Gesundheit : Die Qual der Studenten-Auswahl

Berlins Wissenschaftssenator a.d.

TURNERS THESEN

zu Bildung und Politik

Als ein Allheilmittel zur Lösung der Probleme an den Hochschulen wird gefordert, die Universitäten in die Lage zu setzen, „ihre“ Studierenden selbst auszuwählen. Richtig ist, dass sich sehr bald zeigen würde, wo welche Anforderungen gestellt werden und welche Fakultäten besonders leistungsstark sind. Damit wäre schnell das Gefasel von Eliteuniversitäten erledigt. Es bleiben aber Fragen über Fragen, die bisher noch nicht einmal angedacht worden sind.

Zunächst werden sich die Fakultäten über die Arbeit wundern, die mit der Auswahl der Studierenden auf sie zukommt. Soll nach Abiturnoten, gewichtet in Bezug auf die Eignung für das Studienfach selektiert werden? Erkenntnisse, welche Schulfächer für ein erfolgreiches Studium wesentlich sind, gibt es. Prognosen über die Fähigkeit, ein Studium intellektuell zu bewältigen, sind also durchaus möglich. Damit ist aber noch nichts über außerfachliche Qualifikationen und schon gar nichts über die berufliche Eignung gesagt. Wenn also Schlüsse auf soziale Kompetenz, Teamfähigkeit und andere Merkmale gezogen werden sollen, muss man sich mit den Bewerbern intensiv befassen. Wer macht das? Wer führt Auswahlgespräche? Eine Fakultät müsste sich einig sein über das Profil der Kandidaten.

Die Auswahl der Bewerber durch die Hochschulen selbst wird zu einer großen Zahl von Bewerbungen, auch von Mehrfachbewerbungen führen. Um überhaupt einen Studienplatz zu ergattern, wird man die Unterlagen an verschiedene Orte schicken. Das wird sich zwar nach einiger Zeit regulieren, wenn nämlich bekannt ist, welche Anforderungen bestimmte, besonders begehrte Fakultäten stellen. Zunächst aber wird es ein ziemliches Chaos geben. Das allerdings muss, wenn man tatsächlich mehr Wettbewerb will, auf Zeit in Kauf genommen werden. Wer organisiert die Bewerberflut? Man hört schon die Forderung nach neuen Stellen . . .

Wie wird ein faires, auch gerichtsfestes Verfahren garantiert? Können Studienplätze frei bleiben, wenn es zwar Bewerbungen gibt, diese aber nicht den von einer Fakultät geforderten qualitativen Voraussetzungen entsprechen? Was geschieht mit denen, die überall abgewiesen werden? Können sich Kandidaten einklagen, solange die Kapazität nicht ausgelastet ist?

Oder wird auch im Hochschulbereich das gelten, was ansonsten beim Start der Ausbildung üblich ist: Junge Menschen, die Bäcker oder Friseurin werden wollen, können sich, wenn keine Lehrstellen angeboten werden, nicht per Gericht in einen Betrieb einklagen. Beim Studium ist das anders. Dies zeigt erneut die deutliche Privilegierung des akademischen Sektors. Soll es dabei bleiben oder das Prinzip womöglich – aus Gründen der Gerechtigkeit – auf alle Ausbildungsbegehren ausgedehnt werden?

Wie gesagt: Fragen über Fragen. Es ist höchste Zeit, ihre Beantwortung in Angriff zu nehmen.

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