Gesundheit : Die Rechnung geht auf

Im Internat Salem erleben die Schüler einen ganz anderen Mathematik-Unterricht

Kilian Kirchgeßner

Die Ruhe gehört hier zum Konzept: Pulsierendes Leben finden die Schüler vom Internat Salem nicht in der Kleinstadtidylle von Überlingen am Bodensee – dafür aber Konzentration. Auf dieses unscheinbare Nest wird jetzt auch der Deutsche Philologenverband aufmerksam, die Interessenvertretung der Gymnasiallehrer: Der Mathematik-Unterricht in Salem könnte Vorbild sein für die Pisa-geplagten deutschen Schulen. Salem ist bundesweit die einzige Einrichtung, in der das Fach sowohl nach dem traditionellen Lehrplan unterrichtet wird als auch nach dem Curriculum des International Baccalaureate (IB). „Im direkten Vergleich schneidet das IB in wesentlichen Punkten besser ab“, sagen die Lehrer in Salem, und die Schüler nennen die Didaktik in den IB-Kursen „erfrischend“.

Wie das funktioniert? In allen Fächern, auch in Mathematik, sind die Schüler ständig aufgefordert, selbstständig etwas „zu produzieren“, sich durch ihr eigenes Handeln voranzubringen: „Nicht ,Lehrer lehre’ ist das Prinzip, sondern ,Schüler lerne’“, sagt der Salemer Studienleiter Manuel Schiffer. Für den Mathematikunterricht heißt das etwa: Niemand soll durch ellenlange mathematische Beweise die Lust verlieren. Stattdessen konzentrieren sich die Schüler auf die praktische Anwendung von mathematischen Modellen, berechnen und optimieren beispielsweise den Inhalt von Getränkedosen. Damit sammeln sie Erfolgserlebnisse und bauen eine neue Motivation auf. Der theoretische Überbau mit seinen Beweisen und Herleitungen wird nur in den Leistungskursen unterrichtet.

Für Manuel Schiffer ist das alles eine Frage der Psychologie – auch für die Lehrer. „Ein deutscher Lehrer fühlt sich einfach schlecht, wenn an der Tafel ein Satz ohne Beweis steht“, sagt Schiffer. Zu tief sitze bei ihnen aus dem Studium die wissenschaftliche Herangehensweise. Schiffer weiß, wovon er redet: Er hat jahrelang nach deutschen Lehrplänen unterrichtet, bevor er auf das IB-Curriculum umschwenkte. „Früher habe ich den Schülern ein paar Stunden lang den Beweis für die quadratische Lösungsformel erklärt“, erinnert er sich, „und hinterher hat sich das trotzdem kein Mensch gemerkt. Aber alle waren erstmal frustriert, weil das so schwer ist.“

Was beim IB stattdessen vorgesehen ist, widerstrebt allerdings noch dem Mathe-Verständnis vieler Lehrer: Einfach die Formel an die Tafel zu schreiben und die Schüler damit arbeiten zu lassen. „Wenn ich den Beweis weglasse, kann ich in der gesparten Zeit viele Aufgaben aus der Praxis rechnen. Damit verstehen die Schüler, was sie von der Formel haben, und sammeln erste Erfolgserlebnisse“, sagt Schiffer.

Das sieht der Deutsche Philologenverband genauso. Max Schmidt ist Mathelehrer und Vorsitzender des bayerischen Landesverbandes. „In deutschen Lehrplänen kommt immer noch die Anwendung der Formeln viel zu kurz.“ Er warnt aber gleichzeitig davor, die Mathematik zu weit zu vereinfachen. Wer etwa bei Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung nur vorgekaute Formeln einsetze, werde sie in den meisten Fällen falsch anwenden – „da fehlt es dann einfach am Verständnis für den Zusammenhang“.

Schiffer geht es aber nicht darum, den Schülern die Mathematik mundgerecht zu verabreichen – womöglich in einem Unterricht, der einer großen Unterhaltungsshow ähnelt. Vielmehr will er die Schüler zur Eigenständigkeit zwingen. Das verändert auch die Rolle des Lehrers: „Er steht den Schülern mehr zur Seite als vorne an der Tafel“, sagt Schiffer.

Und das ganz besonders, wenn es an die Abschlussprüfung geht, die 80 Prozent der Endnote ausmacht. Die Prüfungsaufgaben sind für das IB weltweit gleich, auch die Lehrer kennen sie vorher nicht. Anders auch als beim Zentralabitur in Baden-Württemberg gibt nicht der Lehrer die Zensuren, der die Schüler vorher unterricht hat. Deshalb kämpfen Lehrer und Schüler in der zweijährigen Vorbereitungszeit gemeinsam für ein möglichst gutes Ergebnis. „Das sorgt für eine ganz andere Arbeitsatmosphäre“, schwärmt Schiffer.

Die restlichen 20 Prozent ihrer Note müssen die Schüler über zwei Jahre hinweg sammeln – nach einem Prinzip, das an deutschen Schulen nahezu unbekannt ist: Jeder legt eine Präsentationsmappe an, in die er drei große Projektarbeiten heftet. Da geht es zum Beispiel darum, den täglichen Nahrungsmittelbedarf eines Menschen zu berechnen und mit dessen Körpergewicht zu verknüpfen. Die Lehrer bewerten diese Arbeiten nach einem Kriterienkatalog. Maßgeblich ist dabei nicht allein das richtige Ergebnis: Die Schüler punkten mit der mathematischen Terminologie, mit einer anschaulichen Darstellung, mit dem Lösungsweg und den aufgestellten Hypothesen. „Damit wird der Mathe-Unterricht ganzheitlicher, wir konzentrieren uns nicht mehr nur auf Zahlen und Formeln“, sagt Angelika Reuter, die in Salem sowohl seit vier Jahren nach deutschem Lehrplan als auch nach IB-Curriculum unterrichtet.

Dabei stellt sie Unterschiede zwischen beiden Mathematik-Stilen vor allem bei den quadratischen Funktionen und ihren Ableitungen fest. So ist es beim IB nicht besonders gefragt, Wertetabellen auszurechnen und Graphen zu zeichnen. Bei diesen rein handwerklichen Aufgaben hilft ein Taschenrechner, dessen Display groß genug ist, um den Graphen mitsamt seiner Hoch- und Tiefpunkte anzuzeigen. „Die Ableitung muss nach wie vor jeder Schüler errechnen können, aber wir halten uns damit nicht lange auf“, sagt Angelika Reuter.

Stattdessen lässt sie die Schüler lieber mit den Formeln praktisch arbeiten. So erreichen sogar die Übungsaufgaben ein höheres Niveau als jene aus dem Abitur-Lehrplan, weil der Taschenrechner die Zeit für die grundlegenden Rechentechniken einspart. Inzwischen ist diese Überlegung auch beim Kultusministerium in Baden-Württemberg auf offene Ohren gestoßen. Vor kurzem führte es die graphischen Taschenrechner landesweit ein – lange, nachdem sie beim IB schon zum Standard erhoben worden sind.

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