Gesundheit : "Die radsamste Art, Potsdam zu erleben"

ANJA HENNIG

Wenn Tom Sehrer am Sonnabend vormittag zur Arbeit radelt, weiß er nicht, ob und wieviel Geld er verdienen wird. Manchmal warten nur vier Leute mit ihren Fahrädern am Bahnhof Potsdam-Stadt, an anderen Tagenstand er auch schon alleine da. Stadtführerschicksal.Seit knapp einem Jahr gibt es "potsdam per pedales e.V." Zu dem Verein gehören sieben Studierende der FU und TU und der beiden Potsdamer Hochschulen. Sie haben sich zusammengefunden, um in Potsdam thematische Stadtführungen per Fahrrad anzubieten - "mit Witz und kritischem Blick", wie ein stilvoll desingtes Faltblatt über das neunfache Tourenangebot erklärt.Die Studentinnen und Studenten wollen "Potsdam als einzigartige Kulturlandschaft erfahrbar machen und Besuchern dabei einen intensiven Zugang zu Geschichte und Gegenwart dieser facettenreichen Stadt verschaffen." Routiniert bringt Tom Sehrer die Konzeptidee von "potsdam per pedales e.V." auf den Punkt - schließlich beschäftigt er sich seit drei Jahren damit, ist Vereinsvorsitzender und schreibt regelmäßig Pressemitteilungen. Nebenbei studiert der Sachse aus dem Erzgebirge Kulturmanagement an der Potsdamer Fachhochschule.Seine Kollegin Constanze Aehlig ist gerade einmal einundzwanzig und studiert in Berlin Kunstgeschichte. Dabei hat sie vor zwei Jahren ihre architektonische Leidenschaft entdeckt. Mittlerweile ist sie bestens vertraut mit der Baukunst Schinkels oder Stülers und führt die Standard-Tour "Alter Fritz", die potsdam per pedales e.V. jeden Sonnabend anbietet. Die architektonischen Widersprüche drängen sich einem bereits an der ersten Station am Alten Markt zwischen klassizistischer Nikolajkirche, sozialistisch gestylter Fachhochschule und postkommunistischer Blechbüchsentheaterkonstruktion auf. Doch ehe der Radfahrer sich versieht, haben ihn idyllische Schleichwege entlang der Havel, an Lennéschen Parklandschaften, Schinkelschen Schlössern und Belvederes vorbeigeführt."Die kontroverse Geschichte der Stadt anhand bestimmter Bauwerke und Landschaften zu zeigen und sie intellektuell zu vermitteln, ohne langweilig zu werden", darin sieht Tom die größte Herausforderung einer jeden Tour. Dafür gibt es zwar, wie auch bei der zweiten Standardtour "Durch Babelsberg" ausgearbeitete Streckenvorgaben. Die persönliche Note erlangt sie aber erst durch die individuellen Vorlieben des oder der Führenden. So recherchiert Constanze Aehlig momentan an einer Tour über "Frauen in Potsdam", die sie nächstes Frühjahr anbieten möchte, während Tom eine Führung zur jüdischen Geschichte und Gegenwart in Potsdam plant.Was nicht heißt, daß alle für sich alleine recherchieren, lesen und lernen. Letztens hat Katrin, Landschaftsarchitektur-Studentin an der TU, beim Vereinstreffen einen Vortrag über DDR-Architektur gehalten, während der diplomierte Politikwissenschaftler Burkhard Fricke die erste Fassung seiner "Literatour zu Fuß" der vereinsinternen Kritik freigab.Ob das nicht ziemlich viel Arbeit neben dem Studium sei? "Ja und nein", das Problem bestünde vor allem darin, "die Organisation in den Griff zu bekommen." Potsdam per pedales ist zwar als Verein registriert und damit gemeinnützig, die innere Struktur entspricht aber einem Netzwerk. Das ermöglicht es beispielsweise individuelle Touren anzubieten, Referenten miteinzubeziehen und projektbezogene Gelder zu beantragen. Auf der anderen Seite fehle aber eine Person, die durch ÷Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising dieses Netzwerk zusammenhält und weiterknüpft. Bisher, erzählt Tom, habe er diese Aufgaben übernommen und in seinen Babelsberger siebenunddreißig Quadratmetern extra ein kleines Büro eingerichtet: "Da das Inhaltliche stimmen muß, kommen Marketing und intensive Öffentlichkeitsarbeit eben oftmals zu kurz."Das mag auch der Grund sein, weshalb trotz Homepage und Flyern die Nachfrage noch gering ist. Auf der anderen Seite sind es gerade die Hochschulen, die großes Interesse zeigen und über die schon diverse Gruppenführungen angefragt wurden. Damit demnächst besser zielgruppenspezifisch geworben werden kann und das spannende Tourenangebot bekannter wird, hat Tom bereits eine Praktikumsstelle für Öffentlichkeitsarbeit ausgeschrieben und hofft auf interessierte Nachfragen.Was die weiteren Pläne betrifft, mangelt es Constanze und Tom nicht an guten Ideen: Umlandfahrten mit Picknick und Konzertbesuch wären ein nächster Traum, aber erst einmal müßten diesen Sommer genügend Leute kommen, die "genußvoll und sinnlich einfach nur die Stadt inmitten Architektur und Natur erfahren wollen."

Bis zum September starten die Studierenden jeden Sonnabend um 11 Uhr zu ihrer Stadttour "Alter Fritz". Die 20 Kilometer lange Fahrt führt unter anderem vorbei am Schloß Sanssouci, an Seen und Parkanlagen, der Russischen Kolonie Alexandrowka und dem Schloß Cecilienhof. Sie endet am Holländerviertel. Die Tour dauert etwa vier Stunden, die Teilnahme kostet 20 Mark, Gruppen zahlen nach Vorbestellung 180 Mark.Jeden Sonntag um 14 Uhr geht es nach Babelsberg. Auf der 15 Kilometer langen Tour liegen das neogotische Schloß, die Villenkolonie Neubabelberg und das Böhmische Weberviertel. Die Fahrt dauert drei Stunden, die Teilnahme kostet 15 Mark (Gruppen 150 Mark).Treffpunkt für beide Touren ist die Fahrradstation City Rad am Bahnhof Potsdam Stadt.Bei Regen geht es zu Fuß durch die Potsdamer Innenstadt. KontaktTelefon und Fax: 0331/748 00 57.E-mail: potsdam.per.pedales@t-online.de http://home.t-online.de/home/potsdam.per.pedales/touren.htm

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