Gesundheit : "Die Prioritäten werden nicht richtig gesehen"

Berlin will Wissenschaftsmetropole sein. Sie komme

Der Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung zum Wissenschaftsstandort Berlin und den jüngsten Empfehlungen des Wissenschaftsrats

Wolfgang Frühwald (65) gehört zu den besten Kennern der deutschen Hochschulszene. Von 1991 bis 1997 war er Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, seit 1999 ist er Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Er wirkte in Hochschulräten in Bayern und Niedersachsen mit und ist zur Zeit Vorsitzender des neuen Kuratoriums der Freien Universität. Er ist Mitglied mehrerer Akademien.der Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Academia Europaea in Londnn, der Katholischen Akademie in Bayern und korrespondierendes Mitglied der Akademien in Göttingen, Düsseldorf und Berlin-Brandenburg.

Berlin will Wissenschaftsmetropole sein. Sie kommen aus München, der wahren Wissenschaftsmetropole in Deutschland. Dort werden jährlich in den Ausbau der Hochschulen mehrere hundert Millionen Mark investiert. In Berlin droht aus Kostengründen eine zeitliche Streckung, ja ein Baustopp, weil die Stadt die notwendigen 191 Millionen Mark für den Hochschulbau in diesem Jahr nicht aufbringen kann. Werden die Prioritäten in Berlin nicht richtig gesehen?

Die Prioritäten in Berlin werden derzeit nicht richtig gesehen. Berlin hat die Hauptstadtfunktion übernommen und wer immer durch die Straßen Berlins geht, sieht, dass die Hauptstadt hier angekommen ist. In einer Hauptstadt muss die Wissenschaft in einem ganz anderen Ausmaß gefördert werden als in anderen Hochschulstädten. Deswegen muss Berlin die Anstrengungen, um seine Wissenschaftslandschaft zu konsolidieren und zu erhalten, vergrößern. Zurzeit sieht es so aus, dass die Antrengungen verringert werden. Wie der Senat von Berlin aus der Finanzmisere herauskommen will, in der er gegenwärtig steckt, weiß ich nicht. Mir scheint, dass die enge Zusammenarbeit zwischen dem Land Berlin und dem Bund auch im Bereich von Wissenschaft und Forschung das Gebot der Stunde ist.

Der Wissenschaftsrat nimmt den Anspruch Berlins, eines der größten Wissenschaftszentren zu sein, ernst - nennt dafür aber eine Reihe von Bedingungen: 85.000 Studienplätze sind zu garantieren und für den Hochschulbau und die Modernisierung von Geräten muss das Land jährlich 250 Millionen Mark bereitstellen. Werden Berliner Politiker diesen Rat beherzigen?

Ich sehe eine Chance, dass die Berliner Politiker die Vorschläge des Wissenschaftsrats beherzigen. Denn der Pakt, den der Senat von Berlin über die Verträge mit den Hochschulen geschlossen hat, hat den Hochschulen Opfer abverlangt, die größer sind als in allen anderen Bundesländern. Wenn die Zahl der Professoren an der Freien Universität zum Beispiel auf fast 50 Prozent und noch darunter reduziert wird, dann bedeutet das für eine Universität einen Aderlass, der normalerweise nicht zu verkraften ist. Die Berliner Universitäten haben bisher mit großer Disziplin die Verträge erfüllt, und sie müssen darauf bauen, dass die andere vertragsschließende Seite ihre Abmachungen ebenso erfüllt. Deswegen hoffe ich auf Einsicht der Politiker.

Mit anderen Worten: Wenn bei den 85.000 Studienplätzen und beim Hochschulpersonal nicht mehr weiter gespart werden kann, wäre es dann verfehlt, wenn die Politiker nun bei allen Bau- und Geräte-Investitionen zuschlagen?

Es ist genau so, wie Sie es sagen. Der Wissenschaftsrat weist unter anderem auf den desolaten Zustand der Bibliotheken hin. Berlin muss ja gar nicht zu der Wissenschaftsmetropole werden, aber es muss eine Wissenschaftslandschaft bleiben, damit die Centers of Excellence, die ja in Berlin in größerer Zahl vorhanden sind, sich so vernetzt als Wissenschaftslandschaft präsentieren können, dass sie wettbewerbsfähig bleiben. Und das erstens in Deutschland, zweitens in Europa und drittens international. Wir müssen ja nicht an jeder Stelle in Deutschland mit den großen Wissenschaftslandschaften in den USA konkurrieren, aber wenigstens in Europa müssen wir konkurrenzfähig bleiben, und schon dies ist derzeit in Berlin wegen der Finanzmisere in Gefahr.

Der Wissenschaftsrat fordert die Einrichtung eines Landeshochschulrates, der den Berliner Senat beraten soll. Mit hochkarätigen Persönlichkeiten besetzt, soll er auch mit dem Land Brandenburg zusammenarbeiten. Halten Sie die Einrichtung eines Landeshochschulrates für sinnvoll?

Ich habe mit Landeshochschulräten sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich war lange Zeit Vorsitzender der wissenschaftlichen Kommission des Landes Niedersachsen - die hat versucht, die niedersächsische Hochschullandschaft zu ordnen. Ich bin Vorsitzender eines ähnlichen Beirates in Bayern und auch dort meine ich, dass die Zusammenarbeit zwischen Landeshochschulrat, wenn man ihn so nennen will, und den Universitäten und Forschungseinrichtungen sehr gut ist. Wichtig ist es vor allem, den Blick von außen auf das Land zu bekommen und die Erfahrungen aus anderen Bundesländern von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und angesehenen Gelehrten für Berlin nutzbar zu machen. Einen solchen Landeshochschulrat unterstütze ich sehr.

Außerdem fordert der Wissenschaftsrat für jede staatliche Hochschule in Berlin die Einrichtung eines Hochschulrats, um den Außenblick zu verstärken. Sie sind Vorsitzender eines Berliner Hochschulrats, nämlich des Kuratoriums neuer Art an der Freien Universität. Das FU-Kuratorium ist neuerdings ganz anders als früher zusammengesetzt und vertraut auf den Ratschlag herausragender Persönlichkeiten statt auf politische Funktionsträger und Interessenvertreter. Hat sich das neue Kuratorium bewährt?

Ich war zunächst dem Berliner Modell gegenüber skeptisch, denn der Unterschied zwischen dem Berliner und zum Beispiel dem bayerischen Modell ist, dass in Bayern Mitglieder des Hochschulrats nur Personen von außen sind. An der Freien Universität liegt dagegen eine Mischung vor: Personen von außen stellen die eine Hälfte, die andere besteht aus gewählten Vertretern der Universität. Meine Skepsis gegenüber dem Berliner Modell hat sich im Laufe der Arbeit gelegt. Ich würde den Berlinern vorschlagen, sich nicht auf das bayerische Modell einzulassen, sondern das neue Kuratorialmodell der FU beizubehalten, weil die Vermittlung dessen, was das Kuratorium sagt und tut, in die Universität hinein durch die Mitglieder im Kuratorium rascher und besser gelingt, als wenn man erst die vielen Umwege über Öffentlichkeit und Universitätsleitung nehmen müsste. Ich glaube, wir haben uns im FU-Kuratorium - wenn ich es bayrisch ausdrücken darf - zusammengerauft. Diesen Prozess jetzt wieder rückgangig zu machen, halte ich für bedenklich.

Was ist in den Beratungen und Entscheidungen der Freien Universität anders geworden, seitdem es das neue Kuratorium gibt?

In den Beratungen wird nicht mehr in jeder Sitzung zunächst einmal Nachhilfeunterricht über die Grundregeln in der inneruniversitären Demokratie gegeben. Es werden keine endlosen Geschäftsordnungsdebatten geführt. Es gibt nicht mehr die Filibusterei, sondern eine wirkliche Sachdiskussion herrscht vor. Dies war in der ersten und der zweiten Sitzung noch gar nicht so. Sondern dort haben auch die Kuratoren von außen plötzlich darüber nachdenken müssen, ob ein bestimmtes Institut zwei oder vier Hilfskräfte haben soll. Inzwischen hat es sich bei allen Mitgliedern herumgesprochen, dass das Kuratorium eine strategische Aufgabe, eine konzeptionelle Aufgabe und nicht eine detailsteuernde Aufgabe hat.

In welche Richtung soll die Entwicklung der Freien Universität gehen? Was halten Sie von den bisher bekannt gewordenen Vorschlägen des Wissenschaftsrats für die FU?

Die Freie Universität muss eine Grundsatzentscheidung treffen und diese Grundsatzentscheidung hat das Kuratorium das letzte Mal vorbereitet. Trotz des enormen Stellenabbaus muss ein Korridor offen bleiben, in dem Neuberufungen von Professoren innerhalb der nächsten fünf Jahre in bestimmten wichtigen Bereichen möglich sind. Es ist ein ehrgeiziges Berufungsprogramm, das die FU vorhat. Die zweite Grundsatzentscheidung: Wir haben Eckpunkte für diese Berufungen gesetzt. Wir haben gesagt, jetzt ist die Chance da, wir müssen sie ergreifen. Der Lehrkörper muss insgesamt verjüngt werden. Die FU darf keine Universität werden, an der die Leute vom 52. Lebensjahr an aufwärts lehren, sondern es müssen wesentlich jüngere Leute unter 40 Jahren berufen werden. Dritter Grundsatz: Die Freie Universität muss internationalisiert werden. Ein ganz bestimmter Prozentsatz von Professoren ist aus dem Ausland zu holen. Außerdem sollte der Frauenanteil gesteigert werden, damit die andere Hälfte der Menschheit nicht weiterhin von der Wissenschaft ausgeschlossen ist. Mit diesen Eckpunkten könnte es gelingen, der FU ein Profil zu geben, das sie in der Berliner und deutschen Universitätslandschaft unverwechselbar macht.

Teilen Sie die kritische Sicht des Wissenschaftsrats auf bestimmte Fachrichtungen, insbesondere auf das Osteuropa-Institut der FU?

Der Wissenschaftsrat hat sehr wenig qualitative Äußerungen gemacht. Er hat im Grunde Strukturempfehlungen gegeben. Aufgabe des Kuratoriums wird es sein, die Strukturempfehlungen mit den qualitativen Überlegungen zu verbinden, um dann durch Schließung von Fächern, deren Erneuerung oder Neugründungen eben dieses Profil der Universität zu stärken oder erst herzustellen. Ich kann mir eine Freie Universität ohne eine wirklich qualitativ hochwertige Osteuropaforschung nicht vorstellen. Aber so, wie der Wissenschaftsrat jetzt die Regionalstudien beurteilt hat, kann es auch nicht bleiben. Also müssen wir in kürzester Zeit ein alternatives Konzept haben.

Welchen Zeitraum setzen sie für die Profilbildung an?

Ich rechne mit einem Zeitraum von etwa fünf Jahren. Ich glaube, dass alle in der Freien Universität jetzt genau wissen, was die Stunde geschlagen hat und dass diese nun wirklich schwer geprüfte Universität auch so viel Energie in sich hat, dass sie sich ein neues Profil geben kann. Danach wird sie sich mit diesem Profil selbstbewusst dem Wettbewerb stellen. Das Interview führte Uwe Schlicht.

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