihre Daten nicht mutwillig gefälscht, sondern „nur“ falsch ausgewertet.

Wer ist für solche Fehler und Fälschungen verantwortlich? Wie eine wissenschaftliche Studie veröffentlicht wird, ist eine Wissenschaft für sich. Der Forscher schickt seine Untersuchung an ein ausgewähltes Magazin – etwa „Nature“. Dort nimmt ein Redakteur das Manuskript in Augenschein, und wenn er es für bedeutsam hält, schickt er es an Forscher vom Fach, die Gutachter. Sie sollen die Untersuchung auf Herz und Nieren prüfen. Die Gutachter bleiben anonym. Je nachdem, wie ihr Urteil ausfällt, entscheidet der Redakteur dann, ob die Studie erscheinen soll oder nicht. Bei ernsthaften Fehlern lehnt er eine Veröffentlichung ab.

Ein objektiver Prozess, wie es scheint. Und doch besteht in allen Gliedern der Kette die Möglichkeit der Manipulation. Nehmen wir an, der Redakteur hat eine sensationelle Studie vor sich – zu gern würde er sie in seinem Magazin sehen. Er kennt die Szene, er kennt die Forscher, er weiß, welche Gruppen verfeindet sind und welche sich mögen. So besteht für ihn zumindest die Möglichkeit, sich die Gutachter so herauszusuchen, dass sich die Chancen auf ein positives Echo erhöhen.

Tatsächlich gibt es diesen Vorwurf auch im Fall Schön, wie „Nature“ berichtet. So galt der Nobelpreisträger Robert Laughlin von der Universität Princeton als ausgesprochener Kritiker von Schöns Arbeiten – seiner Meinung nach der Grund dafür, warum die Redakteure sich sorgfältig davor gehütet haben, ihm Manuskripte aus dem Hause Schön zur Begutachtung zu schicken. „Die haben Gutachter gewählt, von denen sie wussten, dass sie ein positives Urteil fällen würden.“ Ein Vorwurf, den der „Nature“-Redakteur Ziemelis energisch zurückweist.

Sicher ist: Auch die Gutachter selbst sind längst nicht immer objektiv. „Anderen Forschern eins auszuwischen gehört zu unserem täglich Brot“, sagt ein Insider. Das Problem: Ein Gutachter ist umso besser, je näher er auf dem Fachgebiet seines Kollegen arbeitet. Der Kollege ist damit aber auch gleichzeitig ein Konkurrent – und nicht immer wird ein Gutachter den Studien seiner Konkurrenten wohlwollend zustimmen, auch, ja gerade wenn sie herausragend sind. „Umgekehrt gibt es auch Freunde, und da drückt man schon mal ein Auge zu“, so der Insider.

Keine Zeit für die Rohdaten

Doch nicht nur Neid und Freundschaftspolitik können der Qualität der Wissenschaft im Wege stehen. Auch Informationsflut und Zeitnot tragen ihr Scherflein dazu bei, worauf Günter Stock hinwies, Vorstandsmitglied des Pharmaunternehmens Schering und einer der Diskussionsteilnehmer der Holtzbrinck-Veranstaltung. „Gäbe es keinen Zeitdruck, könnte der Gutachter auch einen Blick auf die Rohdaten der Untersuchung werfen.“ Die gibt es aber nicht. Würde man die Studien derart gründlich unter die Lupe nehmen – es würde den ganzen Prozess dramatisch in die Länge ziehen.

Auf eine mögliche Lösung der Problematik wies der Jenaer Molekularbiologe André Rosenthal hin. So habe der diesjährige Medizinnobelpreisträger Sydney Brenner vorgeschlagen, die Namen der Gutachter zu nennen. In der Studie, findet Brenner, sollte auch bekannt gemacht werden, wer sie begutachtet hat. Die Gutachter würden ein Manuskript vielleicht akribischer prüfen, wenn sie mit ihrem guten Namen dafür einstehen müssen.

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