Gesundheit : Die polnische Studentin Wioletta Maszczyk glaubt, dass ihre deutschen Kommilitonen weniger Allgemeinbildung haben

Tanja Cummings

Was wohl denken andere Menschen über uns? - In der Rubrik "Gästebuch" lassen wir in lockerer Folge ausländische Gast-Studierende zu Wort kommen. Sie sollen einen kritischen Blick auf ihren Uni-Alltag in Deutschland werfen: Warum studiert es sich hier besser oder schlechter als zu Hause?

Fragt man Wioletta Maszczyk nach dem wichtigsten Unterschied zwischen dem Studium in Deutschland und dem in Polen, antwortet sie ohne Umschweife: "Es ist die Strenge." Während sich die Studierenden hier oft schon in den ersten Semestern spezialisieren und sich auf ihre Steckenpferde konzentrieren, bedeutet das Germanistikstudium in Polen, sich tatsächlich einen Einblick in alle Epochen und in die wichtigsten Werke zu verschaffen.

"Das Germanistikstudium in Polen ist sehr viel verschulter als in Deutschland. Wir kriegen dadurch aber auch eine größere Dosis Allgemeinwissen", sagt Wioletta und verweist auf den straffen Studienplan in ihrer Heimat. Die Polen müssen ihre Prüfungen immer in einem bestimmten Semester ablegen. Fällt einer durch, muss er das gesamte Semester wiederholen.

Die 26jährige Wioletta Maszczyk kam vor drei Jahren an die Freie Universität, um ihren Abschluss von der Uni in Worclaw um einen deutschen zu erweitern und zusätzlich Publizistik zu studieren. Sie will Materialien für ihre Magisterarbeit mit dem Thema "Mutter-Kind-Beziehung in der gegenwärtigen Frauenprosa" suchen.. Von dem deutschen Abschluss erhofft sie sich vor allem bessere Chancen auf einen guten Arbeisplatz in Polen. Dabei kommt es nicht so sehr auf Fachkenntnisse an, sondern auf die Fähigkeit, deutsch zu sprechen.

Wioletta gehörte zu den Glücklichen, deren Studium der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) unterstützt hat. Jetzt, da das Stipendium ausgelaufen ist, arbeitet sie nebenbei in einer PR-Agentur und übernimmt Übersetzungsaufträge.

Die Hochschulausbildung ist in Polen kostenlos. Manche haben die Chance, Sozial- oder Leistungsstipendien zu bekommen. Das Geld ist aber nicht ausreichend, und die meisten Studenten liegen ihren Eltern noch nach lange Zeit auf der Tasche. Doch dies ist in Polen eher ein Grund, das Studium in der Regelstudienzeit abzuschließen.

Wioletta gefällt das Studium in Deutschland wegen der ungewohnten Vielfalt an angebotenen Seminaren. "Das Studienprogramm kann man sich selbst gestalten." Was ihr nicht gefällt? Wiolettas Kritik ist die übliche: "In Polen gibt es keine Massenunis - noch nicht - wegen des strengen Siebverfahrens." Sie wundert sich immer noch darüber, dass am Fachbereich Publizistik Seminarplätze verlost werden.

In Polen kann nur Germanistik studieren, wer in einer Aufnahmeprüfung gute Deutschkenntnisse und detailliertes Wissen über deutsche Kultur nachgewiesen hat. Viele der angehenden Germanistikstudenten in Polen haben das Fach Deutsch bereits im Gymnasium oder in freiwilligen Kursen in der Grundschule belegt. Während vor der Wende vor allem das Fach Russisch im Vordergrund stand, gab es kurz nach der Wende einen großen Ansturm auf Fächer wie Deutsch und Englisch in den polnischen Schulen und Universitäten. Dieser Ansturm flaut nun ab.

Was Wioletta ausgerechnet nach Berlin lockte, ist etwas, das wohl auch den Großteil der zugezogenen deutschen Studenten reizte. "Hier kann ich Leute aus der ganzen Welt kennenlernen." Einen Hauch an Internationalität verspüre man in den Studentenheimen der Stadt. In ungetrübte Großstadtschwärmerei verfällt die sachliche Wioletta allerdings nicht. Gelassen berichtet sie von einem Vorfall, der typisch für das Bild sein könnte, das viele Berliner von den Polen haben. Als Wioletta auf einem internationalen Kongress im ICC jobbte, meldete sich bei ihr ein Kongressteilnehmer, der bestohlen worden war. Sie rief die Polizei. Ein Beamter tauchte bald auf, um Wioletta und den Bestohlenen mit der Bemerkung zu belehren, dass es sicherlich Polen oder Russen waren.

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