Gesundheit : Die Potter-Politik

Irakkrieg und Pisa: Ein Held zwischen den Welten

Florian Urschel

Andrew Blake ist mutig. Der britische Kulturwissenschaftler läuft bewusst Gefahr, nicht ernst genommen zu werden. Er riskiert, dass die Leute sagen: Er übertreibt, er deutelt zu viel herum. In der Kinderbuchreihe „Harry Potter“, sagt Blake, der am King Alfred’s College in Winchester lehrt, zeige sich die ganze Krise der Welt in der heutigen Zeit. Über „Harry Potter and the Evil Empire“ sprach Blake jetzt im Großbritannien-Zentrum der Humboldt-Universität. Harry Potter als Medium im Reich des Bösen, die Fantasy-Romane als großes Welttheater?

„Es gibt in den Romanen ein Feindbild, das Reich des Bösen. Aber es gibt nicht das absolut Gute“, sagt Blake. Der Held Harry betrügt gelegentlich, lügt und steht dem teuflischen Voldemort verdächtig nahe. Blake vergleicht das mit der Situation in der Welt heute, nach dem 11. September. Der Irakkrieg hat keinen strahlenden Sieger, der Terrorismus wird manchmal mit unmenschlichen Methoden bekämpft. Wie Harry wüssten viele Menschen nicht, auf welcher Seite sie eigentlich stehen. Und ob es überhaupt zwei Seiten gibt.

Aber auch in seinem Alltagsleben hat Harry Potter mit vielen Dingen zu kämpfen, die in der realen Welt eine große Rolle spielen. „Es geht los mit dem typischen Vorstadthorror, in dem viele Jugendliche auch heute noch gefangen sind“, erklärt Blake. Der Zauberlehrling lebt während der Ferien bei der fiesen Familie Dursley in einem Vorort von London. „Kinder auf der ganzen Welt fühlen sich wie Harry“, sagt Blake. „Sie wollen raus, um Abenteuer zu erleben.“ Allzu oft stürzten sich die Jugendlichen dann in den Konsum: die neuesten Klingeltöne, die angesagtesten Klamotten, Drogen. Potter-Autorin J. K. Rowling bietet eine andere Lösung an: Harry und seine Freunde konsumieren Bildung, lesen aus eigenem Interesse ein Buch nach dem anderen – aus Blakes Sicht ein wichtiger Beitrag zur Debatte um die Pisa-Studie und Hochschulreformen. „Harry, Ron und Hermine erleben Abenteuer, weil sie Bücher aufschlagen. Und dann besiegen sie das Böse mit ihrem eigenen Wissen.“ Sie lernten dabei, selber zu handeln. Und es sei ungeheuer spannend, sie dabei zu beobachten. Diese Lust am Lernen müssten die Politiker auch in unserer Welt fördern, sagt Blake. Man kann Harry Potter in der Tat so lesen, aber der Kulturwissenschaftler weiß auch: „Für die meisten sind die Potter-Bücher einfach fantastische Kinderliteratur.“

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